Paolo Maurensig: "Der Teufel in der Schublade" © Nagel und Kimche/Hanser Verlag

Paolo Maurensig: "Der Teufel in der Schublade"

Stand: 28.12.2020 10:21 Uhr

Paolo Maurensig ist 1943 in Norditalien geboren. Mit seinen Romanen erobert er die literarischen Bühnen. Sein neues Buch ist ein kniffliges Meisterwerk.

von Annemarie Stoltenberg

1994 erschien in der deutschen Übersetzung sein erster Roman "Die Lüneburg-Variante" - ein Buch, in dem es um Schach ging. Sein neues Buch "Der Teufel in der Schublade" ist ein Roman, der auf satirische Weise davon erzählt, wie viele Menschen davon träumen, ein richtiges Buch zu schreiben, eines, das in einem großen angesehenen Verlag erscheinen soll, um alsbald die Bestsellerlisten zu erklimmen.

Manchmal hat man als Buchmensch das Gefühl, es schreiben mehr Menschen Bücher, als es Menschen gibt, die Bücher lesen. Das erzeugt Misstrauen und Abwehr bei denen, deren Beruf es doch sein sollte, gute Manuskripte aufzuspüren.

Eine raffiniert verschachtelte Geschichte

Erzählt wird die Geschichte raffiniert und mehrfach verschachtelt. In groben Zügen geht es so: In dem kleinen Ort Dichtersruh hat vor 200 Jahren der Dichter Johann Wolfgang von Goethe eine Nacht verbracht. Seitdem sind die Bewohner eifrige Dichter geworden.

Just hier lässt sich ein Verleger namens Dr. Bernhard Fuchs aus Luzern nieder und ermuntert die Hobbyschriftsteller. Ein Goethe-Preis wird ausgelobt und der Hauptgewinn wäre eine Veröffentlichung in seinem Verlag. Ist es ein Plan des Teufels? Man stelle sich einen Teufel vor, der ein bisschen in die Jahre gekommen ist, zu alt, um sich an die neue Zeit anzupassen: Er hat an Glanz und Respekt eingebüßt, sein Wirkungskreis ist klein geworden, keine spirituelle, keine finanzielle Macht mehr, die haben inzwischen andere.

Sein idealer Ort ist daher die literarische Gesellschaft: Nicht nur, weil die Literatur der letzte Bereich der Kultur ist, der dem Teufel noch eine gewisse Glaubwürdigkeit zubilligt, sondern auch, weil sie der Ort ist, an dem von Missgunst und Neid befeuerte Eitelkeiten jeder Art blühen und gedeihen und auch der banalste Gedanke, wenn er nur auf Papier gedruckt ist, als unumstößliche Wahrheit anerkannt wird. Leseprobe

Jeder will den Buch-Preis gewinnen

Die Bürger von Dichtersruh geraten nun in ein wahres Schreibfieber. Doch wer wird den ausgelobten Preis abräumen? "Die Kunst ist lang, das Leben kurz, das Urteil schwierig", so soll es Meister Goethe einmal formuliert haben.

Dichtersruh war zu einem Ort enttäuschter, vom Warten zermürbter Seelen geworden, und in diesem fischreichen Gewässer lohnte es sich, sein Netz auszuwerfen. Dass die Ankunft des Teufels mit einem unerwarteten Ausbruch der Tollwut zusammenfiel, schien mir alles andere als ein Zufall zu sein. Leseprobe

Neid und Eifersucht vergiften die Atmosphäre im Ort

Die Geschichte entwickelt sich vertrackt. Eifersucht vergiftet die Atmosphäre. Paolo Maurensig beschreibt das glitzernd, scharfsinnig und mit Augenzwinkern. Möglich, dass es in der Rückschau auf diese Zeit heißen könnte:

Manche sind gestorben, andere weggezogen, aus den Kindern sind Erwachsene geworden, die sich an diese Episode kollektiven Wahnsinns, der das ganze Dorf erfasst hatte, womöglich nicht einmal mehr erinnern. Ansonsten ist Dichtersruh so, wie es immer gewesen war: ein bezaubernder Ort im Sommer, eine Postkartenidylle. Leseprobe

Allein Paolo Maurensig, so scheint es, bewahrt die Erinnerung an diese seltsame Zeit; als Manuskript, zusammengefaltet und verstaut - wie in einer Flaschenpost abgeschickt in diesem köstlich zu lesenden, kleinen Roman.

Der Teufel in der Schublade

von Paolo Maurensig, aus dem Italienischen von Rita Seuß
Seitenzahl:
176 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Nagel & Kimche
Bestellnummer:
978-3-312-01181-0
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

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