Stand: 15.04.2019 12:33 Uhr

Ein lesenswertes Buch über deutsche Ängste

Republik der Angst
von Frank Biess
Vorgestellt von Rayk Wieland
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Frank Biess beschäftigt sich mit den Ängsten der Deutschen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Deutschland im Mai. Mit der Befreiung vom Faschismus geht 1945 für viele Deutsche ein Traum in Erfüllung, der ein Alptraum ist. Der Krieg ist verloren. Das Land zerstört und von den Siegermächten besetzt. Die Kapitulation ist in jeder Hinsicht bedingungslos. Und die Deutschen in Erwartung dessen, was jetzt mit ihnen geschehen werde, in Schockstarre. "Die Stunde Null gab es nur für die Opfer des Nationalsozialismus", sagt der Historiker Frank Biess. "Für sie endete im Mai 1945 eine existenzielle Bedrohung. Für die deutsche Mehrheitsgesellschaft gab es diese Stunde Null nicht. Es gab viele mentale, ideologische Kontinuitäten über 1945 hinaus. Und das ist die Basis für diese massiven Vergeltungsängste, die gewissermaßen eine Urangst der Deutschen waren."

Fotografie einer "Fridays for Future"-Demo.

"Republik der Angst" von Frank Biess

Bücherjournal -

In "Republik der Angst" schreibt der Historiker Frank Biess über die Ängste der Deutschen in der Nachkriegszeit: Angst vor dem Atomtod, vor Automatisierung, Terror und Waldsterben.

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Angst prägt die Mentalität der Deutschen

Gerüchte laufen um, Juden vergifteten jetzt das Trinkwasser in den Städten. Ehemalige Zwangsarbeiter rächten sich an den Peinigern von einst. Die Deutschen würden von den Besatzern versklavt. Das meiste erweist sich als Fantasie. Aber die Angst, sie bleibt und prägt die Mentalität der Deutschen auf Jahrzehnte, so der Historiker Frank Biess in seinem Buch "Republik der Angst": "Ich wehre mich eigentlich gegen diese Vorstellung einer Kollektivpathologie der Deutschen. Das wäre schwer nachweisbar", sagt er. "Ich denke, die Ängste der Deutschen beruhen auf einer sehr spezifischen historischen und politischen Konstellation. Die Geschichte der Bundesrepublik wird gerne als Erfolgsgeschichte erzählt. Mir geht es darum, das Bewusstsein der Zeitgenossen abzubilden, die anders als die heutigen Historiker nicht wissen konnten, wie die Geschichte letztendlich enden würde."

Sehnsucht nach Normalität

Einer dieser Zeitgenossen ist der Fotograf Stefan Moses, ein Chronist des Nachkriegsalltags. Eine Ausstellung mit dem vielsagenden Titel "Das exotische Land" läuft gerade im Deutschen Historischen Museum. Die Angst in seinen Bildern: unsichtbar, aber wie eine Folie über der Szene. Die berühmten "Deutschen Milieus" zeigen einen Alltag kurz davor, ins Bizarre zu kippen. Sehnsucht nach Normalität. Prekäre Idyllen.

Angst vor dem Atomtod

In den 1960er-Jahren entstehen neue Ängste. Die Angst vor dem Atomtod ist so horrend, dass der Kampf gegen sie Regierungsprogramm wird. Verharmlosende Broschüren sollen die Bevölkerung beschwichtigen, was zu Protesten führt und traumatische Erinnerungen an den Bombenkrieg weckt, der 15 Jahre zurücklag. Ein obsessiver Luftschutzbunkerbau ist die Folge.

Angst vor Automatisierung

Gleichzeitig erreichen erste Automatisierungswellen die Wirtschaft. Auf dem Höhepunkt von Wirtschaftswunder und Vollbeschäftigung befürchten die Menschen, dass Maschinen sie ersetzen. Maßlos übertrieben, wie wir heute wissen. Aber auch diese frühe Angst vor den Abgründen der Moderne hat weniger mit Zukunft zu tun als mit deutscher Geschichte. Biess sagt dazu: "Es ist ja interessant, dass die Stabilisierung und Modernisierung ihre eigenen Angstobjekte schafft, etwa, dass sie zu Arbeitslosigkeit führt. Mit der Erfahrung von Weimar im Hintergrund entsteht die Vorstellung, dass eine neue Massenarbeitslosigkeit zu einer Gefahr für die Demokratie werden könnte."

Versuch einer Gefühlsgeschichte

Frank Biess' Buch ist auch der Versuch einer Gefühlsgeschichte, der zeigt, wie tief individuelle Gefühle eingebettet sind in historische Moden. Und wie sich Ängste über Generationen transformieren. Angst wird in den 1970er-Jahren zum zentralen Grundmotiv neuer politischer Bewegungen. Die Angst vor einem autoritären Staat treibt die Studenten auf die Straßen. Linke und Rechte überbieten sich in Ängsten vor dem Terror der RAF und neuem Faschismus. Bei der Friedens- und Anti-Atomkraftbewegung der 1980er-Jahre wird die Artikulation von Angst und Verletzlichkeit schließlich politisches Programm. "In der frühen Bundesrepublik war es so, dass der offene Ausdruck von Gefühlen eher verpönt war", sagt Frank Biess. "Im Lauf der 1960er-Jahre ändert sich das jedoch, und auch infolge der Studentenbewegung gibt es dann immer mehr diese Vorstellung, dass der offene Ausdruck von Gefühlen Indiz eines authentischen gesunden Selbst ist. Diese neue Gefühlskultur, ich nenne es eine expressive Gefühlsstruktur, die den offenen Ausdruck von Emotionen fördert, verbindet sich jetzt mit den neuen Angstobjekten in der Umwelt und in der Friedensbewegung."

"German angst" als Unruhe- und Stabilitätsfaktor

Die Deutschen waren zweifellos erfinderisch mit ihren Ängsten. Die hypertrophe Angst vor dem Waldsterben in den 1980er-Jahren brachte das deutsche Wort international in Umlauf und inspirierte das Ausland zur Rede von der "German angst". Um den Wald stand es damals wirklich schlecht. Und hätte es die landesweite Angst nicht gegeben, hätte man vielleicht nichts gegen die Luftverschmutzung getan. "Es ist ein spezifisches Charakteristikum der Nachkriegsgeschichte, dass es diese Diskrepanz gab zwischen dem, was die Leute befürchteten, und dem, was tatsächlich eingetreten ist", resümiert Biess. "Und dass die Angst vor möglichen Zukünften, vor möglichen Katastrophen in der Zukunft letztendlich zur Stabilisierung und zum Erfolg der BRD beigetragen hat."

Überaus lesenswertes Buch

Biess' überaus lesenswertes Buch endet 1990, die Geschichte der Ängste nicht. Es gibt sie heute mehr denn je. Nicht nur in Landesgrenzen, sondern in transnationaler, globalisierter Form. Die deutsche Nachkriegsgeschichte mag lehren, dass nicht alle Schreckensszenarien eintreten. Vielleicht auch, weil man so viel Angst vor ihnen hatte.

Republik der Angst

von
Seitenzahl:
624 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-00678-5
Preis:
22 €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 17.04.2019 | 00:00 Uhr

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