Der Reporter Georg Stefan Troller © picture alliance / GEORG HOCHMUTH / APA / picturedesk.com | GEORG HOCHMUTH Foto: GEORG HOCHMUTH

Reporterlegende Georg Stefan Troller wird 100

Stand: 10.12.2021 00:00 Uhr

Der Schriftsteller, Fernsehjournalist und Drehbuchautor Georg Stefan Troller feiert am 10. Dezember seinen 100. Geburtstag. Troller hat gerade ein neues Buch herausgebracht: "Meine ersten hundert Jahre".

von Ulrich Saurma

Georg Stefan Trollers Karriere begann in den 1960er-Jahren mit der Fernsehreihe "Pariser Journal", in der er berühmte und weniger berühmte Leute in Frankreich porträtierte. In seiner sehr eigenen Handschrift war Troller filmisch unterwegs bis weit in die 2000er-Jahre.

Seine markante Stimme ist Trollers akustisches Markenzeichen. Inzwischen ist er seltener zu hören. Dafür veröffentlicht er fast jedes Jahr ein neues Buch. Gerade erschienen: "Meine ersten hundert Jahre". Seit einigen Wochen melden sich bei ihm in Paris Zeitungen, Radio und Fernsehen und befragen den Jahrhundertzeugen. "Es ist natürlich wunderbar, dass einem so viel Achtung, Interesse und Liebe entgegenströmt. Und dann kommt ein solcher Geburtstag, unzählige Menschen interessieren sich wieder für einen, bringen Wärme und Zuneigung ins Haus. Nun ja, was kann einem besseres passieren in diesem Alter", freut sich der Jubilar.

Emigration beherrscht Trollers Lebensgefühl

Den Reporter Troller kennen viele, weniger bekannt ist seine Vergangenheit: Mit 16 Jahren musste er vor den Nazis aus seiner Heimatstadt Wien fliehen, weil ihm als Jude Deportation und Konzentrationslager drohten. Die Flucht nach Amerika gelang, aber das Trauma des Unerwünschtseins blieb sein Lebensthema. "Das, was man als Emigrant am meisten vermisst, ist die Lebensberechtigung. Emigration bedeutet ja, dass man sich selber für einen Emigranten hält, noch bevor man ein Mensch ist. Diese Selbstverachtung, die mit der Emigration einhergeht, und auch das Abflauen des Gefühls für eine Umwelt, die ja zum Großteil verloren gegangen ist, eine Umwelt an Kultur und Menschen, das alles führt zu einer inneren Leere, die man sich selber übel nimmt."

Troller hat sehr früh bei seinen ZDF-Reportagen unter dem Titel "Personenbeschreibung" gespürt, dass auch manche seiner Protagonistinnen und Protagonisten, berühmt oder nicht, von schweren Erlebnissen und Selbstzweifeln geprägt waren. "Durch die Beschäftigung mit den Problemen anderer Leute, mit ihren oft lebensbedrohlichen Problemen, und in dem ich herausfand, wie sie damit fertig wurden, habe ich sehr viel für mich selber gelernt. Ich würde fast sagen, dass das das Um und Auf meiner ganzen Filmarbeit gewesen ist - aber natürlich im Geheimen, davon hat niemand etwas erzählt."

Als Fotograf bei Befreiung des KZ Dachau dabei

Eine Hommage an den Menschen Troller ist demnächst im ZDF zu sehen unter dem Titel: "Auslegung der Wirklichkeit". Für die Regisseurin Ruth Rieser ist der alte Mann an einen Ort traumatischer Erlebnisse zurückgekehrt: das Konzentrationslager Dachau bei München. Als amerikanischer Soldat war Troller im Jahr 1945 bei der Befreiung des Konzentrationslagers als Fotograf beteiligt. "Die ganzen Toten lagen herum, dann habe ich mein Gesicht in den Toten gesucht. Ich hätte es sein können, der da lag, wenn ich nicht so unendlich viel Glück gehabt hätte. So viele von meinen Verwandten waren es dort oder anderswo, in Auschwitz oder so."

Die deutsche Sprache als Heimat

Der Schriftsteller, Fernsehjournalist, Dokumentarfilmer und Drehbuchautor hat sich trotz seines amerikanischen Passes und Wohnorts Paris eine ganz eigene Heimat bewahrt: die deutsche Sprache. "Wie wahr. Ich bin dieser Sprache über alle Hassmomente und Verzweiflungsmomente und Selbstbefragungen treu geblieben. Die Sprache ist Seelensprache, Herzenssprache. Das, was du wirklich meinst, ist auf eine ehrliche Art nur in der einen, der Muttersprache zu sagen."

Kurz vor seinem 100. Geburtstag bekam Troller ein überraschendes Angebot aus seiner alten Heimat Wien: die österreichische Staatsbürgerschaft zurückzubekommen. "Dies ist sozusagen die lang, lang erwartete Geste meiner Heimat, dass man mich wieder anerkennt. Ich habe erst 'nein' gesagt und sage jetzt 'ja'!"

Geburtstagsempfang in Wien

Am 5. November dieses Jahres lud Georg Stefan Troller zu einem vorgezogenen Geburtstagsempfang im altehrwürdigen Metro-Kino in Wien. Weit über hundert Freunde und Bekannte lauschten der kurzen Lesung aus seinem neuesten Buch "Meine ersten hundert Jahre". Im Anschluss folgte die österreichische Premiere des Dokumentarfilms über Troller, "Auslegung der Wirklichkeit". Es gab Standing Ovations für den schlohweißen Protagonisten im Kreis der gesamten Filmcrew. Eine Rolle, die dem fast 100-Jährigen sichtbar gut gefiel.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 10.12.2021 | 07:20 Uhr

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