Stand: 18.06.2019 10:00 Uhr

Die Anziehungskraft des Bösen

Ich bin ein Schicksal
von Rachel Kushner, übersetzt von Bettina Abarbanell
Vorgestellt von Lisa Kreißler

Als Meisterin dramaturgischer Rasanz ist Rachel Kushner mit nur zwei Romanen weltberühmt geworden. Ihr Debüt "Telex aus Kuba" beschäftigte sich mit der kubanischen Revolution. 2013 folgte der Roman "Flammenwerfer" über die motorradfahrende Reno und ihren Weg durch die New Yorker Kunstszene und das Italien der Roten Brigaden. Nun erscheint ihr dritter Roman "Ich bin ein Schicksal", in dem sie an die Tradition amerikanischer Gefängnisromane anknüpft.

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Der Umgang mit Schuld ist das Thema von Rachel Kushner.

Ein Bus fährt durch die Dunkelheit. Wie eine geheime Schande transportiert er seine Fracht. Es sind Frauen, die in diesem Bus sitzen. Ihre Hände sind in Ketten gelegt. Ihre Gedanken flackern befeuert von Wut und Panik in der Nacht. Sie sind auf dem Weg nach Stanville, einem Frauengefängnis in Kalifornien. Sie befinden sich mittendrin in einem Alptraum.

Zweimal lebenslänglich für eine 29-Jährige

"Eine saß im Käfig, sie schien ungefähr im achten Monat zu sein, jedenfalls war ihr Bauch so dick, dass eine extralange Kette hatte besorgt werden müssen, um ihr die Hände seitlich am Körper zu fesseln. Ihr Gesicht war tränenverschmiert, sie hatte Schluckauf und zitterte. In den Käfig hatte man sie ihres Alters wegen gesperrt, um sie vor uns anderen zu schützen. Sie war fünfzehn." Leseprobe

Auch Romy Hall, die Hauptfigur aus Kushners Roman, ist noch jung. Mit 29 blickt sie bei ihrer Ankunft in Stanville gleich zwei Mal lebenslänglicher Haft entgegen. Sie ist des Mordes schuldig gesprochen. Aber wo hat dieser Mord seinen Ursprung? Und ist es wirklich sie selbst, die die Schuld daran trägt?

In ihrer Heimatstadt San Francisco schlitterte Romy früh in das vertrackte Schema aus Drogen und Prostitution. Zwar hat sie den High-School-Abschluss gemacht, aber die Anziehungskraft des Dunklen war stärker. Im Mars Room, einem heruntergekommenen Stripclub, ließ sie sich kaufen von Männern, die sie verachtete.

"Im Mars Room brauchte ich nicht pünktlich zu sein, nicht zu lächeln, keinerlei Regeln zu befolgen und in den meisten Männern nichts anderes als Loser zu sehen, die ich ausbeuten konnte, während sie dachten, sie beuteten uns aus, und so herrschte dort natürlich eine ziemlich lebensfeindliche Atmosphäre, wenn auch unter dem Deckmantel der Unterordnung - unserer Unterordnung." Leseprobe

Romy kämpft dafür, ihr Kind sehen zu dürfen

Von einem dieser Männer hat Romy ein Kind bekommen, Jackson, der nun bei ihrer Mutter lebt. Als die Mutter stirbt, bricht Romy zusammen. Sie will wissen, wie es Jackson geht - und hat darauf kein Recht.

Romy gewinnt den Gefängnislehrer Gordon Hauser für sich, und Hauser schleust für sie nicht nur Informationen, sondern auch eine Drahtzange ins Gefängnis. In der Konzeption des Romans spielt er die Rolle des Erkenntnisträgers.

"Sie alle waren Menschen, die litten und auf dem Weg ihres Leidens andere leiden ließen, und Gordon konnte nicht erkennen, wie Gerechtigkeit daraus erwachsen sollte, dass man sie ein Leben lang leiden ließ." Leseprobe

Es ist die große Frage nach dem Umgang mit Schuld, die Kushner hier umkreist. Damit bewegt sie sich in der Tradition der amerikanischen Gefängnisromane von Truman Capote und Norman Mailer. Auch Denis Johnsons strahlende Unglücksengel gehören zu den Verweisen, die Kushner ganz bewusst in die Handlung einfließen lässt.

Das Böse hat eine große Anziehungskraft - darauf setzt Kushner. Ihr Text ist ein Panorama der harten Geschichten. Um die kalte Gefängniswelt und das brutale Milieu, aus dem die Insassinnen stammen, mit immer neuen Gewaltsensationen heraufzubeschwören, nimmt Kushner sogar erzähltechnische Unstimmigkeiten in Kauf.

Von der Ich-Erzählerin zu einer Stimmenvielfalt

Eröffnet wird die Geschichte als Ich-Erzählung Romys, dann tritt plötzlich eine allwissende Erzählinstanz auf, die aus der Perspektive des Gefängnislehrers erzählt und aus der des korrupten Polizisten Doc. Am Ende bekommen wir es dann noch mit dem Ich von Romys Zellengenossin Sammy zu tun.

Diese holpernde Stimmenvielfalt verdichtet Kushner nicht zu einem Chor der moralischen Widersprüche. Sie dient ihr als dramaturgische Peitsche und arbeitet auf diese Weise gegen ihre Heldin. Denn ob der Leser den Pakt mit der Fiktion eingeht, hängt vor allem von der Überzeugungskraft der Figuren ab.

Romy Hall bleibt eine Folie, die mit allzu vertrauten Hollywoodmotiven bespielt wird. Das Drama von Schuld und Sühne speist sich nicht aus Romys eigener Zerrissenheit, sondern entspringt der Maschine fleißiger Erzeugung von Spannung. Die Dunkelheit sickert nicht hinein in tiefere Schichten des Denkens wie etwa bei Kushners Vorbild Denis Johnson. "Ich bin ein Schicksal" lässt den Leser immer in der Gewissheit, dass am Ende des Films das Licht angeht.

Ich bin ein Schicksal

von
Seitenzahl:
400 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-03580-8
Preis:
24,00 €

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