Stand: 19.01.2018 17:00 Uhr  - NDR Kultur  | Archiv

Der abstrakte Paul Klee

Paul Klee - Die abstrakte Dimension
von Anna Szech für die Fondation Beyeler, Riehen/Basel (Hrsg.)
Vorgestellt von Guido Pauling

Der Maler Paul Klee ist beim Museumspublikum sehr beliebt. Seine Bilder hängen in vielen Museen; in Bern gibt es sogar ein ganzes ihm gewidmetes Forschungs- und Ausstellungshaus, das Zentrum Paul Klee. Sein Werk ist also bekannt und doch haben es die Ausstellungsmacher der Fondation Beyeler in Basel geschafft, einen komplett neuen Blick auf Klees Werk zu werfen - mit Blick auf die Abstraktion. Klee ein Abstrakter? So wie Kandinsky, Mondrian, Malewitsch? Die Basler haben es feiner formuliert: Klees Werk habe eine "abstrakte Dimension". So heißt auch der zur Ausstellung erschienene Bildband. Beim Durchblättern ist man verblüfft, die Fülle der Werke zu sehen, mit der sich Klees abstrakte Seite zeigen lässt.

Ein rechteckiges Feld, schwarz umrandet, darin bunte Quadrate und Rechtecke in allerlei Größen und Farben. Die kleinen gelb, weiß und orange gehaltenen viereckigen Flächen im linken Bildteil lassen das Bild frisch, fröhlich wirken, während schwere Braun-, Blau- und Schwarztöne dazu einen dunklen Kontrast in der rechten Bildhälfte bilden. Klee erschafft hier nichts als farbige Fläche, er malt ohne Perspektive, ohne Gegenstände - rein abstrakt. Doch gibt er einen spielerischen Wink: mit dem Titel.

Sprechende Titel geben eine Interpretationshilfe

"Der blühende garten" heißt sein Bild von 1930; nicht etwa "Komposition VII" oder "Roter Fleck". Kaum hat man diesen Titel gelesen, wird das rechteckige Feld voller Quadrate zum Beet, voller Margeriten, Veilchen und Tagetes; hohe dunkle Bäume und ein paar kleinere Büsche beschatten die rechte Hälfte des Gartens - die Fantasie des Betrachters legt los, ist auf einmal wie befreit, obwohl sie doch gelenkt worden ist.

"Während seine Künstlerkollegen teils radikal mit dem Thema Abstraktion umgingen und mit ihren gegenstandslosen Werken das Publikum regelrecht erschreckten, versuchte Paul Klee mit seinen abstrakten Bildern spielerisch Brücken zu bauen", erläutern die Kuratorin der Ausstellung und der Direktor der Fondation Beyeler in ihrem gemeinsamen Vorwort. "Geschickt wie ein Seiltänzer (...) balanciert er zwischen den beiden scheinbar unvereinbaren Welten der Abstraktion und der Gegenständlichkeit."

Mit wenigen Strichen von der Abstraktion zur Gegenständlichkeit

Manchmal braucht es nur wenige Pinselstriche, um von der einen in die andere Welt zu hüpfen: Das fünf Jahre zuvor entstandene Bild "Garten in Ph." besteht auch fast nur aus farbigen Rechtecken, doch drei dieser Formen spleißen auf, bilden eine Art Krone: werden eindeutig zu Busch und Baum - "der blühende garten" von 1930 hingegen wird erst mit dem Bildtitel eindeutig; dabei hat Klee hier nur drei Formen verändert und die gesamte Struktur etwas strenger, gerader gehalten als in dem Bild von 1925.

Vier Aspekte in Klees abstrakten Werken haben die Ausstellungsmacher hervorgehoben: Natur, Architektur, Musik und Schriftzeichen. Kapitelartig ordnen sie die Bilder im Katalog unter diese vier Überschriften; laden die Betrachter aber auch ein, sich einen eigenen Reim auf die Bilder zu machen. Quadratische Farbflächen tauchen bei Klee auch unter Titeln auf wie "Harmonie E zwei" und "Klang der südlichen Flora", sind folglich im Katalog unter "Musik" zu finden - doch wüsste man den Titel nicht, könnte man sie auch für Gartenbilder halten.

Werke mit Nähe zu Musik und Architektur

"Klees Arbeiten haben Rhythmus, Pausen, Reprisen, Tempi", stellt der Dirigent Teodor Currentzis in seinem Kurzaufsatz fest und betont die Wesens-Ähnlichkeit von Malerei und Musik.

Einen Meister der Fläche sieht wiederum der Architekt Peter Zumthor in Paul Klee und spürt bei dem Künstler "eine gewisse Tiefe des naiven Zugangs". Märchenhafte Städte, Häuser, Kuppeln, Pyramiden finden sich reichlich auf Klees Gemälden, Grafiken und Aquarellen, die trotz Abstraktion ohne Weiteres erkennbar sind: "Ohne Titel" von 1917 zum Beispiel verrät dem Betrachter nichts, und doch steht ein Stadtviertel aus grünen Dreiecken, blauen und weißen Quadraten sowie einer orange-gezackten Linie klar vor Augen.

"Seine Kunstwerke sind stets vollendet, wenn auch auf rätselhafte Weise", schreibt die amerikanische Konzeptkünstlerin Jenny Holzer voller Bewunderung über ihren Künstler-Kollegen Klee und eröffnet damit das Kapitel über "Zeichen" mit Klees Spätwerk. Seine Buchstaben und Hieroglyphen, mit Kleisterfarbe auf Papier oder Jute aufgetragen, nehmen Werke der Nachkriegskunst vorweg. Spätestens hier, gegen Ende der 30er-Jahre, ist der mit spielerischer Leichtigkeit mal gegenständlich, dann wieder abstrakt malende Künstler seiner Zeit weit voraus.

Paul Klee - Die abstrakte Dimension

von
Seitenzahl:
236 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Texte von Teodor Currentzis, Fabienne Eggelhöfer, Regine Prange, Anna Szech und Peter Zumthor, Gestaltung von Uwe Koch
Verlag:
Hatje Cantz Verlag
Bestellnummer:
978-3-7757-4330-3
Preis:
58,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 21.01.2018 | 17:40 Uhr

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