Stand: 08.09.2017 15:56 Uhr

Brodelnde Schuld

Drei Tage und ein Leben
von Pierre  Lemaitre, Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Vorgestellt von Katja Weise
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Pierre Lemaitre, 1951 in Paris geboren erhielt unter seinen zahlreichen Auszeichnungen einen der wichtigsten, den"Prix Goncourt."

Für seinen letzten Roman, "Wir sehen uns dort oben", hat Pierre Lemaitre den wichtigsten französischen Literaturpreis erhalten, den "Prix Goncourt". Und auch sein neues Buch, das jetzt auf Deutsch erscheint, hat dem Autor in Frankreich schon viel Lob eingebracht. "Drei Tage und ein Leben" spielt - anders als sein Vorgänger - in der Gegenwart. Lemaitre erzählt darin eine ungeheuerliche Geschichte, die so trotzdem fast überall passieren könnte. Es geht ganz schnell:

"Rémi, der ihn nie in einem solchen Zustand gesehen hatte, war verängstigt. Er wandte sich um, machte einen Schritt. Da nahm Antoine den Stock in beide Hände und schlug voller Wut auf das Kind ein. Der Stock traf die rechte Schläfe. Rémi brach zusammen, Antoine ging näher, streckte die Hand aus, schüttelte ihn an der Schulter: Rémi?" Leseprobe

Doch Rémi kann nicht mehr antworten. Der Sechsjährige ist tot. Erschlagen von einem Zwölfjährigen.

Sekunden, die über ein Leben entscheiden

Antoine ist vorher nie durch Gewaltausbrüche aufgefallen, er ist ein ruhiger Junge, ein Einzelgänger und lebt mit seiner Mutter in einem Dorf in der französischen Provinz. Wie in Trance versteckt er die Leiche im Wald:

"Das ist ein Fehler, ein dramatischer Unfall, aber ein Unfall von schrecklicher Tragweite. Das Schicksal dieses Kindes entscheidet sich in einem Augenblick, wo es eigentlich noch gar nicht existiert. Mit zwölf fragt man sich: Was mache ich morgen, was mache ich mit achtzehn, vielleicht, was mache ich mit dreißig, aber das ist abstrakt, man lebt im Augenblick. Nachdem Antoine das Verbrechen begangen hat, hat er das Gefühl, etwas getan zu haben, das sein Fassungsvermögen übersteigt. Das Schicksal ereilt ihn, bevor er überhaupt weiß, was Schicksal ist." Leseprobe

Und genau das interessiert Pierre Lemaitre: Was passiert mit einem Kind, das mit einer Schuld leben muss, die es überfordert und das immer Angst vor Entdeckung haben wird.

Ein Unwetter, das alle Spuren beseitigt

Um diese Spannung noch zu steigern, lässt der Autor nach zwei Tagen höchster Aufregung, in denen Antoine auch zu dem Verschwinden des kleinen Rémi befragt wird, ein sintflutartiges Unwetter über Beauval niedergehen. Alle Spuren scheinen nun vernichtet zu sein:

"Die rasch unter Wasser gesetzten Straßen verwandelten sich erst in Bäche, dann in Flüsse, und trugen alles davon, was die Windböen wenige Stunden zuvor losgerissen hatten: Mülleimer, Briefkästen, Kleidungsstücke, Kisten, Bretter; man sah sogar einen kleinen weißen Hund, der versuchte, sich über Wasser zu halten, und den man am nächsten Morgen tot an einer Mauer finden würde." Leseprobe

"Es hat mich interessiert, mit diesem Unwetter ein Ereignis zu schaffen, nach dem die Karten ganz neu gemischt sein würden. Alle, bis auf eine. Das ganze Dorfleben fängt quasi bei null wieder an, aber die Tragödie, die bleibt und die Gewissheit, dass die Wahrheit früher oder später ans Licht kommen wird", so Pierre Lemaitre. Sein Roman ist beides: Tragödie und Gesellschaftsroman.

Flucht in ein "normales" Leben?

Wie ein Arzt seziert er den dörflichen Kosmos, zeigt dessen Beschränktheit, außerdem die Nöte einer Gemeinde in wirtschaftlich unsicheren Zeiten, die plötzliche Tatkraft und Solidarität nach dem Unwetter. Antoine hat trotzdem nur einen Gedanken: weg. Und es gelingt ihm tatsächlich, Beauval zu verlassen. Er studiert Medizin, verliebt sich.

"Im Alltag vergaß er. Der Tod von Rémi Desmedt war eine alte Begebenheit, eine schmerzliche Kindheitserinnerung, Wochen vergingen ohne Unbehagen. Antoine war nicht gefühllos: Sein Verbrechen existierte einfach nicht mehr. Dann lösten ein kleiner Junge auf der Straße, eine Szene im Kino, der Anblick eines Gendarms plötzlich eine nicht zu unterdrückende Angst in ihm aus." Leseprobe

Und natürlich entkommt Antoine seinem Schicksal nicht.

"Das Ende ist im Anfang enthalten. In dem Moment, in dem er das Verbrechen begeht, ist klar, dass er dem nicht entrinnen kann, dass, was immer auch passieren wird, er am Ende letztlich zum Anfang zurückgeführt wird", so Lemaitre. Aber anders als erwartet. Lemaitres Roman hat es in sich. Er ist meisterhaft erzählt, und auch der Leser entkommt diesem Autor nicht.   

Weitere Informationen
mit Audio

Torben Kessler liest Pierre Lemaitre

11.09.2017 08:30 Uhr
NDR Kultur

In dem Buch "Drei Tage und ein Leben" muss der zwölfjährige Antoine mit der Schuld leben, ein Mörder zu sein. Torben Kessler liest diesen tief berührenden Roman mit großem Einfühlungsvermögen. mehr

Drei Tage und ein Leben

von
Seitenzahl:
270 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Klett-Cotta
Bestellnummer:
978-3-608-98106-3
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

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