Stand: 18.02.2019 16:47 Uhr

Rocko Schamoni präsentiert Kiez-Roman

Große Freiheit
von Rocko Schamoni
Vorgestellt von Ocke Bandixen

Rocko Schamoni ist vor allem Musikkennern ein Begriff. Der 52-Jährige ist aber nicht nur als Musiker, sondern auch als Buchautor tätig. Unter anderem schilderte er in "Dorfpunks" Erinnerungen an seine eigene Jugend. Für sein neues Buch "Große Freiheit" hat er diesmal nicht sein eigenes Leben, sondern das der ehemaligen Kiezgröße Wolfgang Köhler auf St. Pauli in den 1960er-Jahren als Vorlage genommen.

Rocko Schamoni im Seitenprofil.

"Große Freiheit": Kiez-Roman von Rocko Schamoni

Hamburg Journal -

Geld, Gewalt, aber auch Freundschaft und Aufstieg: In seinem Roman "Große Freiheit" schreibt Rocko Schamoni über die Kiezgröße Wolli Köhler und dessen Anfangsjahre auf St. Pauli.

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Wolli will weg. Raus aus dem Mief, weg von den Alten. Am besten auch noch weg aus Sachsen, wo Wolfgang Köhler nach dem Krieg aufgewachsen ist.

"1950 haut Wolfgang Köhler von zu Haus ab. Morgens um fünf hat er seine Sachen gepackt, ist über die Hauptstraße gelaufen und hat den Bus nach Chemnitz genommen. Ist vorbeigefahren an Vaters Schlossereibetrieb, nie wieder in diese verdammte graue Garage." Leseprobe

Nach einigen Haken in der Biografie landet Wolli schließlich auf dem Hamburger Kiez. Mädchen, schnelles Geld - ist das hier nicht die ganz große Freiheit, wie es die Straße verspricht?

Denn wie viele der damals Jüngeren ist es vor allem das, was Wolli sucht: Freiheit. "Es gab unglaublich viele Mauern, die man einreißen konnte", schildert Schamoni. "Und die Älteren, die konnten dagegen nichts tun. Denn viele dieser Mauern waren überflüssig und schon einsturzgefährdet."

Bruch mit den sozialen Normen

Diese Mauern umfassten vor allem soziale Normen, wie man zu leben hatte, mit wem man schlafen durfte und wie man Geld verdienen konnte. Schon der Schriftsteller Hubert Fichte veröffentlichte vor über 40 Jahren mit "Wolli Indienfahrer" ein Buch über Wolfgang Köhler.

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1998 gründete Rocko Schamoni mit Heinz Strunk und Jacques Palminger das Künstlertrio Studio Braun.

Rocko Schamoni ist Köhlers Charme und Charisma sofort verfallen, als er ihm, schon ziemlich alt und sehr pleite, vor einigen Jahren ein Bild abkaufte. "Nach einer halben Stunde war klar, dass wir beide noch mehr zu bereden haben, als nur bei einem Treffen", erinnert sich der Autor. "Und dann bin ich immer wieder zu ihm gefahren, bis irgendwann die Idee aufkam, diese Gespräche auch literarisch umzusetzen."

Wolli ist überall dabei: Als die Pornofilme gezeigt wurden, als die Beatles und viele andere die Nächte durchspielen, als die Sexshows auf einmal Kunst sein sollten - und als das Eros-Center gebaut wurde, das große Profi-Bordell. Er machte mit, mischte mit, hatte Mädchen laufen, koberte an der Tür, kassierte, kam durch. Er fand an der "Großen Freiheit" wohl so etwas wie Freiheit, aber zahlte auch den Preis dafür.

"Er gibt das Geld mit vollen Händen aus, wenn es eine Kiezregel gibt, dann die, sich nicht lumpen zu lassen. Geiz ist die Todsünde Nummer eins. Geiz ist Kleinheit, Geiz ist Schwäche, Geiz ist Jämmerlichkeit. Jede Mark, die ausgegeben wird, ist eine Provokation des Schicksals. Sicherheit ist der Tod. Ganz langsam sickert St. Pauli in Wolli ein." Leseprobe

Protagonist am Rande

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Die Kiez-Kultstraße "Große Freiheit" ist der Namensgeber des Buches. Der Roman ist der Beginn einer Reihe über das Leben von Wolfgang Köhler.

Man kennt vieles von dem, was Rocko Schamoni in diesem Roman beschreibt. Wer sich für die Zeit der Beatles in Hamburg interessiert, hat das alles schon gehört oder gelesen. Die immer und immer wieder erzählten Anekdoten von John Lennon und den Aufputschmitteln, den Mädchen und dem Star Club. Über diese Anekdoten verliert das Buch aber teilweise den Faden, denn Wolli mischt da zwar irgendwie mit, steht aber buchstäblich nur am Rande.

"Wolli und Mauli stehen rechts von der Bühne und schauen sich das ganze Spektakel an. Wolli muss sich und ihr eingestehen, dass die Band wirklich gut geworden ist, sie spielen laut, schnell, wild, singen fantastisch." Leseprobe

"Große Freiheit" ist immer dann ein starkes Buch, wenn es ganz dicht an der Hauptfigur bleibt. Wenn der Autor eine eigene Wirklichkeit schafft, die zwar auf dem Kiez liegt, in der aber nicht ständig mit Stereotypen und bekannten Namen gewinkt werden muss, um Glaubwürdigkeit zu vermitteln. Horst Fascher, Willi Bartels, Norbert Grupe, der Boxprinz - man wartet als Leser manchmal schon auf den bekannten Namen an der nächsten Kiezecke.

Weitere Romane sollen folgen

Wolli kommt durch, und das ist es, was den Roman bis zum Schluss spannend macht. Was ihn treibt, wie er sich im Laufe der Jahre verändert und wie er es schafft, in dem Sumpf aus Sex, Suff und dem schnellen Geld den Kopf oben zu behalten. "Es gibt da eigene Regeln. Ganz hart, ganz klar, wie Mafiastrukturen", schildert Schamoni. "Wolli konnte sie befolgen, er konnte sie lesen und danach leben."

Der Roman endet offen, denn "Große Freiheit" soll nur der erste Teil einer Romanreihe über Wolli sein. Der erste Teil ist aber eher wie die Fernsehfassung eines großen Kinostoffes.

Große Freiheit

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
hanserblau
Veröffentlichungsdatum:
18.02.2019
Bestellnummer:
978-3-446-26256-0
Preis:
20 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 19.02.2019 | 15:55 Uhr

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