Stand: 14.02.2020 07:51 Uhr

Handkes virtuose Rache-Geschichte

von Ulrich Kühn

Als Peter Handke im Herbst den Literaturnobelpreis bekam, nahmen die Diskussionen kein Ende. Die einen sagten: Niemals hätte Handke ausgezeichnet werden dürfen, er habe sich in den jugoslawischen Zerfallskriegen der 1990er auf fragwürdigste Weise für Serbien eingesetzt – und historisch verbürgten Massenmord ignoriert. Andere kämpften dafür, Handkes literarische Größe anzuerkennen und auch auszuzeichnen. Handke selbst reagierte angefasst, teils wütend und kam den Kritikern kaum entgegen. Am Montag kommt das erste Handke-Buch seit dem Nobelpreis-Streit in die Buchhandlungen. Ein schlanker Text, 160 Seiten: "Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte". Geschrieben wohl schon im Frühjahr 2019. Trotzdem fragt man sich gespannt, worum es geht.

Rache! Um nichts anderes geht es. Der Ich-Erzähler dieser "Maigeschichte", die so elegant-luftig-rhythmisch schwebt, ist entschlossen zur Tat:

'Das also ist das Gesicht eines Rächers!" sagte ich zu mir, als ich mich an dem bewußten Morgen, bevor ich mich auf den Weg machte, im Spiegel ansah.

Peter Handke: "Das zweite Schwert" (Buchcover) © Suhrkamp Verlag
Peter Handkes Buch ist ein meisterhaft virtuoser Text mit gewaltsam-gewaltfreiem Ende, findet Ulrich Kühn, Leiter der Literatur-Redaktion bei NDR Kultur.

Rache also, unwidersprechlich - doch wofür und an wem? Es dauert viele schwebende Sätze, bis wir das erfahren. Erst wird die Landschaft der stets fragwürdigen "Wirklichkeit" bereitet: Frankreich, nahe bei Paris, Ferien zwischen Ostern und Mai, alles leerer, stiller als sonst. Hier wohnt der Erzähler seit Langem und fühlt sich erstmals "heimisch" und zur Rache bereit. Er macht sich auf in die Handke-Welt, in der es ums Kleinste und um Alles geht. Er heftet sich nicht an Fakten, er hält es mit der "Einbildung", die später abgelöst wird vom "Schein", der nichts Täuschendes sein soll, sondern das Eigentliche:

Der Schein, er ist für sich, und von sich aus Materie; ist Stoff, Urstoff, Stoff der Stoffe. Und die Materie des Scheins ist unerforschlich, zu erforschen von keiner der Wissenschaften.

Hier spricht nicht Handke, dies ist Literatur

Der Schein als das Leben selbst: Das macht diese "Gewaltphantasie" bedrohlich. Klar, hier spricht nicht Handke, dies ist Literatur. Doch da sind all die kunstvoll verstreuten biographischen Verweise, das Alter des Erzählers, die getönte Brille, der Tod zweier Brüder der Mutter im Krieg…

Und um diese "heilige" Mutter geht es: Sie wurde einst beleidigt, von einer Journalistin wohl, sie habe es mit den Nazis gehalten. Dazu eine üble Fotomontage, all der Handke verhasste Medienkram. Dieser Schreiberin soll die Rache gelten. Man fürchtet schon den Absturz ins Abgeschmackte: Rache per Stellvertretung an der ganzen Medien-Meute, die Serbien verunglimpft hat und den Serben-Freund Handke? Doch so schlicht denkt und arbeitet Handke nicht. Der schweifende Rächer gelangt zur Klosterruine von Port-Royal-des-Champs. Dort schläft er ein, träumt. Der Traum wiederholt ihm präzise die Szene, wie er vor vielen Jahren seine Mutter unbarmherzig befragte, warum sie nicht Widerstand leistete gegen "das Verbrecherreich". Sie schluchzte damals vor ihrem jungen "Möchtegern-Richter". Im Traum wird ihr Gesicht nun zu dem einer furchtbaren Fremden:

Das Erscheinen dieses Gesichts, jählings vorgestoßen aus dem schwärzesten Schwarz, tränenlos und auf ewig ausgeweint, das war schon der Racheakt.

Einsichten eines Rache-Engels

Der Erzähler selbst - befremdlich genug - fühlt sich also rachewürdig. Es gefällt ihm zwar, wie der Richter, dem er beim Kloster begegnet, auf die Anmaßungen der Justiz schimpft: Er will ja, wie sein Schöpfer Handke, selbst eine andere Gerechtigkeit. Doch dann wird ihm mulmig, er fühlt sich als Ignorant:

Warum hatte ich mich nicht interessiert für die aktuellen Katastrophen, Massenmorde, Attentate? Wie, wenn die Welt gar nicht mehr steht?

Am Ende, nachdem er kreuz und quer gegangen und dann gefahren ist mit Straßenbahn und Bus, den ganzen Tag lang, landet er weitab vom ursprünglichen Rache-Ziel in einem Lokal:

Und mir kam der Gedanke, ja, die Erkenntnis, dass ich es all die Zeit mit keinem einzigen bösen oder schlechten Menschen zu tun gehabt hatte, und das nicht bloß an diesem einen Tag.

"Das zweite Schwert" schneidet ohne Gewalt

So fällt die Entscheidung gegen den ersten Racheplan:

"Sie, die Übeltäterin, sie und ihresgleichen gehörten nicht in die Geschichte, weder in diese noch in sonst eine! […] Und das war meine Rache."

Dies ist das "zweite Schwert": Es schneidet ohne Gewalt und lässt das Feindbild intakt. Eine Lesart bietet sich an: Kein Platz in der Literatur für boshafte Nicht-Versteher-weil-nicht-verstehen-Könner. Handkes "Maigeschichte", ein literarisch virtuoser, staunenswert irritierender Selbsterkundungs-Text mit gewaltsam-gewaltfreiem Ende. Geschrieben laut Notiz im April und Mai 2019, hallend im Echoraum des großen Streits vom Herbst. Der Nobelpreisgekrönte, umstellt sich fühlend von Anwälten einer historischen Wahrheit, die nicht die seine ist, schmiedet unterdessen womöglich schon am dritten Schwert.

Das zweite Schwert - Eine Maigeschichte

von Peter Handke
Seitenzahl:
160 Seiten
Genre:
Geschichte
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42940-2
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 14.02.2020 | 06:40 Uhr

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