Stand: 23.06.2017 16:00 Uhr

Gesammelte Texte eines Ideenjongleurs

Nach Gott
von Peter Sloterdijk
Vorgestellt von Joachim Dicks
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Peter Sloterdijk hat von 1968 bis 1974 in München und an der Universität Hamburg Philosophie, Geschichte und Germanistik studiert.

Peter Sloterdijk ist kein Philosoph der leisen Töne. Seit er 1983 mit seiner "Kritik der zynischen Vernunft" schlagartig einer größeren Leserschaft bekannt wurde, hat er mit Vorträgen und Aufsätzen immer wieder heftige Debatten angezettelt. Seine "Regeln für den Menschenpark" brachten ihm 1999 den Vorwurf ein, für eine "faschistoide Züchtungsideologie" zu plädieren. Und mit seiner Kritik an der Flüchtlingspolitik Angela Merkels und dem Verhalten der Medien, die er als "Lügenäther" bezeichnete, gab er diesem Vorwurf weiter Futter. Andererseits hat er als Fernseh-Philosoph im "Philosophischen Quartett" dieser Disziplin besondere Aufmerksamkeit verschafft. Jetzt wird Peter Sloterdijk 70 Jahre alt, und ein neues Buch von ihm ist auch in diesen Tagen erschienen. Es heißt "Nach Gott".

Ein Freund der mehrdeutigen Sprache

Ein Titel, der gut passt zu einem Denker, dem die Mehrdeutigkeit der Sprache Lebens- und Denkelixier ist. "Nach Gott" - darin klingt Frage oder die Suche nach Gott an; der Nietzsche-Verehrer Sloterdijk denkt aber auch an das Zeitalter nach Gott. Gott ist tot! Aber was folgt darauf? Wie hängen Gottesvorstellungen und Religionen zusammen? Wie bestimmen sie unsere Gegenwart? "Deswegen spielen religiöse, theologische Themen eine sehr prominente Rolle", antwortet Sloterdijk, "weil ich ja der Überzeugung bin, dass es ein Schatzhaus eines Wissens darstellt, das auch im außerkirchlichen Gebrauch sehr vorteilhafte Wirkung hervorrufen kann."

"Nach Gott" versammelt insgesamt zwölf Essays, Vorträge und Buchauszüge aus dem Zeitraum 1993 bis 2017. Ein Beitrag zum Lutherjahr unter dem Titel "Ist die Welt bejahbar?" zeigt exemplarisch das fulminant-umfassende Wissen, mit dem Peter Sloterdijk wie ein Ideenjongleur aufzutrumpfen versteht. Dazu gehört auch seine zum Teil diebische Freude, hinter anspruchsvollen, sehr abstrakten Formulierungen auch den Küchenpsychologen zu seinem Recht kommen zu lassen:

Der junge Luther brachte offensichtlich ein hohes zur Entfremdung und Verfehlung geeignetes Potential ins Spiel. In moderner Terminologie würde man sein Ausgangsmaterial eine schwere Neurose nennen. Historisch entscheidend wurde, dass Luthers Verstörung zur religiösen Recodierung geeignet war und mehr noch zur religionspolitischen Übersetzung. Leseprobe

Metaphernreiche Formulierungen

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Peter Sloterdijk wurde am 26. Juni 1947 geboren.

Der Mensch als "theopoetisches Tier" - das ist eine der Formulierungen aus dem metaphernreichen Stil-Baukasten Peter Sloterdijks. Wegen solcher Worterfindungen bereitet die Lektüre dieses Buches zeitweise Vergnügen. Wer Sloterdijk kennt, sieht die zahlreichen Variationen seiner Auseinandersetzung mit den Religionen zusammengefasst. Wer ihn kennenlernen will, findet in "Nach Gott" eine Art Einführung in sein Denken.

"Man braucht ja Religion in zwei verschiedenen Zusammenhängen. Den einen kennt auch das Alltagsbewusstsein, das sagt also: Not lehrt Beten", sagt der Autor. "Und den zweiten, den hat Nietzsche beschrieben in einer späten Arbeit, in der er die Herleitung der Religion aus dem Hochgefühl beschreibt. Das heißt, man ist dankbar für sich selbst, dafür braucht man einen Gott, also das gelungene Leben zu feiern, nicht nur das verletzte Leben zu reparieren. Zwischen diesen beiden Polen schwingt das religiöse Gefühl im Allgemeinen."

Philosoph mit Ashram-Erfahrung

Man sollte bei Peter Sloterdijk niemals vergessen, dass er unmittelbar vor seinem großen Erfolg als Philosoph Ende der 70er-Jahre zwei Jahre in einem indischen Ashram gelebt hat. Vor dort kehrte er zurück und verfasste "Die Kritik der zynischen Vernunft". Was damals mit ihm geschah, entrückt er selbst in eine quasi-religiöse Erlebnissphäre:

"Es war ein pfingstliches Ereignis", erinnert sich Sloterdijk. "Als ob ein Geist ausgegossen wird, wenn eine enthusiastische Gemeinde sich konstituiert, eine jubilatorische Synthese da ist, ein Übermaß an Freundlichkeit und Partizipation auftaucht und das Bedürfnis, weiterzusagen, was man erfahren hat. Dass man plötzlich auf dem Gipfel des Botschaftsberges steht und sagt, da musst du jetzt runter, ja."

Weitersagen, was er erfahren hat - das bleibt Programm. Zu seinem 70. Geburtstag hat Peter Sloterdijk sich und seinen Lesern ein Buch geschenkt, das keinen rhetorischen Sprengstoff enthält. Bei aller Lust an "Erregungsproduktion" - auch eines seiner Worte - ist ihm wohl nach einer stillen Feier zumute. Herzlichen Glückwunsch!

Nach Gott

von
Seitenzahl:
364 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Dumont
Bestellnummer:
978-3-518-42632-6
Preis:
28,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 26.06.2017 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Peter-Sloterdijk-Nach-Gott-,nachgott102.html

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