Stand: 16.12.2016 13:00 Uhr  | Archiv

Stille Andacht, Konzentration, Ergriffenheit

von Guido Pauling

"Imago animi vultus", heißt es bei Cicero: Das Gesicht ist ein Abbild der Seele. Oft genügt es, einen Menschen anzublicken, um einen kleinen Einblick in sein Inneres zu bekommen; häufig werden Gefühle durch Mimik deutlicher ausgedrückt als mit vielen Worten. Musik kann sehr große Gefühle auslösen - und so hat sich der amerikanische Fotograf Richard Ehrlich gefragt, wie wohl Gesichter von Musikern aussehen, die eines ihrer Lieblingsstücke hören.

Die Antwort gibt ein bemerkenswerter Porträtband: 40 Musiker, die entweder nur ein oder aber drei Musikstücke auswählen sollten und dann zuhörten: bewegt, beeindruckt, berührt. 

Gefühle spiegeln sich im Gesichtsausdruck

Sein Blick ist versonnen und zugleich konzentriert. Leicht zurückgelehnt, die Finger der Linken frei beweglich auf Schulterhöhe, schaut der Mann aus getönten Brillengläsern niemanden Spezielles an. Er scheint auf etwas weit Entferntes zu blicken… oder umgekehrt auf etwas sehr, sehr Nahes, das tief in seinem Innern liegt. Mehr als 40 Jahre nach der Aufnahme von "Come Together" hört Beatles-Drummer Ringo Starr den Song und ist ganz gespannte Aufmerksamkeit. Sein Schlagzeugspiel, das Klapp-Klapp, tschickeditschick, doodeledoodeledoodeledumm definiert überhaupt erst den Sound, den Groove, über den McCartneys massiver Bass die spannungsreiche Schwere legt. All dies spiegelt sich in Ringos Gesichtsausdruck wider.

Jean-Yves Thibaudet wiederum lächelt wie in höheren Sphären schwebend. Auch seine blau-grauen Augen blicken in eine andere Welt, schauen dabei unbestimmt nach oben; um seine Mundwinkel spielt ein verzücktes Lächeln. Chopin in seiner Musikwahl ist naheliegend - aber wer hätte gedacht, dass der französische Pianist andächtig entschwebt, während er Lana del Reys hypnotischem Gesang lauscht?

Musik berührt die Seele

Oder Herb Alpert, der smarte Kalifornier, der den Neonlicht-kühlen Jazz-Pop perfektionierte, kämpft mit den Tränen, während er Pavarotti "Nessun dorma" singen hört. Gerade noch hatte der silberhaarig gewordene, stoppelbärtige Alpert die Lider sanft geschlossen; auf dem nächsten Foto reißt er die Augen auf, öffnet die Lippen. Sein Gesicht ist voll Erstaunen, schmerzlicher Ergriffenheit, als spüre er etwas Göttliches.

Musik hat diese Kraft: die Seele zu packen, das Innerste, Intimste von Menschen anzurühren. Gefühle zu wecken, die kaum jemand in der Öffentlichkeit gänzlich ungeschützt zeigen mag. Selbst Musiker zeigen solche Emotionen kaum einmal; noch im intensivsten Spiel behalten sie meist einen Rest von Kontrolle.

Doch in diesem über fünf Jahre währenden Fotoprojekt zeigt Richard Ehrlich, was alles in Musikern steckt, wenn sie Musik hören, die sie lieben: "Jüngste Computer-Studien von Gesichtsausdrücken haben gezeigt, dass Gesichter gleichsam Organe emotionaler Kommunikation sind. Es gibt die These, wonach wir mit unserer Mimik mehr Information vermitteln als durch Sprache", erklärt Richard Ehrlich im Vorwort seine Idee, fotografische Porträts von musikhörenden Musikern zu machen. Er verrät, wie überrascht er manchmal war, wenn seine Modelle Titel auswählten, die seine Erwartung über Genres, Vorlieben und Interessen als peinliches Schubladendenken entlarvten.

Die sensible Seite der Menschen zeigt sich

Roger Daltrey, Sänger der Band The Who, entblößt seine andächtige, melancholische und sensible Seite, indem er sich für Edith Piafs vielleicht größten und persönlichsten Chanson entscheidet. Der früher so laute, offensiv-posende Rocksänger-Sunnyboy wird unter Piafs kraftvoll-trotziger, lebensbejahender Stimme nachdenklich, nimmt langsam die Brille ab, senkt den Kopf und staunt über diese markante Ausdruckstiefe.

Johnny Cashs älteste Tochter Rosanne, selbst erfolgreiche Songschreiberin, hat zwar tränennasse Augen bei Lennons "You've got to hide your love away", doch der schmale Mund und das minimal vorgereckte Kinn verraten eine aufrechte hey-ich-lass-mich-nicht-unterkriegen-Haltung, die sie auch beibehält, nun mit getrockneten Augenlidern, andächtig lauschend bei Arvo Pärts "Spiegel im Spiegel".

Wunderschön. Musik, gespiegelt in Gesichtern - "Face the music" - hier ist ein englischer Titel wirklich einmal treffend wegen seiner Vieldeutigkeit: Begegne der Musik, zeig der Musik dein Gesicht, oder ganz schlicht: Gesicht und Musik.

Face the music

von Richard Ehrlich
Seitenzahl:
176 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Englisch
Verlag:
Steidl Verlag
Bestellnummer:
978-3-86930-966-8
Preis:
50,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 18.12.2016 | 17:40 Uhr

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