Stand: 26.05.2017 13:00 Uhr  | Archiv

Schmuckstücke der Natur

von Guido Pauling

Wundersam. Bizarr. Magisch. Samen sind erstaunliche kleine Wesen - getrocknet, bewegungslos, und doch voller Leben, das ihnen versteckt innewohnt. Oder besser: voller Lebensmöglichkeiten, die ein Betrachter dieser Fotografien nur ahnen kann.

Bizarre und exotische Formen

Jedes skurrile Gebilde trägt in sich die Chance, sich zu entfalten, aufzuplatzen und einen Keim, eine Wurzel, Blätter zu bilden; je nachdem wo es hinfällt, hingetragen wird, zu wachsen, Wasser zu trinken, sich dem Licht entgegenzurecken - doch jetzt, hier, fotografiert vor tiefschwarzem Hintergrund, ist es nur ein braunes Kügelchen, ein blaugrauer Zapfen, eine grell-pinkfarbene Bohne, ein Flaum silberner Härchen.

Wie eine krallenartig-gebogene Brosche, golden schimmernd, mit borstiger Außen- und hölzern-geriffelter Innenseite, liegt ein Same des Panama-Stinkbaums da: zehn spitze Finger nach innen gekrümmt, als ob sie etwas dort Verborgenes zu verstecken trachten.

Einer exotischen Rassel gleicht die Frucht der australischen Feuerholz-Banksie - auf dünnem, hölzernen Stiel aufgepropft steckt ein vielmundiges Etwas, lauter geöffnete Schnuten, dicklippig, kakophonisch plappernd… erst nach einer Feuersbrunst öffnen sich die Früchte, verrät die Anmerkung am Schluss des Bildbands; die Samen fallen zu Boden und werden mit Glück zu einem bis zu sieben Meter hohen Strauch.

Nahrungsquelle für Tiere und Menschen

Samen sind Nahrungsquelle für Menschen und vielerlei Tiere. Sie dienen als faszinierend-geformter Schmuck (Kette, Brosche, Ohrring), als kühl-umhüllendes Gefäß (bauchig-rund und groß genug), mal als rettende und linderne Arznei (blutstillend, brechreiz-fördernd, wurmbekämpfend) und mal als Zahlungsmittel (mandelförmig, kirschkernförmig, knotenförmig, schotenförmig).

Im riffelig-rauen Samen der chinesischen Maku-Nuss scheinen - wenn man nur genau genug hinschaut - Gesichter verborgen, kleine Kobolde, grimassenschneidend, kichernd… buddhistische Mönche benutzen sie gern für Gebetsketten.

Die Frucht des westafrikanischen Aprokuma-Baumes erinnert an einen Schildkrötenschädel: unförmig-rund, hellbraun, murmel-kugelig, mit zwei großen schwarzen Augenlöchern und einem Mundloch, dazu geheimnisvollen Gravuren auf der Schädeldecke. Und das filigrane "Brillenschötchen" erwidert keck den Blick des Betrachters; wie ein heuschreckenartiges Insekt, hydra-artig mit drei Köpfchen, schauen braune Augenpaare hinter runden, gelben Brillengläsern hervor - nur einen Zentimeter groß, wie die Anmerkung über das zierliche Mittelmeergewächs später verrät.

Robuste Meisterwerke

Samen sind ungeheuer vielfältig. Manche Samen haben eine glatte, andere eine gefurchte oder höckerige Oberfläche. ... Sie können Eiseskälte, Hitze, Feuer, Nässe und Trockenheit überstehen, unbeschadet den Magen-Darm-Trakt von Tieren passieren oder in ihrem Fell lange Strecken mitwandern. ... Denn nach all diesen Strapazen sind Samen anschließend in der Lage, in warmer und feuchter Erde auszukeimen und zu neuen Pflanzen heranzuwachsen. Leseprobe

Dieser Fotoband zeigt sie in ihrer ungeahnten Schönheit und frappierenden Formenvielfalt. Meisterwerke der Natur, robust und widerständig, ohne die unsere Welt leer, öde und kahl wäre.

Samen - Von der Schönheit des Ursprungs

von Paul Starosta, Fotos / Michel Butor, Text
Seitenzahl:
238 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Elisabeth Sandmann / Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-945543-26-9
Preis:
68,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 28.05.2017 | 17:40 Uhr

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