Paolo Casadio: "Der Junge, der an das Glück glaubte" © Hoffmann und Campe

Paolo Casadio: "Der Junge, der an das Glück glaubte"

Stand: 07.01.2021 15:35 Uhr

Paolo Casadio erzählt vom einfachen, richtigen Leben in Zeiten, in denen das Falsche Gesetz geworden ist - und von einer unmöglichen kindlichen Liebe.

von Peter Helling

Ohne rechte Überzeugung, einfach, um beruflich voranzukommen, tritt der Eisenbahner Giovannino Tini der faschistischen Partei bei. Er wird auch prompt zum Vorsteher eines kleinen Bahnhofs im Appenin befördert. Fornello heißt das Örtchen, das sich aus ein paar im Gebirge verstreuten Höfen zusammensetzt. Die Dienstwohnung gleich neben dem Bahnsteig verfügt sogar über elektrisches Licht. Doch Giovanninos schwangere Frau muss sich in der neuen Umgebung erst einmal zurechtfinden.

Lucia zögerte. Räume haben besondere Maße, heimliche Tiefen, die man erst mit der Zeit oder eben nur in besonderen Momenten erfassen kann. Sie atmete langsam ein, sog die Luft auf, als wäre sie parfümiert und nicht der abgestandene Mief geschlossener Räume. Leseprobe

Neuanfang in ungewohnter Umgebung

Einfühlsam beschreibt Paolo Casadio Gedanken und Empfindungen mit Sinn für die tiefere Bedeutung von kleinen Gesten.

Sie spürte die Nähe ihres Mannes und legte wieder unwillkürlich die Hand auf ihren runden Bauch, ein beschützender Reflex in der Ungewissheit. Leseprobe

Doch bald schon gewöhnt sich das Paar aus der Stadt an die ländliche Abgeschiedenheit von Fornello. Lucia lernt, dass Milch, Brot und Käse hier nicht in einem Geschäft erhältlich sind, sondern direkt beim Bauern geholt werden müssen, und dass der Weg dorthin über einen schmalen Steinpfad mit weichen Stadtschuhen nicht zu machen ist. Giovannino verwandelt den Provinzbahnhof in einen gesellschaftlichen Mittelpunkt, indem er für Besucher immer ein Gläschen Wein bereithält. Romeo, der gemeinsame Sohn der beiden, wächst hier behütet auf. Ein freundlicher Junge, der gerne liest.

Er blieb immer ein Kind weniger Worte und vieler Blicke, und darum war Fornello der richtige Platz für ihn. Seine Art, mit der Welt in Beziehung zu treten, war das Beobachten. Er beobachtete und dachte nach. Was konnte man in diesem Tal denn schon anderes tun, wenn nicht den Wechsel der alles beherrschenden Jahreszeiten beobachten, die einfachen Rhythmen der landwirtschaftlichen Arbeiten, das träge Vorüberziehen der Wolken? Leseprobe

Paolo Casadio erzählt das so langsam, wie die Zeit in Fornello vermutlich vergeht. Sein Stil erinnert an einen Film des Neorealismo. Mit großer Genauigkeit und Klarheit zeigt er einfache Menschen mit ihren alltäglichen Sorgen und Nöten.

Der Krieg ist auch in dem kleinen Bergdorf zu spüren

Allmählich hält der Faschismus Einzug und die Auswirkungen des Krieges bekommt auch das vergessene Tal zu spüren, in dem Familie Tini lebt. Der neue Dorfschullehrer hängt ein Bild des Duce auf. Junge Männer werden einberufen. Bomber überfliegen das Dorf. Eines Tages im Dezember 1943 macht ein Zug Halt in Fornello, begleitet von schwer bewaffneten Soldaten. Aus den Güterwagen dringen Stimmen.

Die Tür wird aufgeschoben. Eine Dunstwolke, ein strenger Geruch nach Menschen. Männer, Frauen, Alte. Alle stehend, auf engem Raum zusammengedrängt. Und dann Kinder.
Mädchen.
Die blaugrünen Augen von Romeo Tini begegnen den Blicken von Flavia Sermoneta. Leseprobe

Schwierige Gratwanderung zwischen Poesie und Melodram

Die zarte Liebesgeschichte, die sich nun zwischen Romeo und dem jüdischen Mädchen entspinnt, ist herzzerreißend. Die ganze etwa das letzte Drittel des Buches einnehmende Episode berührt: Wie die Deportierten noch einmal Kraft und Hoffnung tanken können, weil sie von dem mitleidigen Ehepaar Tini Wasser, Brot und Käse bekommen - und wie der Zug seinen Weg in die Vernichtung am nächsten Morgen dann doch unerbittlich fortsetzt.

Casadio balanciert hier auf dem schmalen Grat zwischen Poesie und Melodrama - allerdings nicht immer ganz trittsicher. Die Geschichte bekommt etwas Rührseliges. Zu viel Schicksal und wie erwachsen der achtjährige Romeo die junge Flavia umwirbt, wirkt dann doch etwas unglaubwürdig.

Der Junge, der an das Glück glaubte

von Paolo Casadio, aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hoffmann und Campe
Bestellnummer:
978-3-455-00886-9
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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