Stand: 22.10.2018 13:25 Uhr

Einblicke in die Artenvielfalt des Meeres

Im Bann des Ozeans
von Robert Hofrichter
Vorgestellt von Matthias Morgenthaler
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"Im Bann des Ozeans" gibt Einblicke in die faszinierende Unterwasserwelt.

Als der erste Kosmonaut im Weltall, Juri Gagarin, auf die Erde blickte, war er fasziniert von dem schönen Blauen Planeten. Über eine Milliarde Kubikkilometer Wasser enthalten die Ozeane und umfassen mit über 70 Prozent der Erdoberfläche alle Kontinente. Der Ozean ist die Quelle allen Lebens. Dort findet sich der größte Artenreichtum - verborgen in den Mangrovenwäldern und in der farbigen Wunderwelt der Korallenriffe. Doch Meeresbiologen warnen: Wir brauchen das Meer, das Meer braucht uns nicht.

Hofrichter: Die Menschen brauchen das Meer

Dies beschreibt auch der Meeresbiologe und Naturschützer Robert Hofrichter: "Das Meer hatte es schon gegeben, lange bevor es Menschen gegeben hat. Das Meer gibt es, sagen wir, seit vier Milliarden Jahren. Das Leben hat sich dort entwickelt und wir Menschen sind gerade in der letzten Sekunde aufgetaucht. Das ganze System Erde funktioniert ohne uns, aber wir können keine Sekunde lang überleben ohne das Meer. Ohne all das, was das Meer für uns tut."

Von Bratislava auf die Insel Krk

Hofrichter ist seit mehr als 30 Jahren Meeresbiologe und Naturschützer. Er verließ das damals zum Ostblock gehörenden Bratislava, um frei als Biologe arbeiten zu können und unabhängig die Welt zu erkunden. Eine seiner ersten Forschungsprojekte startete er in Kroatien,  in der Kvarner-Bucht. Dort auf der Insel Krk stand sein erstes Labor unter freiem Himmel. Hofrichter erinnert sich: "Direkt an dieser Mauer habe ich mein kleines Labor eingerichtet, direkt im Kloster gewohnt und hier vor dem Kloster habe ich meine kleinen Fische aus dem Meer geholt, die ich dann untersucht habe. Dabei habe ich prompt eine neue Art entdeckt. Das ist der große Traum von Zoologen und Biologen allgemein."

MareMundi ermöglicht Einblicke in die Meereskunde

Es ist eine der großen Mängel der Wissenschaft, dass sie meist unter sich bleibt. Hofrichter erkannte, dass alles Wissen über das Meer nichts nützt, wenn man es nicht an die Menschen weitergibt. So gründete er vor fünf Jahren die Meeresschutzorganisation MareMundi. Sie hat sich die Forschung, den Meeresschutz und die Ausbildung zum Ziel gesetzt. Schulklassen, meist aus Österreich und Deutschland, kommen auf die kroatische Insel Krk, um vor Ort Einblicke in die Meereskunde zu erhalten. Hofrichter ist sich sicher: "Ich glaube, aus pädagogischer Sicht ist Empathie das Wichtigste. Dass man den jungen Menschen die Liebe zur Natur vermittelt. Nur das, was man liebt, wird man einmal schützen."

Hofrichter will die Liebe zur Natur vermitteln

Höhepunkt der Projektwoche ist ein Ausflug zur Insel Plavnik, wo die Schüler die Meereswelt selbst erkunden. Was sie aus Büchern, Filmen und der virtuellen Welt kennen, ist hier echt, greifbar und lebendig. Sie lernen, dass ein Seestern nicht nur ein Glückssymbol und Souvenir ist, sondern genauso ein Lebewesen wie jeder einzelne von ihnen auch. Und Hofrichter fügt hinzu: "Wir sind überzeugt, dass es ganz wichtig ist, diese Erziehungsarbeit zu machen. Warum? Weil die jungen Menschen von heute die Konsumenten von morgen sind und damit auch die politischen Entscheidungsträger. Das heißt: Wenn sie etwas gelernt haben und es ihnen wichtig ist, dann werden sie es weitertragen. Sie werden ihr Konsumverhalten anpassen."

