Stand: 27.05.2020 11:44 Uhr  - NDR Kultur

Liebe in schwierigen Zeiten

Die Optimisten
von Rebecca Makkai, aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell
Vorgestellt von Katja Weise

In den USA war Rebecca Makkais Roman "Die Optimisten" ein großer Erfolg: Er stand sowohl auf der Shortlist für den Pulitzer Preis als auch für den National Book Award.

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In einem zweiten Handlungsstrang erzählt das Buch von der Suche nach einer verschwundenen Tochter.

Die Autorin erinnert darin an die vielen Aids-Toten in den 80er-Jahren. Gerade in Zeiten von Corona bekommt das Buch eine große Aktualität.

Um es gleich zu sagen: Es ist nicht immer leicht, diesen Roman zu lesen, denn schnell wachsen dem Leser die Menschen ans Herz, von denen er erzählt, so packend ist die Geschichte geschrieben.

Der Roman startet mit einer Trauerfeier

Gleichzeitig ist von Anfang an klar, dass ihnen große Gefahr droht. Rebecca Makkai beginnt sogar mit einer Beerdigung:

Nico hatte darauf bestanden, dass sie eine Party feierten. Meint ihr, ich will mir euer Geschluchze ansehen, falls ich nachher als Geist rumhänge? Dann verfolge ich euch mit meinem Spuk, damit das klar ist. Wenn ihr dasitzt und heult, werfe ich eine Lampe quer durchs Zimmer. Leseprobe

Die Männer sind jung, lebenshungrig und suchen ihren Weg - auch im Umgang mit der tödlichen Krankheit, die sie treffen kann. Es gibt kaum Medikamente, die Angst vor dem HIV-Test ist groß, Homosexualität an sich gilt in den 80er-Jahren oft noch als sündhaft.

Eine tödliche Krankheit grassiert in den 80er-Jahren

Rebecca Makkai richtet ihren Blick auf die damalige Schwulenszene in Chicago. Im Mittelpunkt steht Yale, ein junger Kunstexperte: Er trennt sich nach langjähriger Beziehung von seinem Freund, weil der ihn betrogen und sich dabei offensichtlich auch noch infiziert hat, just auf der Party nach Nicos Beerdigung.

Rebecca Makkai: "Die Optimisten" © Ullstein Verlag

Rebecca Makkai: "Die Optimisten"

NDR Kultur - Neue Bücher -

Rebecca Makkais Roman "Die Optimisten" erzählt von den 80er-Jahren, einer Zeit, die barst vor Lebenslust und Kreativität.

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Yale arbeitet für eine Galerie und hat die Chance, eine Sammlung bedeutender Gemälde zu akquirieren. Sie gehört der Großtante von Fiona, der zweiten Hauptperson in diesem Roman. Fiona ist die Schwester von Nico und kümmert sich hingebungsvoll um ihre schwulen Freunde, Yale begleitet sie zum Aids-Test:

Dr. Chengs Praxis befand sich in einem ehemaligen Einfamilienhaus. Weihrauch im Wartezimmer, eine Schwester, die um den Empfangstresen herumkam und Fiona fest in die Arme nahm. Zum Glück war kein Patient da, kein hohläugiger Fremder, der dasaß wie ein Geist aus Yales eigener Zukunft, kein Bekannter mit dem er Smalltalk hätte machen müssen. Er sagte: Du brauchst nicht zu warten. Leseprobe

Sie tut es natürlich trotzdem. Schon wenige Jahre später leben viele der jungen Männer nicht mehr.

Zwei Handlungsstränge auf zwei Zeitebenen

Von Fiona erzählt Rebecca Makkai auf einer zweiten Ebene weiter, sie springt ins Jahr 2015: Auf der Suche nach ihrer Tochter fliegt die inzwischen Anfang 50-Jährige nach Paris und kommt dort bei Richard Campo unter.

Ricardo ist ein berühmter Fotograf, der damals in Chicago die Schwulenszene fotografiert hat, insofern ist es auch eine Reise in die Vergangenheit. Sie ist auf der Suche nach ihrer Tochter, die den Kontakt abgebrochen hat, auch, weil Fiona ganz offensichtlich mit den Verlusten von damals nicht fertig wird.   

Sie sah dünn aus, aber gesund - die Wangen rosig, die Haare nachlässig hochgedreht - und verdutzt, überrumpelt. Fiona hatte sich tausend Gespräche vorgestellt, die sie vielleicht führen würden, hundert Arten, wie der Vormittag enden könnte, aber sie hatte sich nicht überlegt, was sie mit ihrem Gesicht, ihrem Körper machen sollte. Claire lächelte angespannt, ein verlegenes Lächeln. Was Fiona schließlich sagte, war: Hi. Leseprobe

Aids erschüttert eine lebenslustige Zeit

Rebecca Makkai springt zwischen den Zeiten, dazu gibt es Rückblenden, bis sich nach und nach das Bild eines Milieus zusammensetzt, das teilweise fast barst vor Lebenslust und Kreativität, das jedoch durch die hoch ansteckende, in fast allen Fällen tödliche Infizierung mit dem HI-Virus zutiefst erschüttert wurde. Die sowieso schon vorhandene gesellschaftliche Ächtung der Homosexuellen ließ sie so noch mehr zu Außenseitern werden.

Aber "Die Optimisten" ist auch ein Roman über die Liebe, über Kunst, über das Verhältnis von Eltern und Kindern, über Paris, im Jahr 2015 und Anfang des 20. Jahrhunderts. In dieser Zeit entstanden die Gemälde, die Yale für seine Galerie gewinnen möchte. Außerdem ist das Buch süffig geschrieben, man bleibt atemlos dabei und lernt viel über Optimismus:

Optimisten wie wir haben schon etwas durchgemacht und stehen trotzdem jeden Tag auf, weil wir glauben, wir könnten verhindern, dass es noch einmal passiert. Oder wir tricksen uns einfach aus, um das zu glauben. Leseprobe

Die Optimisten

von
Seitenzahl:
624 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Eisele bei Ullstein Buchverlage
Bestellnummer:
978-3-961-61077-8
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

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