Stand: 17.03.2016 17:02 Uhr

Guntram Vesper - der ewige Frohburger

von Jan Ehlert
Guntram Vesper © dpa Foto: Erwin Elsner
Guntram Vesper wurde 1941 in Frohburg geboren. Die sächsische Stadt ist immer wieder Thema seiner Gedichte und Texte.

Guntram Vesper erhält den Preis der Leipziger Buchmesse 2016. Der Wahl-Göttinger wird für seinen Roman "Frohburg" ausgezeichnet.

Dass Vesper in diesem Jahr tatsächlich nach Leipzig zur Buchmesse gekommen ist, ist nicht selbstverständlich. 1970 war er schon einmal zur Messezeit dorthin entsandt worden, um über das Völkerschlachtsdenkmal zu schreiben. Doch Vesper fasste damals spontan eigene Pläne: "Es zog mich nicht zum Völkerschlachtsdenkmal sondern nach Frohburg. Das war damals noch nicht gestattet, wenn man zur Messe in Leipzig war. Ich fand aber Verwandte, die mich in einem Auto mit einheimischen Kennzeichen nach Frohburg fuhren", erinnert er sich.

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Guntram Vesper © dpa-Bildfunk Foto: Jan Woitas

Leipziger Buchpreis für Guntram Vesper

Guntram Vesper erhält den Preis der Leipziger Buchmesse 2016. Der Wahl-Göttinger wird für seinen Roman "Frohburg" ausgezeichnet, in dem er über seine sächsische Heimatstadt schreibt. mehr

Von Leipzig nach Frohburg und zurück

Und nun ist es ausgerechnet dieses Frohburg, das Vesper wieder nach Leipzig führt. "Frohburg" - so heißt der Roman, für den er den Leipziger Buchpreis erhält. Ein Roman über seine Geburtsstadt, die er schon Jahrzehnte zuvor in einem ausführlichen Gedicht beschrieben hat.

Frohburg ist eine kleine Landstadt von viereinhalbtausend Einwohnern im östlichen Sachsen. Auf halbem Weg zwischen Leipzig und Karl-Marx-Stadt, abseits und allem ausgesetzt wie Tausende von Orten in Deutschland.

Die Geburtsstadt als Lebensthema

Für Vesper aber ist es der eine Ort, der zu seinem Lebensthema wurde. Mit 22 Jahren brachte er seinen ersten Gedichtband heraus, er las bei der letzten Sitzung der Gruppe 47 und schrieb zahlreiche weitere Gedichte und Hörspiele. "Die Illusion des Unglücks" und "Kriegerdenkmal ganz hinten" zählen zu seinen bekanntesten Veröffentlichungen. Seit 1963 lebt er in Göttingen und betreibt dort ein Antiquariat.

Frohburg ließ ihn dabei nie los. 1985 fasste er dies in seinem Text "Über Frohburg und sich selber schreiben" programmatisch zusammen: "Wozu sind wir erzogen worden, von wem, mit welcher Geschichte? Wie haben wir Gefühle und Weltsicht weiterentwickelt? Jedes Schreiben über seine ersten 15, 20 Jahre muss dieser Frage nachgehen", heißt es darin.

Flucht aus der DDR mit 16 Jahren

Daran hat sich für ihn nichts geändert. Zumindest thematisch: "Ich schreibe immer über das Gleiche. Weil ich aber immer älter werde und mich, wie ich hoffe, weiterentwickle, ist es aber nicht immer das Gleiche", sagt er.

Vesper verbrachte die ersten 16 Jahre seines Lebens in Frohburg, bis zur Flucht seiner Familie aus der DDR. Die erste Zeit in Westdeutschland, die er in einem Internat verbrachte, zählt zu den schlimmsten Erfahrungen seines Lebens. Die Schule sei eine "Entwürdigungsanstalt" gewesen, beschreibt Vesper sie.

Ein Werk, durchzogen vom Bösen

Aber auch die Zeit in Frohburg ist nicht nur mit guten Erinnerungen verbunden. In einem seiner Gedichte schreibt er über die Stadt:

In manchen Nächten meiner Kinderzeit sprangen die hungrigen Ratten aus den Abfallgruben von Frohburg und gaben ihre Mordlust an die ganze Stadt weiter. Man konnte vor Hass nicht schlafen.

Und so ist auch Vespers Werk durchzogen von dem unergründlichen Bösen, das immer wieder plötzlich hervorbricht: "Was ist ein Schuster, wenn er Schuhe macht? Wenn er seiner Frau den Schädel einschlägt, dann wird er interessant."

Vespers Roman "Frohburg" ist voll von solchen Figuren. Und er ist Vespers Lebenswerk: Er sei schon seit seiner Kindheit ein Sammler von Frohburger Biografien, sagt Vesper. Akribisch hat er diese zusammengetragen und miteinander verknüpft. Und diese Sammelwut wird weitergehen: Denn auch wenn sein jetziger "Frohburg"-Roman mehr als 1.000 Seiten umfasst: Auserzählt ist die Geschichte seiner Heimatstadt noch lange nicht. "Der Roman umfasst ja eigentlich 1.400 Seiten", schmunzelt er. "Wir haben uns dann entschieden, einiges zu streichen. Hätte ich weitergeschrieben, wahrscheinlich noch mal vier Jahre, und ich wäre in der Gegend von fast 2.000 Seiten gelandet."

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | BücherLeben | 17.03.2016 | 13:00 Uhr

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