Stand: 29.10.2019 10:26 Uhr

Preis für Philosophie und Sozialethik an Lisa Herzog

von Ole Wackermann

Digitalisierung, Globalisierung - Schlagworte zu Entwicklungen, die im Moment unsere Gesellschaft umkrempeln und viele Chancen bringen, aber auch neue Gefahren und wütende Gegenreaktionen von denen, die nicht einverstanden sind mit der schönen neuen Welt, die da entsteht. Wie können wir unter diesen Bedingungen eine gerechte Gesellschaft organisieren, an der alle teilhaben können? Solche Fragen treiben die Philosophin Lisa Herzog um. Ihre Antworten sind so überzeugend, dass sie am Montag in Hamburg mit dem Preis für Philosophie und Sozialethik geehrt wurde. Mit 100.000 Euro Preisgeld ist es die höchstdotierte Auszeichnung auf dem Gebiet der Philosophie in Deutschland.

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Das hohe Preisgeld möchte Lisa Herzog nutzen, um damit neue Forschungsprojekte zu ermöglichen.

Sich mit anderen austauschen, die eigenen Gedanken so weiterentwickeln - das ist Lisa Herzog wichtig bei ihrer philosophischen Arbeit und es führt mitten ins Zentrum ihres Denkens. In ihren Büchern kommt sie zu dem Schluss: Arbeit bezieht ihren Wert aus sozialer Interaktion. Ob Kassiererin im Supermarkt, Philosophin oder Konzernboss - wir leben auch von dem, was andere für uns erledigen und bauen auf den Ideen auf, die vorher da waren.

Den sozialen Wert der Arbeit bedenken

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Lisa Herzog über die Zukunft der Arbeit

31.08.2019 18:00 Uhr
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Automatisierung und Digitalisierung: In ihrem neuen Buch "Die Rettung der Arbeit" plädiert die Philosophin Lisa Herzog dafür, die Zukunft der Arbeit nicht dem Markt zu überlassen. mehr

Den Kult um Facebook-Gründer Marc Zuckerberg zum Beispiel sieht Lisa Herzog kritisch: "Wenn man die Geschichte technischer Innovationen anschaut, dann sieht man sehr schnell, dass die Dinge kumulativ entstanden sind und oft bestimmte Durchbrüche fast gleichzeitig von mehreren Personen entwickelt wurden." Die Arbeit von vielen führt aber aktuell oft zum Reichtum einiger weniger.

Eine Entwicklung, die die Philosophin nicht hinnehmen will: "Ja, wenn man den sozialen Charakter der Arbeit stärker in den Blick nimmt, dann stellt sich sofort die Frage: Wie sollen die Früchte dieser Arbeit verteilt werden? Und da denke ich auf jeden Fall, dass die derzeitigen Ungleichheiten durch nichts zu rechtfertigen sind. Schon allein deshalb, weil viele Menschen gar keine Ausgangschancen hatten, sich produktiv in die heutige Arbeitswelt einzubringen."

Mehr Demokratie und weniger Hierarchie in Unternehmen

Dem Trend zur Konzentration von Reichtum und Macht will Lisa Herzog etwas entgegensetzen: Sie fordert eine Obergrenze für extrem hohe Einkommen, außerdem mehr Demokratie und weniger Hierarchie in Unternehmen: "Vielleicht würden solche Unternehmen auch Steuervorteile verdienen, weil sie ein gesellschaftlich sinnvolles Modell leben und damit vielleicht auch Lernprozesse anstoßen. Und ich denke, durch die digitalen Technologien sind auch viele Kommunikationsprozesse einfacher geworden. Das wirft noch mal neu diese Frage auf: Welche Hierarchien brauchen wir denn? Und welche sind vielleicht auch überflüssig geworden?"

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Ludger Heidbrink, Professor für Praktische Philosophie an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel, hält die Laudatio bei der Preisverleihung.

Aus ihren Überzeugungen zieht Lisa Herzog auch persönlich Konsequenzen. Einer der Gründe, warum sie von der Technischen Universität München ins niederländische Groningen wechselt: Der Facebook-Konzern will in München einen Forschungsbereich finanzieren und die Philosophin fürchtet um die Unabhängigkeit der Wissenschaft. Konsequent ist es wohl auch, das Preisgeld nach der Auszeichnung in Hamburg zu nutzen, um die Zusammenarbeit mit anderen zu finanzieren. "Es ist für mich eine tolle Möglichkeit, neue Projekte anzustoßen. Ich habe schon Ideen, wie ich auch Leute aus unterschiedlichen Forschungsrichtungen zusammenbringen möchte, um einfach an diesen Themen, die gesellschaftlich wichtig sind, weiterarbeiten zu können."

Die Philosophin und Autorin Lisa Herzog. © Paula Winkler Foto: Paula Winkler

Lisa Herzog erhält Preis für Philosophie und Sozialethik

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Die politische Philosophin Lisa Herzog wird für ihre Bücher zu den Themen Teilhabe und soziale Gerechtigkeit mit dem Preis für Philosophie und Sozialethik ausgezeichnet.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 28.10.2019 | 17:40 Uhr

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