Stand: 08.06.2020 09:12 Uhr

Das Verschwinden von Jacy Calloway

von Katja Lückert

Richard Russo, geboren 1949 in Johnstown, New York, studierte Philosophie und Creative Writing und lehrte an verschiedenen amerikanischen Universitäten. Hierzulande wurde der Autor erst in den letzten Jahren entdeckt. Vor vier Jahren erschien unter dem Titel "Diese gottverdammten Träume" endlich die Übersetzung seines bereits 2002 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten und hochgelobten Romans "Empire Falls".

Richard Russo: "Jenseits der Erwartungen" © DuMont
Als drei College-Freunde sich nach vielen Jahren wieder treffen, kreisen ihre Gespräche immer noch um eine Frau, in die sie alle verliebt waren.

Ins Deutsche übersetzt liegen inzwischen mehrere Romane und ein Erzählband vor. Russos neuer und damit neunter Roman unter dem Titel "Jenseits der Erwartungen" spielt wie viele seiner Bücher in einem sehr überschaubaren sozialen Raum - einem Städtchen, in dem sich alle kennen und das sogar auf einer Insel liegt.

Am 1. Dezember 1969 wurde im amerikanischen Fernsehen eine für viele junge Männer schicksalhafte Entscheidung übertragen. Die erste von zwei Einberufungslotterien wählte per Zufall aus, wer in den Vietnamkrieg ziehen würde und wer nicht. Auch die drei Freunde Lincoln, Teddy und Mickey, die in jenem Jahr an einem College in Connecticut studieren und in der Mensa einer Mädchenverbindung als Aushilfen arbeiten, verfolgen die Ziehung auf einem winzigen Schwarz-Weiß-Fernseher.  

Der Vietnamkrieg verändert das Leben von drei Freunden

Früher am Abend, als sie den Mädchen das Essen servierten, hatten alle noch im selben Boot gesessen, aber jetzt machten ihre Geburtstage sie zu Individuen, Menschen mit ganz eigenen Schicksalen, und nach und nach zerstreuten sie sich, gingen zurück in ihre Zimmer oder Wohnungen, wo sie ihre Eltern und Freundinnen anriefen, um mit ihnen die Tatsache zu erörtern, dass ihr Leben soeben eine andere Wendung genommen hatte, bei denen zum besseren, bei den anderen zum Schlechteren, wobei ihre Noten und Zulassungstestergebnisse und Beliebtheit mit einem Mal unwichtig geworden waren. Leseprobe

Einer der drei Freunde, der musikbegeisterte Mickey, hatte Pech, seine Losnummer wurde früh gezogen und ihm blieb, wollte er nicht Soldat werden, nur die Flucht nach Kanada. Doch über all das werden die drei Freunde erst über vierzig Jahre später sprechen. Sie treffen sich noch einmal in Lincolns Wochenendhaus auf Martha's Vineyard, einer Insel vor der Südküste von Cape Cod in Massachusetts.

Hier erinnern sie sich an jene wilden 70er-Jahre, in denen sie alle drei ein Auge auf dasselbe Mädchen geworfen hatten. In Altherren-Manier doziert Teddy darüber, dass die Menschen einfach nicht mehr neugierig aufeinander seien.

Lacys Verschwinden bleibt rätselhaft

Wir lassen den anderen ihre Geheimnisse, bilden uns jedoch ein, die Menschen dennoch zu kennen. Jacy zum Beispiel. Wir waren alle in sie verliebt, aber was wussten wir wirklich über sie? Mir war noch nie jemand wie sie begegnet, also fehlte mir auch ein möglicher Bezugsrahmen. Und ihr ging es bestimmt nicht anders. Wir waren ihr garantiert genauso ein Rätsel, wie sie uns. Leseprobe

Jene Jacy verschwand nach einem Wochenende im Herbst 1971, das Teddy, Lincoln und Mickey mit ihr in eben diesem Haus verbracht hatten. Bis heute ist sie nie wieder aufgetaucht. Ein sogenannter cold case, ein ungeklärter Kriminalfall. Die Geschichte ist über lange Strecken aus Teddys und Lincolns Perspektive erzählt, erst viel später auch aus Mickeys Sicht.

Dabei karikiert Richard Russo ein wenig das Genre des Detektivromans, denn ein pensionierter Dorfpolizist stellt in diesem längst zu den Akten gelegten Fall noch einmal Nachforschungen an. Allerdings führt er den Leser letztlich auf eine falsche Fährte, weil er eng mit dem Hauptverdächtigen befreundet ist. Das ist Russos Spezialthema, ein kleinstädtisches Ambiente, in dem sich alle kennen und auf vielfältige Weise miteinander verbunden sind.

Gegen Ende wird Russos Roman noch sehr spannend

"Chances are" heißt ein Song des Popsängers Johnny Mathis, den die drei jungen Männer und Jacy an ihrem letzten gemeinsamen Abend auf der Insel singen und tatsächlich geht es um die Chancen, die diese vier Menschen im Leben und in der Liebe haben werden. Erst im letzten Drittel des Romans klärt sich alles auf.

Da die Gründe für Jacys Verschwinden wirklich jenseits aller Erwartungen liegen, ist der deutsche Titel gut gewählt. Nur eines sei verraten, Jacy hat eine Tochter, die ihr in vielem ziemlich ähnlich ist. "Jenseits der Erwartungen" beschert zunächst eine gemütliche Lektüre, dann nimmt die Geschichte richtig Fahrt auf, zuletzt macht sie geradezu atemlos.

Jenseits der Erwartungen

von
Seitenzahl:
432 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Dumont
Bestellnummer:
978-3-8321-8115-4
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 08.06.2020 | 12:40 Uhr

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