Megan Nolan: "Verzweiflungstaten" (Cover) © Blumenbar beim Aufbau Verlag

Roman einer bizarren Beziehung: "Verzweiflungstaten"

Stand: 21.10.2021 14:05 Uhr

In Megan Nolans gerade auf Deutsch erschienenen Debütroman "Verzweiflungstaten" schickt sie eine junge Frau in Dublin auf eine schmerz- und lustvolle Suche nach sich selbst.

Megan Nolan: "Verzweiflungstaten" (Cover) © Blumenbar beim Aufbau Verlag
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von Lisa Kreißler

Die namenlose Ich-Erzählerin lebt für die Dubliner Nächte. Da ist sie mit ihren Freundinnen unterwegs, trinkt so viel sie kann, oft auch mehr, genießt die Wirkung ihrer gewissenhaft in Szene gesetzten Sexyness und meist auch den betrunkenen Sex. Dass die katerschweren Tage danach auch etwas Wohliges an sich haben, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das Affektkarussell zu schnell dreht und nur ein Schleier sie trennt vom Sturz ins Bodenlose. Der Hunger nach Rausch und Sex ist Ausdruck einer tief empfundenen Leere.

Einem schönen Mann verfallen

Dann taucht Ciaran auf, ein überirdisch anziehender Däne, der alle bisherigen Lover überstrahlt. Plötzlich will sie nur noch ihn.

Ciaran war nicht der erste schöne Mann, mit dem ich schlief, und auch nicht der erste Mann, der obsessive Gefühle in mir hervorrief, aber er war der erste Mann, den ich anbetete. Sein Körper sollte eine heilige Stätte für mich werden, ein Ort, an dem ich mich selbst vergessen und ganz in ihm aufgehen konnte. Ein Gegenstand absoluten Genusses, absoluter Schönheit. Leseprobe

Bald stellt sich heraus, dass es nicht Ciarans Schönheit ist, die Megan Nolans Erzählerin den Genuss verschafft, sondern seine Kälte ihr gegenüber. Beim Sex und im Alltag kommt es regelmäßig zu Demütigungen. Ciaran bleibt unerreichbar, gewinnt aber immer mehr Macht über sie. Sie vernachlässigt ihre Freunde, gibt das Trinken auf und genießt das unausgeglichene Miteinander so lange, bis ihr wieder langweilig wird. Die toxische Beziehung ist aber nicht die Beziehung zu Ciaran. Die Ich-Erzählerin entblättert im Fortlauf der Geschichte ihren Hang zur Selbstverletzung.

Verzweiflung und Selbstzerstörung

In mir brodelte, barst und spie es, und keine fünf Meter von mir entfernt saß er am Fenster, seelenruhig rauchend, mit einem Buch im Schoß, ein Bildnis unermesslicher Gelöstheit und Stille am Horizont. Schreckliche Angst braute sich in mir zusammen, während ich da kauerte und meinen Körper umklammert hielt, meinen Körper, der in meinen Augen an allem, was mir passierte schuld war. Leseprobe

"Verzweiflungstaten" liest sich als Variation der weiblichen Opfergeschichte. Auf der einen Seite steht die schwache Frau in der Unbestimmtheit ihrer Jugend, die nur durch Erniedrigung eines Mannes Erkenntnisimpulse empfängt. Auf der anderen Seite steht, vor allem in der zweiten Hälfte des Romans, eine Frau, die ihrem Begehren Raum gewährt und dadurch den Blick der Lust aus dem weiblichen Auge heraus erfahrbar macht: Der Mann als Objekt. Und sie geht noch weiter. In einer Szene schläft die Ich-Erzählerin mit ihrer Affäre Noah und schafft es dabei sogar, sich in die Perspektive des Mannes zu versetzen.

Roman zwischen Liebesgeschichte und Feminismus

Neben der Liebesgeschichte gibt noch eine zweite Erzählebene. Aus der Gegenwart denkt die Erzählerin zurück an diese Episode ihres Lebens und deutet sie unter dem Brennglas aktueller feministischer Diskursbegriffe: Patriarchat, weibliche Lust, und natürlich: Wokeness - Wachsamkeit. In diesen feuilletonistischen Passagen hat man das Gefühl der Journalistin Megan Nolan zuzuhören, nicht aber ihrer literarischen Figur. Die Vermischung von sachlichem und fiktionalem Erzählen führt dazu, dass die Botschaften des Romans manchmal allzu deutlich hervorleuchten.

Schwäche an einem Menschen zu sehen, der dich braucht, und sei es auch nur ein bisschen - der deine Zuneigung oder Liebe braucht - ist verstörend und abstoßend. Es ist unfair, aber es lässt sich nicht leugnen. Leseprobe

Von solchen Weisheiten abgesehen, hat Megan Nolan mit "Verzweiflungstaten" einen wachen und lässigen Roman über weibliche Lust und die Suche nach dem richtigen Gleichgewicht geschrieben. Das Buch liest sich, wie man sich eine bierschwere Partynacht von Nolans "Ich"-Figur in Dublin vorstellt: pochend, voller Sehnsucht und zu jedem Zeitpunkt beladen mit der Ahnung, wie traurig man am nächsten Morgen aufwachen wird.

Verzweiflungstaten

von Megan Nolan, aus dem Englischen von Lisa Kögeböhn
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Blumenbar im Aufbau Verlag
Bestellnummer:
978-3-351-05094-8
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

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