Phil Klay: "Den Sturm ernten" © Suhrkamp

Phil Klay: "Den Sturm ernten"

Stand: 13.10.2021 11:31 Uhr

Der US-Amerikaner Phil Klay war selbst im Irak als Soldat im Einsatz. In seinem Roman beschreibt er Varianten eines modernen Krieges in einer globalisierten Welt und besonders in Kolumbien.

Phil Klay: "Den Sturm ernten" © Suhrkamp
Beitrag anhören 5 Min

von Tobias Wenzel

Nach seinem Einsatz hatte er das starke Bedürfnis, in seiner Literatur etwas zu kommunizieren. Seine Zeit im Irak hat Klay in dem preisgekrönten Bestseller, dem Erzählband "Wir erschossen auch Hunde", verarbeitet. Nun ist Klays erster Roman in deutscher Übersetzung erschienen.

Moderne Kriegsführung in Kolumbien und weltweit

"In Kolumbien haben die USA selbst nie jemanden getötet. Wir haben die Kolumbianer technisch unterstützt. Aber die Kolumbianer haben dann getötet. So etwas passiert überall auf der Welt. Das werden wir US-Amerikaner auch in Zukunft tun", sagt der Autor

Phil Klay hat einen Roman über den bewaffneten Konflikt in Kolumbien geschrieben, aber zugleich über moderne Kriegsführung weltweit. Klay war von 2007 bis 2008 als US-amerikanischer Soldat im Irak im Einsatz.

"Je mehr ich über den US-amerikanischen Krieg geschrieben habe, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass es nicht genügt, über nur einen einzigen Krieg zu schreiben", erzählt der Autor. "Zum Beispiel ist ein kolumbianischer Söldner denkbar, der auf einem Luftstützpunkt der Vereinigten Emirate jemenitische Stammesangehörige durch eine in China produzierte Drohne beobachtet, bis er sich mit einem Piloten der Emirate abspricht, der dann eine US-amerikanische Bombe auf die Jemeniten abwirft."

Gewalt und Drogenhandel von den 80er-Jahren bis heute

Dieser globalisierten Art der Kriegsführung begegnet man auch in Klays gelungenem Roman, den Hannes Meyer sehr schön übersetzt hat. "Den Sturm ernten" reicht bis in die 80er-Jahre zurück, als der bewaffnete Konflikt und auch die mit dem Drogenhandel verbundene Gewalt Kolumbien zerreißt, und endet 2016. Es ist das Jahr, in dem die Kolumbianer über den Friedensvertrag abstimmen, den die Regierung mit den Rebellen ausgehandelt hat.

In dieser Zeit treffen in Kolumbien die vier Hauptfiguren aufeinander: ein kolumbianischer und ein US-amerikanischer Militär, der im Irak im Einsatz war, ein Paramilitär und eine US-amerikanische Journalistin, die vorher aus Afghanistan berichtet hat.

Mit Hilfe einer amerikanischen Drohne macht das kolumbianische Militär einen Drogenboss ausfindig und tötet ihn. Fahnder waren ihm auf die Schliche gekommen, weil er, das beruht auf einer wahren Geschichte, für den Geburtstag seiner Freundin einen fast zwei Meter großen Teddybären bestellt hatte. Humor bricht sich in diesem Roman unerwartet Bahn.

"Die Welt ist absurd", findet Klay, "und Menschen, die in Systemen der Gewalt gefangen sind, nehmen diese Absurdität wahr. Humor ist eine Art, damit umzugehen."

Was richtet Gewalt in den Seelen der Menschen an?

Nach der Tötung des Drogenbosses und nach dem Rückzug des Militärs entsteht ein gefährliches Machtvakuum. Das ist ein zentrales Thema in Phil Klays Roman: Was bedeutet Gewalt langfristig für die Menschen vor Ort, was richtet sie in ihren Seelen an? Etwa in Abel, eine der Hauptfiguren, der als Kind zwischen die Fronten der kolumbianischen FARC-Rebellen und der Paramilitärs gerät, seine Familie verliert und sich den Paramilitärs anschließen muss, die im Konflikt für die meisten Massaker verantwortlich sind.

Gut und Böse sind oft gar nicht klar voneinander zu trennen, das macht Klays zur Skepsis anregender Roman auf beeindruckende Weise deutlich. Da stellt sich automatisch die Frage, wie viel Gutes und wie viel Schlechtes die USA in Kolumbien getan haben.

"Möglicherweise hat die militärisch-technische Unterstützung durch die USA dazu geführt, dass das kolumbianische Militär erfolgreich im Kampf gegen die Rebellen war, was langfristig zu weniger Gewalt im Land geführt hat", gibt der Autor zu bedenken. "Möglicherweise tragen wir aber auch eine Mitverantwortung für die Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien zur selben Zeit."

Den Sturm ernten

von Phil Klay, aus dem amerikanischen Englisch von Hannes Meyer
Seitenzahl:
495 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-43003-3
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 14.10.2021 | 12:40 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Phil-Klay-Den-Sturm-ernten,densturmernten102.html

Mehr Kultur

Eine Frau mit weißer Bluse und Krawatte liegt lächelnd auf einem dunklen Klotz, schräg daneben liegt auf dem Boden ein Mann in blauer Sportkleidung. © Olaf Struck/ Theater Kiel Foto: Olaf Struck

"Country Music" am Theater Kiel: Vom Scheitern und Hoffen

Das Stück "Country Music" handelt vom Leben eines jungen Kriminellen und seinen geplatzten Lebensträumen. mehr