Stand: 08.07.2020 09:57 Uhr  - NDR Kultur

Ein Buch zwischen Liegestuhl und Verfolgungsjagden

Morgengrauen
von Philippe Djian, aus dem Französischen von Norma Cassau
Vorgestellt von Alexander Solloch

Nicht ganz mit derselben (sowieso unerreichbaren) Produktivität von Georges Simenon, aber doch ähnlich zuverlässig legt Philipp Djian unerschütterlich Roman um Roman vor; seit seinem Welterfolg "Betty Blue" 1985 ungefähr alle anderthalb Jahre einen neuen. Und ähnlich wie der große Simenon schöpft Djian, geboren 1949 in Paris, aus einem unerschöpflichen Fundus: Er erzählt Geschichten von ganz normalen Leuten, mal in Frankreich, mal in Amerika, von Leuten, die einfach nur ihr Leben leben wollen. Irgendwelche Umstände, die kaum zu steuern sind, hindern sie daran. Jetzt liegt Philippe Djians jüngster Roman in deutscher Übersetzung vor: "Morgengrauen".

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Philippe Djians Roman "Morgengrauen", erschienen im Diogenes Verlag.

In einem Alter, in dem für viele das Leben - jetzt aber mal wirklich - erst so richtig beginnt, ist für Joan eigentlich schon alles vorbei. Kein Tag anders als der davor, nicht einmal die Verschattungen sind nuanciert. Öder Sex mit öden Kunden, dazwischen: Verdrängung. Joan, Anfang 30, imitiert eine Art Alltag in Boston an der Ostküste und schläft dabei fast ein. Einen neuen Aufschwung erfährt ihr Leben in dem Moment, in dem das ihrer Eltern endet, in einem Auto, das gegen einen Baum gekracht ist.

Sie hatte keinen schlechten Tausch gemacht. Vermutlich konnte sie nicht offen aussprechen, dass der Tod ihrer Eltern das Beste war, was ihr passieren konnte. Nichts aus ihrem vergangenen Leben war übriggeblieben, nichts, das eine Erinnerung wert wäre, nichts, was sie hätte rot markieren, kein Gesicht, das sie hätte liebkosen, nichts, dem sie hätte nachweinen können. Erst jetzt war ihr das völlig bewusst. Nur langsam hatte sie klarer gesehen, wo sie anfangs nur flimmernde Formen wahrgenommen hatte, wie durch eine Hitzewand, bis eines Morgens, in verblüffender Schärfe, Marlon vor ihr auftauchte, als sie auf der Veranda ihres alten Hauses frühstückte. Sie hatte in diesem Moment nicht richtig begriffen, was mit ihr passierte, aber sie hatte eine seltsame Kraft gespürt, die in sie eindrang und sich tief in sie hineinbohrte. Leseprobe

Zwischen Liegestuhlstunden und Verfolgungsjagden

Marlon - so heißt jetzt Joans Aufgabe, ihr neues Kraftfeld. Nach dem Tod der Eltern muss sie sich um den jüngeren Bruder kümmern. Er ist 25, er ist Autist, momentweise verblüffend scharfsinnig, dann wieder ängstlich und hilflos wie ein Kleinkind. Hier ist endlich einer, den sie bedingungslos annehmen und lieben kann, den sie verteidigt wie eine Löwin. Es gibt da nämlich einige sehr bedrohliche Nachstellungen, zum Beispiel von diesem düsteren Howard, der es auf das vermutete Vermögen der Eltern abgesehen hat, was sich wiederum Philippe Djian zunutze macht. Seine Figuren suchen ja eigentlich immer nach der Balance im Leben; das ist mal der Platz auf dem Liegestuhl, möglichst mit Entspannungsgetränk in der Hand, mal der Platz an der Seite eines Menschen, der sie liebt. Aber das Leben hat anderes mit ihnen vor, weshalb bei Philippe Djian mindestens eine spannungsvolle Verfolgungsjagd pro Roman einfach sein muss. Das nämlich kann keiner so brillant wie dieser Autor: Liegestuhlstunden und Verfolgungsjagden als gleichrangig aufregende Bestandteile des Lebens zu beschreiben.

Wie ein Pfeil schoss sie aus dem Sessel hoch, stürzte ins Wohnzimmer und spurtete zur Eingangstür und hinaus, ohne sich umzusehen. Sie rannte querfeldein in Richtung des Lichts, das weiter unten brannte, das Gelände war abschüssig, von Gräsern und Gestrüpp und blühendem Heidekraut überwuchert. Howard war ihr auf den Fersen, mit finsterer Miene, er schätzte kurz die Lage ein, sprang dann in sein Auto und fuhr los. Die Straße machte einen weiten Bogen, und Joan verfolgte Howards Vorankommen aus dem Augenwinkel, während sie mit Karacho den Hügel hinunterrannte und dabei eine Staubwolke aufwirbelte… Leseprobe

Eine Liebesgeschichte und weitere Katastrophen

Ist das schon einigermaßen dramatisch, verfinstert sich die Situation noch durch den Auftritt einer älteren Dame namens Ann-Margaret. Joan hat sie selbst engagiert als, ja, sagen wir ruhig: Babysitterin für den Mittzwanziger. Dass daraus aber eine Liebesgeschichte wird, übersteigt alles, was sie sich vorstellen konnte und was sie zu ertragen bereit ist. Da kann man sich beim Lesen schon die Katastrophe ausmalen, die unfehlbar eintreten muss. Allerdings bleibt fast bis zur letzten Seite auch das Gegenteil einer Katastrophe immer möglich, so aufreizend thesenlos schreibt Philippe Djian, so eiskalt an jeder Aussageabsicht vorbei.

Guck mich an. Kannst du mir sagen, wer mich braucht. Vorgestern war ich auf der Fähre unterwegs und habe mich gefragt, wie ich es fertigbringen soll, mich nicht über Bord zu stürzen. Aber hier bin ich. Das ist die Moral von der Geschichte. Leseprobe

Es muss halt immer irgendwie weitergehen. Man muss halt immer irgendwie weitermachen. Philippe Djian, der unverwüstlich düstere Spaßmacher der Literatur, hilft dabei sehr.

Morgengrauen

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Diogenes Verlag
Bestellnummer:
978-3-257-07122-1
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 08.07.2020 | 12:40 Uhr

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