Patricia Highsmith im Porträt © imago images / Leemage

Patricia Highsmith: Meisterin der kristallklaren Sprache

Stand: 19.01.2021 15:19 Uhr

Was im Menschen vorgeht, das lesen wir kaum je so konzentriert und erbarmungslos beschrieben wie in den Romanen von Patricia Highsmith. Heute wäre die Schriftstellerin 100 Jahre alt geworden.

von Alexander Solloch

Einmal gelang es Journalisten des Schweizer Fernsehens, die so menschenscheue Schriftstellerin zum Interview in einem Gasthaus zu bewegen. Da lebte Patricia Highsmith, die in New York aufgewachsene Texanerin mit deutschen Vorfahren, längst in Europa, in Frankreich auf dem Lande. Gerade erklärte sie den Reportern, warum sie das Leben in Abgeschiedenheit so möge, als ihr der Kellner einen Teller mit Weinbergschnecken reichte.

Auf ihrem so charakteristischen Gesicht, an dessen Gestaltung wohl abwechselnd und wild durcheinander Lebenslust und Verachtung gearbeitet hatten, zuckte plötzlich eine Zornesfalte. "Ich esse Schnecken nicht. Ich habe Schnecken sehr gern als Haustiere vielleicht. Schnecken interessieren mich, weil sie dauern. Sie haben sich nie verändert seit Millionen von Jahren. Sie können Trockenheit und Hunger ertragen, sie dauern immer - auch wenn keine Menschen da sind."

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Kein Interesse am Kriminalfall

Diese Menschen hingegen sind die Wesen, die nicht klarkommen. Scheinbar souverän wandeln sie auf ihrer klar definierten Lebensbahn, aber irgendwo lauert der Wahn und packt sie am Kragen. "Sie ist die Dichterin der unbestimmbaren Beklemmung", sagte Graham Greene, wie überhaupt Patricia Highsmith vor allem vom europäischen Publikum geliebt und von ihren amerikanischen Landsleuten als "Krimiautorin" missverstanden wurde.

Dabei interessierte sie nichts weniger als der Kriminalfall an sich. Mordermittler sind in ihren Geschichten auffällig tumbe Typen, die man schnell wieder vergisst. Im Mittelpunkt stehen stattdessen David und Robert und Walter, Menschen (meist Männer), in deren bis dahin mittelmäßig temperiertes Leben sich lawinenartig eine plötzliche Überforderung wälzt: erst kaum merklich, dann ein ganzes Leben in den Abgrund reißend.

Einzigartige Sprache macht Highsmith zu einer der größten Stilistinnen

Schon in ihrem erster Roman, "Zwei Fremde im Zug", 1950 erschienen, zeigt sich das Wesen ihrer literarischen Kunst. "Stil interessiert mich nicht im mindesten", sagte Highsmith. Man versteht angesichts der Schmucklosigkeit ihrer Prosa, was sie meinte, und doch muss man sagen, dass gerade diese leise, kristallklare, tonlose Sprache sie zu einer der größten Stilistinnen des 20. Jahrhunderts machte.

Der Psychopath, ein Jedermann, wandelt auf samtenen Pfoten durchs Leben und beendet es mit beiläufiger Brutalität. Gab es je einen besseren letzten Satz als in "Der süße Wahn", dem Roman um einen Liebeskranken, der sich schließlich in den Tod stürzt? "Ohne sich weiter zu besinnen, trat er hinaus in den kühlen Raum und nahm den kürzesten Weg zu ihr, im Herzen nur die Erinnerung an ihr sanft geschwungenes Schulterblatt, nackt, wie er es nie gesehen hatte."

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Tod in selbst gewählter Einsamkeit

Highsmith selbst stieß im Liebeswahn bösartige - oft auch antisemitische - Verwünschungen gegen ihre gewesenen Liebhaberinnen aus, wie sie überhaupt von den meisten, die sie kannten, als nicht übermäßig charmant beschrieben wird. 1995 starb sie im Alter von 74 Jahren, in selbst gewählter Einsamkeit wie der Schneckenforscher in ihrer Erzählung:

"Schnecken krochen über seine Augen. Keuchend riss er den Mund auf und spürte, dass eine Schnecke über die Lippen auf seine Zunge kroch. Auf der Erde paarten sich lautlos zwei Schnecken. Und gleich neben ihnen krochen, so durchsichtig wie Tautropfen, winzige Schnecken aus einer Grube - eine Armee von Soldaten, die hinaustraten in ihre große, weite Welt." Patricia Highsmith

 

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NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 19.01.2021 | 07:20 Uhr

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