Stand: 30.04.2018 08:02 Uhr

PEN-Mitglieder diskutieren in Göttingen über Politik

von Wieland Gabcke

Es ging ähnlich zu wie auf einem Parteitag, mit Anträgen und Diskussionen. Das PEN-Zentrum hat bei seiner Versammlung in Göttingen über viele politische Fragen diskutiert und abgestimmt. Die Vereinigung versteht sich als eine Art Demokratie der Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Am Sonntag ist in Göttingen die Jahrestagung des PEN-Zentrums Deutschland zu Ende gegangen.

Die Sitzungsleiterin Nina George liest den Antrag zu deutschen Waffenexporten vor: "Die in Göttingen zu ihrer Jahrestagung versammelten Mitglieder des Deutschen PEN-Zentrums fordern die Bundesregierung auf, in der anstehenden juristischen Aufarbeitung illegaler deutscher Waffenexporte transparent und in vollem Umfang mit der Justiz zusammenzuarbeiten."

Wie positionieren sich die Schriftsteller zu Waffenexporten?

Auf einige Nachfragen hin erläutert der Antragsteller Gert Heidenreich, worum es geht: "Der Hintergrund ist, dass Heckler&Koch mithilfe der Ausfuhrabteilung des Wirtschaftsministeriums Papiere für die Ausfuhr von Maschinengewehren und halbautomatischen Kriegswaffen gefälscht hat, es geht um den Fall Mexiko." So lautet der Vorwurf, den Heidenreich bereits in seinem preisgekrönten Spielfilm "Meister des Todes" anklingen ließ. Anlass für den Antrag ist eine anstehende Gerichtsverhandlung gegen ehemalige Heckler&Koch-Mitarbeiter.

Dann folgt die Diskussion: Soll sich der PEN dazu positionieren? Der Naturwissenschaftler Kurt Roessler meint: Nein. "Dieses Thema gehört in die Politik, aber eigentlich nicht in die eines Schriftstellervereins." Der Lyriker und Geschichtenschreiber Leander Sukov erwartet hingegen, dass der Verband Stellung bezieht: "Zu meiner Moralität gehört, dass ich nicht will, dass mit Waffen gleich welcher Art, aber insbesondere nicht mit deutschen, Menschen in anderen Ländern oder hier getötet werden."

Sind die Sanktionen gegen Russland angemessen?

Gert Heidenreichs Antrag wird, nach ein paar geänderten Formulierungen, mehrheitlich angenommen. Es folgt ein Antrag zu Russland: Die Bundesregierung soll die Sanktionen aufheben, weil sie der deutschen Wirtschaft schadeten und den Frieden in Europa gefährdeten. Der Germanist Lutz Götze und Autor Joachim Kramer äußern sich kritisch dazu: "Der Anlass für die Verhängung von Sanktionen ist die Krim-Affäre, eine völkerrechtswidrige Eroberung", so Götze. "Meines Erachtens hat die russische Regierung den Frieden gefährdet, indem sie in der Krim einmarschiert ist einen verdeckten Bürgerkrieg in der Ostukraine führt", ergänzt Kramer.

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Austausch von Argumenten

Antragsteller Wolfgang Bittner widerspricht: "Also mit dem Einmarsch in die Krim, das stimmt schon mal nicht, ich bin Jurist und habe das geprüft. Ich habe ein Buch dazu geschrieben und habe das seit drei Jahren recherchiert, was sich da abspielt. Das ist eine ungeheure Lumperei, auch gegenüber Russland. Der Westen will an die Ressourcen Russlands ran und wir haben seit drei Jahren akute Kriegsgefahr, das ist kaum jemandem bewusst, weil die Medien das nicht verbreiten."

Eine Mehrheit zeichnet sich nicht ab. Das Präsidium bietet Wolfgang Bittner daher an, seinen Antrag zu überarbeiten, doch Bittner zieht ihn zurück. Das Thema Russland polarisiert, sagt PEN-Präsidentin Regula Venske: "Da sind verschiedene politische Lager, die auch nicht vereinbar sind. Wenn wir in früheren Zeiten ein Statement zu Russland veröffentlicht hatten - Pussy Riot war mal so ein Fall - da kommen mit Sicherheit die einen, die sagen: 'Ihr habt Putin nicht scharf genug kritisiert.' Und die anderen sagen: 'Wie kann man überhaupt Russland kritisieren?'"

Weiteres Thema: Umgang mit der Neuen Rechten

Nicht einig sind sich die PEN-Mitglieder auch in der Frage: Wie umgehen mit der Neuen Rechten? Die stehe in der Tradition der antidemokratischen Rechten der 20er-Jahre, wie der Schriftsteller Leonhard Seidl betont: "Wenn man Volker Weiß liest - 'Die autoritäre Revolte' - ist es ganz klar dargestellt, dass die Neue Rechte ihre Wurzeln in der Weimarer Republik hat. Auch das ist der Grund, warum diese sogenannten Identitären T-Shirts mit Ernst Jünger, Oswald Spengler Sprüchen und so weiter tragen, also es ist tatsächlich eine alte, neue Entwicklung, die sich explizit vom Nationalsozialismus abgrenzt und darum auch so attraktiv erscheint und das ist meines Erachtens eine große Gefahr."

Petition gegen die AfD verabschiedet

Ein völkisches Weltbild, das mit der weltoffenen Charta des PEN nicht vereinbar ist. Mehr als eine Stunde wird diskutiert. Am Ende soll sich eine Arbeitsgruppe mit dem Thema Neue Rechte beschäftigen. Zum Schluss stimmen die PEN-Mitglieder einer Petition gegen die AfD zu: Der Schriftstellerverband fordert die Bundestagsfraktionen von CDU und SPD auf, einen AfD-Vorsitz im Unterausschuss für auswärtige Kultur- und Bildungspolitik zu verhindern.

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Wenn Schriftsteller verfolgt werden, hilft der Verband PEN, Kämpfer für die Freiheit des Wortes. Derzeit stehen in vielen Ländern zahlreiche Journalisten und Autoren unter Druck. Video (05:15 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 30.04.2018 | 09:20 Uhr

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