Stand: 25.08.2019 12:40 Uhr

Ein unmöglicher, fürchterlicher, wunderbarer Vater

Otto
von Dana von Suffrin
Vorgestellt von Alexander Solloch

Dana von Suffrin, geboren 1985 in München, arbeitet als Wissenschafts-Historikerin an der Universität ihrer Heimatstadt. Aber es schlummerte in ihr auch eine Geschichte, die ganz und gar aus jedem wissenschaftlichen Kontext fällt und die jetzt ans Licht drängt: "Otto", ihr Debütroman, ist gerade bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Eine junge Frau erzählt von ihrem unmöglichen, fürchterlichen, wunderbaren Vater.

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"Otto" ist der Debütroman von Dana von Suffrin, die eigentlich Wissenschafts-Historikerin ist.

Otto jammert, Otto mahnt, Otto drängelt, Otto quatscht. Otto weiß immer Bescheid, und wer es nicht tut, ist für Otto ein Idiot. Nur natürlich nicht seine Töchter, die liebt er über alles, weshalb er sie besonders großzügig mit seiner Bescheidwisserei beschenkt. Und mit seiner Motzerei. Und mit seinem immer so schön schief formulierten Gejammer. Und mit seiner Drängelei.

Mit den Jahren hatte Otto ein neues Mittel gefunden, seinen Willen durchzusetzen: die schöne Bitte. Die schöne Bitte war eine Art getarnter Befehl und funktionierte so: Erst bat Otto, dann bat er noch einmal, und schließlich klagte er in wehleidigem Ton darüber, dass er uns so schön gebeten hatte, und trotzdem hätten wir einfach ignoriert seine schöne Bitte! Eine Sache, um die er uns tatsächlich sehr lange schön gebeten hat, war die nach einem Buch, das über unsere Familie geschrieben werden sollte. Leseprobe

Liebe und Entfremdung

Weitere Informationen

Klaus-Michael-Kühne-Preis an Dana von Suffrin

Der Klaus-Michael-Kühne-Preis für das beste Romandebüt des Jahres geht in diesem Jahr an Dana von Suffrin. Sie wird damit für ihr Erstlingswerk "Otto" ausgezeichnet. mehr

Ottos Tochter Timna steht ratlos vor diesem Ansinnen - und es entsteht Wunderbares aus dieser Ratlosigkeit. Die Geschichte einer Entfremdung vom Familienpatriarchen, dem sich Timna zugleich so nahe fühlt, so unzerstörbar nah. Was ist das für eine Liebe! Eine Liebe jedoch, die durch alle Tümpel der Lächerlichkeit watet. Lächerlich sind die Haare, die aus Ottos Nase sprießen, lächerlich ist sein manischer Geiz, lächerlich sind die alten Schnurren, mit denen er immer wieder kommt.

Damit das klar ist: Die Geschichte unserer Familie war kein Epos vom Suchen, Verlorengehen und Wiederfinden, an dessen Ende eine brave rotbäckige Familie die Ellbogen auf den Küchentisch stützte und zuversichtlich in die Zukunft blickte. (Ich glaube, so sah mein Vater uns.) Unsere Familie war eher ein Klumpen Geschichten. Wäre man weniger wohlmeinend, hätte man sagen können: Unsere Familie war ein Rattenkönig aus Geschichten, eine größere Anzahl räudiger Nagetiere, deren nackte Schwänze sich verheddert hatten und nun untrennbar miteinander verwachsen waren. Leseprobe

Otto lässt sich Zeit mit dem Sterben

Da gibt es kein Entrinnen. Und gäbe es das, wäre auch niemand glücklich. Otto ist alt, Otto ist krank. Alzheimer und körperliche Gebrechen lassen immer wieder die Sterbeglocke läuten; und immer wieder schlägt er sie dem Schicksal aus der Hand. Er, der so früh hätte sterben sollen, lässt sich Zeit. Und er hat recht damit. Dieser alte verrückte Mann, der seine Töchter in den Wahnsinn treibt und manchmal auch die Leser, verlängert sein Leben um die Zeit, die es ihm durch Traumatisierung raubte.

Sind Sie ein Siebenbürger Sachse, fragte der Arzt meinen Vater. Otto sah ihn ein paar Sekunden aus blutunterlaufenen Augen an und sagte dann: Ich bin ein Siebenbürger Jude! (…) Aha, sagte der Arzt. Dann sagte er: Sie sind ein bisschen dehydriert, zeigen Sie mir doch mal Ihre Venen. Er berührte meinen Vater sanft am Arm und versuchte, das weiche, innere Fleisch in der Ellbogenbeuge nach außen zu drehen. Wir sahen ihm zu, wie er mit dem Zeige- und dem Mittelfinger nach den Venen tastete. Mein Vater hielt still und rief: Nein, ich habe so eine Nummer nicht! Wir sind davongekommen! Der Arzt ließ seinen Arm los und sagte: Ihre Venen! Lesprobe

Niemandem bedeutet es so viel, ein Jude zu sein, wie diesem knarzigen, überlebenden, unersetzlichen Otto; und niemandem gelingt es weniger, diese Empfindung in die nächste Generation hineinzugeben. Immer ziehen sich seine Töchter an den jüdischen Feiertagen falsch an, sagen die falschen Dinge, schaffen es nicht einmal, seine Geschichte richtig zu erzählen. Und doch wird er, der Typ Otto - Otto, dieser Typ - weiterleben durch dieses fabelhafte, lustige, traurige und melodiöse Buch, das unbedingt zu lesen man jeden nur schön bitten kann.

Otto

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-05257-2
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 26.08.2019 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Roman-von-Dana-von-Suffrin-Otto-,otto826.html

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