Stand: 20.09.2019 10:51 Uhr

Das Jahr vorm Ende des Sozialismus

Das letzte rote Jahr
von Susanne Gregor
Vorgestellt von Jürgen Deppe

Derzeit erscheinen etliche Bücher, die sich zum 30. Jahrestag der Grenzöffnung mit dem Untergang der DDR, der Euphorie nach dem Mauerfall und den - zum Teil bitteren - Folgen beschäftigen. Dass zu jener Zeit nicht nur die DDR, sondern das gesamte Universum östlich des "Eisernen Vorhangs" zerbarst, gerät da eher selten in den Blick.

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Susanne Gregor beschreibt, wie drei Freundinnen das Jahr vor dem Untergang des sozialistischen Regimes in der Slowakei erleben.

Die Österreicherin Susanne Gregor - 1981 in der Slowakei geboren - erzählt "Das letzte rote Jahr" in ihrem gleichnamigen Roman jetzt aus genau jenem Blickwinkel, von Žilina aus, ihrem slowakischen Geburtsort.

Miša ist 14, noch mehr Mädchen als Frau, ein Teenie im Plattenbau, fest verwurzelt in ihrem Kosmos.

An ein Leben vor Rita und Slavka kann ich mich nicht erinnern. Obwohl es eine Zeit ohne sie gegeben hat, wie mir erzählt wurde, in der ich bloß Miša war und Rita bloß Rita und Slavka bloß Slavka. Doch von dem Moment an, in dem wir die Vierzimmerwohnung im Bezirk Vlčince bezogen, weil mein Vater eine neue Stelle bei Tesla in Žilina antreten sollte, wurden wir zu Miša, Rita und Slavka. Leseprobe

Eine unbeschwerte Teenagerfreundschaft

Wir schreiben das Jahr 1989, das Frühjahr. Die Drei sind eins, sind unzertrennlich, so unverbrüchlich wie Teenagerfreundschaften in diesem Alter nun einmal scheinen. Noch spielen Jungs keine große Rolle, und die Welt ist überschaubar.

... zumindest die unsere, die sich westlich nun mal nicht viel weiter als bis nach Prag erstreckte, und östlich auch nicht viel weiter als bis zum Balaton. Leseprobe

Noch sind in dieser Welt die Eltern der Kompass, der die Richtung vorgibt - auch wenn die nicht immer so genau wissen, welche die richtige ist. Gehen (wie Slavkas Vater, der sich schon vor Jahren in den Westen abgesetzt hat)? Oder bleiben (wie Mišas Vater, der im Realsozialismus auf Karrierekurs ist)? Dass sich diese Frage am Ende dieses Jahres nicht mehr stellen wird, ahnt Miša in diesem Mai genauso wenig wie ihre beiden Freundinnen und deren Eltern.

Ich hatte noch nie etwas enden sehen, keine Ehe, kein Menschenleben, noch nicht einmal die Lebensdauer eines Gerätes, eines Kassettenspielers oder Mixers, alles, was ich kannte, waren Anfänge. Leseprobe

Ein Buch verändert Mišas Leben

Abwechslung erfährt Miša nur durch die Bücher, in die sie vernarrt ist. Ständig besorgt sie sich in der Bibliothek Nachschub. So fällt ihr auch das eine Buch in die Hände, das ihr Leben verändern wird: Es handelt von einem geteilten Himmel, von einer Liebe zwischen Ost und West - vom Miteinander teilen und vom Zerteilen.

Was für ein Buch! Sie erzählt sogar Radek davon, dem tschechischen Jungen, in den sie - die Slowakin - heimlich verknallt ist. Das Buch animiert sie dazu, Deutsch zu lernen, um es im Original lesen zu können - und auch dazu, selbst mit dem Schreiben zu beginnen.

Irgendwo im Fernsehen geht derweil gerade eine Welt unter, fliehen Menschen über Ungarn nach Österreich und überrennen Ostdeutsche ihre Botschaft in Prag, um ausreisen zu dürfen.

Fluchtpläne für einen Neuanfang im Westen

Der Vater hat eine Satellitenschüssel besorgt: Ihnen entgeht nichts, keine Werbefernsehsendung und kein Musikvideo. Doch die erscheinen Miša genauso irreal wie die Ereignisse entlang des "Eisernen Vorhangs" und die Fluchtpläne ihres Bruders, der sich mit ihrer Freundin Rita in den Westen absetzen will. Irgendwie nach drüben. Was auch immer das ist.

Was ist dein Plan, fragte ich, und er schloss die Zeitung wieder. Er hätte keinen, er wolle nur weg von diesem Ort, irgendwohin, wo sich was tut, Prag wäre was für den Anfang, oder vielleicht doch über Ungarn und Österreich nach Westdeutschland, es käme eben darauf an, was sich machen ließe, das könne man nur vor Ort sehen, versteht sich, sagte er lachend und schob eine ganze Biskotte in den Mund. Leseprobe

Erwachsenwerden in einer Zeit des Umbruchs

Susanne Gregor beschreibt die Unbedarftheit und das Unbehagen so nachvollziehbar und lebensnah, so unaufgeregt und doch aufregend (schließlich pubertiert man nur einmal!), dass einen zwischendurch der Verdacht befällt, es handele sich um ihre eigene Geschichte.

Aber auch wenn sie aus demselben Ort stammt wie ihre Protagonistinnen - Susanne ist (nicht etwa älter und weiser, sondern) ein paar Jahre jünger als Miša. Umso großartiger ist, wie es ihr gelingt, das Leben und das Lebensgefühl jenes letzten roten Jahres zu beschreiben, eine Pubertät im banalen Realsozialismus, ein Erwachsenwerden im doppelten Sinne.

Das letzte rote Jahr

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Frankfurter Verlagsanstalt
Bestellnummer:
978-3-627-00263-3
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 20.09.2019 | 12:40 Uhr

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