Stand: 08.04.2020 16:00 Uhr  - NDR Kultur

Wie die Corona-Pandemie unser Leben verändert

In Zeiten der Ansteckung
von Paolo Giordano, aus dem Italienischen von Barbara Kleiner
Vorgestellt von Ulrich Kühn

Täglich erscheinen Artikel und Aufsätze über das Leben in der Corona-Krise und über die Zeit danach. Oft weiß man nach wenigen Zeilen: Es handelt sich um eine Momentaufnahme, nicht um ausgereifte Gedanken. Überdruss stellt sich ein. Gibt es nur noch dieses Thema? Lässt sich dazu überhaupt Sinnvolles sagen, bevor alles überstanden ist?

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Der Autor will keine Lösung finden, aber uns beim Nachdenken helfen.

Der italienische Schriftsteller Paolo Giordano hat Ende Februar begonnen, seine Gedanken niederzuschreiben - nicht in einem Zeitungsartikel, sondern in einem längeren Text, der mit der Krise gewachsen ist. Giordano, geboren 1982 in Turin, ist promovierter Physiker. Als er Mitte zwanzig war, machte ihn sein Bestseller "Die Entdeckung der Primzahlen" zum berühmten Schriftsteller. "In Zeiten der Ansteckung" heißt sein Corona-Büchlein, das zunächst nur als E-Book zu haben ist.

Wer nicht nur über einen lebhaften Möglichkeitssinn verfügt, sondern auch über mathematisches Denkvermögen, ist im Vorteil, wenn es um die Dimension der Katastrophe geht. Doppelt gut ist es, wenn einer mit solchen Talenten auch noch blendend schreibt. Autoren, meint Paolo Giordano, sind nicht dazu da, "Dinge zu lösen". Doch sie helfen uns nachzudenken: "Und in Zeiten der Ansteckung ist es Teil der Lösung, klar zu denken."

Giordano ist kein Hellseher, aber jemand, der logisch denkt

In tagebuchähnlichen, bald persönlichen, bald sehr grundsätzlichen Notaten nimmt er uns noch einmal mit auf den Weg durch die fortdauernde Krise, die unser Zeitempfinden umstülpt:

Ich schreibe an einem der seltenen 29. Februare, an einem Samstag in diesem Schaltjahr. Die Zahl der Ansteckungen hat weltweit 85.000 überschritten, die Zahl der Toten nähert sich 3.000. Leseprobe

Wie viele Jahre sind seitdem vergangen? Oder doch nur Wochen? Giordano wusste früher als die meisten, dass die Entwicklung exponentiell aufschießen würde. Beklommen liest man, wie er in Gesellschaft sein Wissen verbarg, um nicht der Unkenrufer zu sein, der doch nur beherrschte, was den anderen abging: Kurven berechnen, nüchtern die "Basisreproduktionszahl" kalkulieren, die aussagt, wie viele ein Infizierter ansteckt. Was eine Handvoll Virologen per Crashkurs lehrt, steht hier geschrieben - nur schöner, klarer, fasslicher.

Krankheit als Möglichkeit der Selbsterkenntnis

Als viele im Ansatz nicht ahnen, was uns blühen könnte, fasst Giordano den Vorsatz: "Ich möchte mir nicht entgehen lassen, was uns diese Epidemie über uns selbst enthüllt. Ist die Angst überwunden, verfliegt jede flüchtige Einsicht im Nu - wie das bei Krankheiten immer ist."

Das kostet Kraft. Denn die globale Verbreitung des Virus hat mit einer spezifischen Ermattung unserer Aufmerksamkeit zu tun. Dahinein treibt uns ein Leben, das jederzeit alles mit allem verbindet:

Persönliches und Globales sind so undurchdringlich ineinander verflochten, dass wir schon erschöpft sind, bevor wir anfangen konnten nachzudenken. Leseprobe

Die Pandemie bietet die Chance auf Veränderung

Die Ansteckung, meint Giordano, sei selbst nur Symptom der eigentlichen Infektion: Die völlige Ausbeutung des zerbrechlichen Ökosystems durch die "invasivste Spezies", den Menschen, beschert uns Pandemien, die künftig noch tödlicher ausfallen können. Was, wenn wir das nicht jetzt begreifen?

Ich habe keine Angst zu erkranken. Wovor dann? Davor, zu entdecken, dass das Gerüst der Zivilisation, wie ich sie kenne, ein Kartenhaus ist. Ich habe Angst vor der Vernichtung, aber auch vor ihrem Gegenteil: dass die Angst vorübergeht, ohne eine Veränderung zu hinterlassen. Leseprobe

Das zeugt, Anfang März notiert, von Weitblick. Italien war weiter, aber nicht so weit, dass man auch anderswo verstand. Vieles kam uns hysterisch vor - und manche meinen bis heute, Covid-19 sei auch die Grippe. Dass sich nicht alle Experten einig sind, kommt ihnen dabei gelegen.

Sehnsucht nach Normalität

Paolo Giordano identifiziert dafür einen beschämenden Grund - Unmündigkeit: "Wir sehen die Experten streiten, wie Kinder die Eltern streiten sehen, von unten her. Dann fangen wir an, untereinander zu streiten."

Er weiß auch schon, wie uns heute zumute ist: "Auf einmal scheint die Normalität unser höchstes Gut, nie hatten wir ihr diese Bedeutung beigemessen, und wenn wir es genau bedenken, wissen wir nicht einmal genau, was sie ist: Sie ist das, was wir wiederhaben wollen."

Eine Phrase besagt, diese Krise sei die Chance, ruhig nachzudenken. Hier ist das eingelöst, sogar weitgehend frei von Besinnungskitsch. Längst nicht alles hat Bestand, was Giordano am Wegrand notiert. Doch solange wir in der Krise stecken, verschafft uns sein Büchlein etwas Luft und die klärende Kraft eines jetzt schon geweiteten Blicks:

Die Tage zählen. Ein weises Herz gewinnen. Nicht zulassen, dass all dieses Leiden umsonst geschieht. Leseprobe

In Zeiten der Ansteckung

von
Seitenzahl:
80 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-499-00564-0
Preis:
8,00 €

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