Stand: 12.03.2020 14:32 Uhr

Olivier Guez über einen sympathischen Lebenskünstler

von Alexander Solloch

Seit einigen Jahren hat man das Gefühl, dass die jüngere französische Literatur die Bücherwelt ordentlich aufmischt. Jenseits von Michel Houellebecq ist eine Generation von Autorinnen und Autoren herangewachsen, die etwas zu erzählen hat, Geschichten, die uns alle angehen.

Portrait des Autors Olivier Guez, nach hinten gelehnt auf einer Stufe sitzend. © Imago Italy Photo Press
Der Straßburger Autor Olivier Guez Bauer" erzählt von einem jungen Franzosen in Berlin.

Viele Namen könnte man da beispielhaft nennen - auf den von Olivier Guez sollte man bei der Aufzählung keinesfalls verzichten. Der 45-Jährige Elsässer ist einer der bekanntesten Journalisten unseres Nachbarlandes, aber er hat sich eben auch als Romancier profiliert: Vor anderthalb Jahren erschien sein dokumentarischer Roman "Das Verschwinden des Josef Mengele" in deutscher Übersetzung - und jetzt: "Koskas und die Wirren der Liebe".

Die Familie: ein Quell ewiger Drangsal; der Beruf: mühsam, viel zu mühsam für einen Arbeitsvermeider; die Liebe: weitgehend unbekannt, hingegen die Libido, ach, die Libido, sie gibt keine Ruh'; und dann die Gesundheit: schlimm, ganz schlimm!

Protagonist Koskas ist Tunichtgut und Glückskind zugleich

Wüsste Jacques Koskas, dass er eine Romanfigur ist, er würde sich wohl am allerwenigsten darüber wundern, dass auch der gutgläubigste Leser ihn irgendwann aufgibt. Koskas ist ein Tölpel, ein Tunichtgut, ein Unglücksvogel - zugleich aber ein Schelm, ein Charismatiker, ein Glückskind, das immer auf die Füße fällt.

Ein süffiges, rauschhaftes Dasein, Adrenalin und Intensität: das schöne Leben. Statt alle Frauen flachzulegen, die er auf der Straße traf, hinterließ er Barbara kleine Zettel auf dem Kopfkissen. Diese Frau war eine Offenbarung für ihn, sie gab ihm Halt, und außerdem arbeitete er nun wieder. Ja, er arbeitete! Barbara hatte es ihm freundlich nahegelegt, als sie eines Tages zusammen vor einer Buchhandlung standen. Jetzt erzähle er schon so lange von seinem Buch über den Zionismus… an die Arbeit, Koskas! Und so wandte sich Jacques erneut seinen Lieblingsthemen zu. Diesmal jedoch hatte er die entsprechende Distanz, ein wahrer Intellektueller, der sich anschickte, das Bewusstsein seiner Glaubensgenossen wachzurütteln. Leseprobe

Es ist der Winter nach dem Sommermärchen 2006, ein ehemaliger Versager, Anfang 30 und vielleicht ja irgendwann erwachsen, tanzt glückstrunken durch die Straßen von Berlin. Hier geht das noch, denkt er, hier bin ich Bohémien, hier darf ich's sein. Anders als in Paris, wo alles schon so fertig und festgelegt ist.

Koskas führt in Berlin das Leben eines Bohémiens

Überstürzt ist Koskas sich selbst und dem ihm unerträglich gewordenen Frankreich davongelaufen: geflohen vor seiner Arbeit als Journalist bei einer Wirtschaftszeitung (die als "La Trubine" natürlich erinnert an "La Tribune", für die Olivier Guez einst arbeitete); geflohen vor seiner ungebremsten Triebhaftigkeit; und nicht zuletzt auch geflohen vor dem Zugriff seiner jüdischen Familie in Straßburg, die Mutter Urologin, der Vater Gynäkologe.

Jacques Senior war in seinen Sohn vernarrt. Ihm, der die Nöte Tausender von Frauen erriet, während er ihren Unterleib abhorchte, war sein Häschen allerdings mittlerweile ein Rätsel. Wie hatte aus einem so folgsamen und fleißigen Knaben ein derart phlegmatischer und unambitionierter Mann werden können? Welch entsetzlicher Fluch hatte ihn in einen aficionado iberischer Schinken und bretonischer Austern verwandelt, wo doch seine Bar Mizwa so vorbildlich gewesen war und er - mit gerade mal dreizehn! - eine famose, mit Zitaten von Levinas und Moses Maimonides gespickte Rede über die Teffilin gehalten und an die Kohärenz der lebendigen Kräfte des Menschen appelliert hatte? Welche böse Fee hatte sich über die Wiege des kleinen Jacques gebeugt, um den Lauf seines fabelhaften Schicksals zu ändern? Leseprobe

Eine Hamburger Pianistin verkörpert die böse Fee Lust

Die böse Fee heißt Lust, die immerzu nach Erfüllung strebt und in einen ausdauernden Wettstreit tritt mit der Suche nach der einen großen Liebe. Barbara von Schwarzenbeck, eine Pianistin aus erhabenem Hamburger Hause, scheint alles in Koskas' Leben grundstürzend zu verändern, aber ist denn Veränderung überhaupt möglich?

Barbara war zunehmend verstört von seiner wechselhaften Persönlichkeit, seinem angeborenen Sinn für Zerstreuung, von den kunstvollen Ausweichmanövern, die immer mehr an ihm nagten, ohne dass er es merkte, während sie von Monat zu Monat hellsichtiger wurde. Sein Königreich war das Mögliche, und beim geringsten Hindernis suchte er das Weite, als wäre das Leben nur eine unversiegbare Quelle von Vergnügungen Leseprobe

Ist also auch dieses unverhoffte Glück bald wieder vorbei? Man muss Jacques Koskas nicht mögen, kann ihn sogar schrecklich verantwortungslos und egozentrisch finden - und doch folgt man seinem Taumeln durch die Wirren der Liebe fasziniert, belustigt und mit großer Anteilnahme.

Olivier Guez schont seine Figuren nicht, und doch sind sie keine Knallchargen, sondern Menschen. Kein Wunder: in ihnen spiegelt sich der Autor, in ihnen spiegeln sich auch wir.

Koskas und die Wirren der Liebe

von
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Aufbau
Bestellnummer:
978-3-351-03480-1
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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