Roberto Andò: "Ciros Versteck" (Cover) © Folio Verlag

Roberto Andò: "Ciros Versteck"

Stand: 22.02.2021 15:12 Uhr

Bekannt wurde der italienische Autor Roberto Andò bisher vor allem als Filmregisseur. Er ist 1959 in Palermo geboren und arbeitete als Regieassistent für Regisseure wie Fellini oder Coppola.

von Annemarie Stoltenberg

Später drehte er eigene Filme und kann auch als Schriftsteller Erfolge feiern. Nun ist ein neuer Roman von Roberto Andò erschienen, der jetzt bereits unter seiner Regie verfilmt wird: "Ciros Versteck" oder im Original "Il Bambino nascosto".

In einem Interview erzählte Roberto Andò, dass er in den 80er-Jahren erlebt habe, dass eine sogenannte Babygang die "unberührbare" Mutter eines Mafia Bosses überfallen hatte. Nach diesem Überfall wurden mehrere Kinder ermordet, ohne dass deren Familien jemals überhaupt ihr Verschwinden angezeigt hätten.

Ein unerwarteter Besucher

Eine solche Geschichte erzählt er nun in "Ciros Versteck". Ein einsam lebender Musiklehrer, Hochschuldozent verbringt sein Leben mit der Abwehr von Enttäuschungen, dem Fernhalten von Langeweile und bemüht sich, die Zeit unter Kontrolle zu halten. Beim Rasieren rezitiert er gern Gedichte, dann klingelt es an seiner Wohnungstür:

Als er, unschlüssig, ob es sich um ein von Schuberts Meisterschaft heraufbeschworenes Gespenst oder eine der Müdigkeit geschuldete Sinnestäuschung handelte, die Augen öffnete, stand dort ein gewöhnlich gekleideter Junge mit heller Haut, kurzem, schwarzen Haar und tiefblauen Augen, die ihn, obschon sein Äußeres keinen Anlass zu der Vermutung gab, dass er älter als zehn Jahre war, mit geradezu erwachsenem Gleichmut musterten. Leseprobe

Wenige Zeit später klingelt es wieder, Gabriele versteckt den Jungen in einem Hängeboden, und wehrt den jungen Mann ab, der in seiner Wohnung nach dem Kind suchen will.

Nach dem Überfall einer Kinderbande stirbt eine Frau

Eine Kinderbande sollte eigentlich ein paar deutsche Touristen ausrauben, das Warten auf den rechten Moment dauerte ihnen wohl zu lange und so überfielen sie eine ältere Frau, die offenbar mit einer Tasche voller Geld des Weges kam. Die "unberührbare" Mutter eines mächtigen Bosses. Sie liegt nach dem Überfall einige Tage im Koma und stirbt dann.

Zwei Kinder, die an dem Überfall beteiligt waren, sind verschwunden, ein Junge wird tot in einer Sickergrube gefunden, einer ist in Gabrieles Wohnung versteckt. Gabriele versucht, Kontakt mit seinem Bruder aufzunehmen, der Staatsanwalt geworden ist. Er reagiert mit kalter Abweisung und verbittet sich jede weitere Behelligung.

Sie verfielen in abgründiges, feindseliges Schweigen und Gabriele dachte wieder an Ciro, überlegte, was er wohl gerade machte, und fragte sich, ob er sich noch fürchtete. Leseprobe

Ein Mann und ein Junge gegen die Mafia

Die Geschichte ist wunderbar erzählt. Zärtlich in den Passagen, in denen Gabriele versucht, den Jungen in seiner Wohnung zu beschäftigen, ihm etwas beizubringen, in bei Laune und Hoffnung zu halten und düster, was die Zukunftsaussichten der beiden in einer von der Mafia und den "Familien" regierten Welt da draußen angeht.

Es gibt einen winzigen Keim der Hoffnung in dieser Geschichte. Im Anhang zu dem Roman sind Bilder aus dem Film abgedruckt. Sie wirken ähnlich wie Musik unter Filmszenen, erzeugen also eine intensive Leseerfahrung. Ein Mann und ein Kind, die um das Überleben gegen einen übermächtigen Gegner zuerst ganz isoliert, dann auf der Flucht sind.

Wie kann es sein, dass in einem so wunderschönen Land wie Italien so viel erbarmungslose Grausamkeit über Jahrzehnte mehr und mehr gewachsen ist? Es gibt keine Antwort auf diese Frage, aber der Klagegesang über die Zustände ist hier befreit von allem irgendwie Pittoresken und bekommt so eine reine, eindrucksvoll mächtige Schönheit.

Ciros Versteck

von Roberto Andò, aus dem Italienischen von Verena von Koskull
Seitenzahl:
200 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Folio
Bestellnummer:
ISBN 978-3-85256-826-3
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 23.02.2021 | 12:40 Uhr

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