Stand: 22.06.2020 08:14 Uhr

Ein realer Kriminalfall, der ein Land erschütterte

von Agnes Bührig

Was sagt ein Verbrechen über die Zeit aus, in dem es begangen wird? Dieser Frage widmet sich der schwedische Historiker und Schriftsteller Peter Englund in seinem neuen Buch "Mord in der Sonntagsstraße". Der ehemalige Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, die den Nobelpreis vergibt, taucht ein in die idyllischen sechziger Jahre, in denen das Land von einem Mord aufgeschreckt wurde.

Cover des Buchs "Mord in der Sonntagsstraße" © Rowohlt Verlag
"Mord in der Sonntagsstraße" - ein weiteres Buch des schwedischen Historikers Peter Englund.

Schweden Mitte der 1960er Jahre. Die Wirtschaft läuft auf vollen Touren, die politischen Gegensätze sind gering, der Wohlfahrtsstaat wächst. Das zeigt sich nicht zuletzt in der Architektur der schwedischen Hauptstadt im Vorort Hökarängen, wo 1965 in der Sonntagsstraße ein Mord geschieht.

..die Häuser waren ein Abbild davon, wie man sich dieses Volksheim vorstellte. Es war kleinteilig, baute formal auf der Erschaffung einer starken Gemeinschaft auf, jedoch ohne Konformismus und mit ausreichend Platz für das Individuelle. Struktur und Symbol in einem. Die Häuserzeilen waren sorgfältig in das bewaldete und hügelige Terrain eingefügt, wobei man oftmals sogar Rücksicht auf einzelne Bäume genommen hatte. Tüchtige kommunale Landschaftsarchitekten hatten das Ganze vollendet, indem sie die Bebauung mit einer abwechslungsreichen, nach Süden hin abfallenden Parklandschaft umgaben. Leseprobe

Kein Suizid, sondern Mord

In der Sonntagsstraße, Hausnummer 88, wird im Juli 1965 die 18-Jährige Eva Marianne Granell, Spitzname Kickan, tot aufgefunden. Zunächst tippen die Ermittler auf Selbstmord, doch nach und nach deuten Spuren am Tatort auf einen Mord hin. Es geht um Chloroform und Kartoffelkörner. Sie führen zu einem mutmaßlichen Täter, der aus Österreich stammt und bizarr anmutende Aufzeichnungen unter anderem in einem Banksafe aufbewahrt.

Zu kaufende Objekte: Elektroapparate, nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fallende Drogen, Filmkombination, Tonbandgerät, (..) Weitere zu kaufende Objekte: Pfefferdose, Dolch, Leibbinde, Pistole, Handschellen, (..) Außerdem herstellen: Sträflingsmütze, einfache Handschellen, Kieferspreizer spezial, Augenbinde, Ohrenstöpsel. Kaffee-Extrakt kochen und in einen Behälter geben. Tonbandaufnahmen System und privat. Die Wirkung von Salzsäure prüfen Schlafwagenfahrscheine, Hypnosebuch, Injektionsnadel, (..) Leseprobe

Ein wahrer Mordfall wird zum Krimi

Zuletzt machte Peter Englund in "Schönheit und Schrecken" die Geschichte des Ersten Weltkriegs anhand persönlicher Schicksale lebendig. Diesmal wird ein wahrer Mordfall zum Krimi. In geradliniger, fast sachlicher Sprache berichtet der Ich-Erzähler die Geschichte einer Ermittlung - von der Tat bis zur Verurteilung des Schuldigen- und lässt sie spannungsreich auf die Auflösung des Falles zulaufen. Er zitiert aus Protokollen von Polizei und Justiz und verwebt dies geschickt mit Beobachtungen der Medien damals und Erinnerungsfetzen von Zeitzeugen. Peter Englund zeigt das Schweden der sechziger Jahre, in dem pornographische Literatur an Bedeutung gewinnt und auch Jugendkrawalle und Drogenmissbrauch eine Rolle spielen.

Selten war es so leicht, an Narkotika zu kommen, wie in Stockholm 1965. Verschiedene Amphetamine und Metamphetamin wurden ganz legal von der Arzneimittelindustrie in Tablettenform hergestellt. Die beliebtesten Marken waren Preludin und Ritalin, Präparate, die man sich vom Arzt verordnen lassen konnte, wenn man zum Beispiel abnehmen wollte oder sich einfach nur müde oder deprimiert fühlte, und die man sich dann bei der Apotheke an der nächsten Ecke abholte. Leseprobe

Jeder Satz basiert auf Fakten

Dass sich die Zahl der wegen Drogendelikten festgenommenen Personen ab 1965 innerhalb von drei Jahren verdreifachte, kann man in einer der über einhundert Fußnoten nachlesen. Auch Werke über die damalige Freizügigkeitsdebatte und Abnormitäten von Sexualstraftätern nennt Peter Englund im Nachwort. Es sind Indizien für die akribische Arbeit des Historikers, die die Zeit nach dem spektakulärsten Kriminalfall Schwedens vor dem Mord an Olof Palme plastisch wiederaufleben lässt. Spannend für jeden, der sich für mehr interessiert als für literarische Morde in schwedischer Sommernacht.    

Mord in der Sonntagsstraße

von Peter Englund, aus dem Schwedischen von Maike Barth
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Krimi
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-7371-0016-8
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 26.06.2020 | 12:40 Uhr

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