Buch räumt mit Klischees auf

Hofrichter hat alle Weltmeere bereist. In seinem Buch "Im Bann des Ozeans" spürt man die Faszination über die unendliche Artenvielfalt des Meeres. Es sind Blicke hinter das Spektakuläre. Und er räumt mit manchem Klischee auf. Zum Beispiel beschreibt er, dass Haie auch freundlich und Delfine nicht nur liebenswert sind. Der grinsende Kinderfreund hat noch eine unbekannte andere Seite: die des Triebtäters mit einer sehr ausgeprägten skrupellosen Libido. So kommt es vor, dass männliche junge Delfinbanden wochenlang ein Weibchen als Sex-Geisel in Gefangenschaft nehmen oder Taucherinnen bedrängen. "Delfine haben durch ihre hohe Intelligenz auch einen starken Sexualtrieb", erklärt Hofrichter. "Es ist verblüffend, dass sie sogar Taucher in Neoprenanzügen erkennen. Sie interessieren sich dann sehr stark für die weiblichen Taucherinnen und können richtig aufdringlich werden."

Wissenschaftlich und sehr verständlich

Doch das Boulevard der Tierwelt ist die Ausnahme in seinem Buch. Meist ist es wissenschaftlich und sehr verständlich geschrieben. Es beantwortet Fragen, die wir uns stellen. Wie entstand die Biodiversität, die Artenvielfalt der Ozeane, wie hängen die Meeresströmungen und das Klima zusammen? Wie schaffen die Aale und Meeresschildkröten ihre 1.000 Kilometer lange Reise und wie können Riesenfische wie der Walhai sich von Plankton ernähren?

Brutale Verschmutzung durch Plastikmüll

Man möchte gerne eintauchen in diese Wunderwelt des Meeres, wenn da nicht auch das Andere wäre. Das Hässliche. Die brutale Verschmutzung des Meeres durch Plastikmüll. Stündlich, so Schätzungen, werden weltweit etwa 675 Tonnen Müll ins Meer geworfen. Plastikinseln so groß wie ganz Europa, Verschmutzung von Stränden weltweit. Hofrichter erläutert die Gefahr von Plastik: "Dieses Plastik ist auf zweifache Art für die Meerestiere gefährlich. Zum einen in der makroskopischen Form, weil Tiere das fressen können. Und man weiß heute, dass die Wale, Delfine, Meeresschildkröten, Seevögel und viele andere Tiere sterben, weil ihr Magen voll ist mit Plastik. Zum anderen ist es so, dass dieses Plastik nicht verrottet, sondern zu kleinsten Partikeln zerfällt, zum sogenannten Mikroplastik. Das ist sehr heimtückisch, denn es reichert Toxine an und wird verzehrt von Plankton, von Fischlarven. Die Gifte gelangen so ganz konzentriert in die Nahrungskette."

Kampf gegen die Meeresverschmutzung

Auch die Strände des Mittelmeers sind zunehmend vermüllt. Wir merken es kaum, weil sie vor der Badesaison gereinigt werden. Doch wer etwas abseits geht, sieht die Verschmutzung. Strandsäuberung ist deshalb ein Projekt von MareMundi.

Ein Realist und Träumer

Hofrichter will trotz Frust weitermachen: "Wenn man positiv denkt, denkt man, okay, man muss jetzt etwas tun. Und das versucht man. Ansonsten führt es dazu, dass diese wunderbare Lebensvielfalt immer geringer wird und irgendwann zugrunde geht."

Hofrichter weiß, dass er der sprichwörtliche Rufer in der Wüste ist. Dass sein Engagement allein die Welt nicht retten wird. Er ist Realist und Träumer. Vielleicht, so hofft er, kommen die Menschen zur Vernunft und zerstören nicht, was sie am Leben erhält.

Im Bann des Ozeans

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Gütersloher Verlagshaus
Bestellnummer:
978-3-579-08678-1
Preis:
20 €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 24.10.2018 | 00:00 Uhr

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