Stand: 27.01.2017 17:40 Uhr  | Archiv

Dokumente der Wirtschaftskrise

von Benedikt Scheper

Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 führte in den USA zu starken gesellschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten, zu Verarmung und Elend. Mit umfangreichen Sozial- und Wirtschaftsreformen versuchte die US-Regierung zu helfen: "New Deal" hieß dieses Reformprogramm. Zusätzlich half die 1935 gegründete Farm Security Administration (FSA) den Bauern und Arbeitern. Um die Zustände und Lebensbedingungen der Menschen zu zeigen, aber auch um die Fortschritte für die Nachwelt zu dokumentieren, engagierte die FSA mehr als 40 Fotografen. Ihr Auftrag - knapp formuliert: Sie sollten "den Amerikanern ein Bild Amerikas" vor Augen führen. Die bedeutendsten Fotografien sind nun in einem Bildband zu sehen.

Triste Landschaft, ausgedörrte Erde

Unendliche Weite in schwarz-weiß. Ein windschiefes Holz-Haus, wenige Bäume, dahinter ein trockener Acker, über den eine einmotorige Propeller-Maschine im Tiefflug Flüssigkeit versprüht. Ob es etwas bringt - auf diesem Bild der Tristesse scheint es ungewiss. Die Wolken am Himmel ziehen weiter, die Menschen bleiben zurück. Der Band nähert sich respektvoll dem Thema der Massenverarmung.

Sand überall, er bedeckt alles. Klapprige Kutschen, Jeeps, windschiefe Zäune, ja eine ganze weite Landschaft ist von feinem, trockenen Sand bedeckt. Ausgedörrt liegt South Dakota da, von den Menschen und vom Glück verlassen. Die Leere dieses einen Bildes sagt mehr aus als die Begleittexte, stellt Menschen als Opfer dar - vertrieben von Wirtschaftskrise und Natur.

Schwierige Auswahl aus 184.000 Fotos

Mehr als 40 Fotografen steuerten 184.000 Bilder bei. Herausgeber Peter Walther benötigte anderthalb Jahre, um die bedeutendsten ikonografischen Fotos auszuwählen. "Da gibt es Fotografen, wie Dorothea Lange, wo es eben die Kraft und Konzentration und Ruhe dieser quasi fotografisch-melancholischen Gemälde sind, die man sieht. Dann sind es Fotografen wie Walker Evans, wo es eher um die grafische Evidenz geht. Da haben wir zum Beispiel ein Foto, wo man ein großes weißes Steinkreuz auf einem Friedhof sieht. Und im Hintergrund sieht man in so einer starken grafischen Struktur ein Stahlwerk mit den Schornsteinen. Also das sind ganz starke aussagekräftige Fotografien", erklärt Herausgeber Peter Walther.

Aus den überwiegend schwarz-weißen Bilder stechen die ersten Farbfotografien heraus. Jack Delano verwendete als einer der wenigen das neue, seit 1935 mögliche Kodachrome-Verfahren. Einerseits konnten sich zeitgenössische und heutige Betrachter so noch besser die abgebildete Realität vorstellen, andererseits kritisierten Medien- und Kunstexperten Farbe als zu werblich, zu kommerziell.

Fotokampagne mit dauerhaftem Wert

Doch der dokumentarische Wert der Fotos ist bis heute unbestritten, meint Peter Walther: "Es ist eine andere Epoche und die Probleme sind natürlich auch andere gewesen, aber dennoch sind diese Fotografien zeitlos. Wenn Sie die Fotos von den sogenannten Hoover-Villes sehen, von diesen Zeltstädten, die damals gebaut wurden, dann erinnert das fatal an die Situation 2008 nach der Subprime-Krise in den USA, als die Leute aus ihren Häusern raus und in Zelte einziehen mussten. Es ist generell ein unglaubliches Verdienst dieser FSA-Fotokampagne, ein Bild von diesem Land zu vermitteln, das im Grunde Gültigkeit hat bis heute und bei dem man sich fragt, ob es sinnvoll wäre, eine vergleichbare Foto-Kampagnen heute laufen zu lassen. Denn was da an Anschauung über Alltag, Lebensweise im Bild festgehalten wird, ist wirklich interessant und überliefernswert."

Der Bildband erinnert an eine der größten sozialen Talfahrten der US-Geschichte - die Große Depression. Deren Folgen, aber auch der Wiederauftstieg werden spürbar und wirken ohne den historischen Kontext zeitlos. Wenn Walker Evans zwei junge Afroamerikaner Mitte der 1930er-Jahre ablichtet, könnte das Foto auch von heute sein: Der eine trägt eine runde Holz-Sonnenbrille, der andere einen Strohhut. Doch ihre weißen Hemden sind grau, ihre Blicke skeptisch. In ihrem Leben und Land scheint etwas abhanden gekommen zu sein - die Hoffnung.

Die Fotografie des New Deal. USA 1935-1943

von Peter Walther (Herausgeber)
Seitenzahl:
608 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Texte Deutsch, Englisch, Französisch
Verlag:
Taschen Verlag
Bestellnummer:
978-3836537117
Preis:
14,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 29.01.2017 | 17:40 Uhr

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