Stand: 13.01.2020 13:10 Uhr  - NDR Kultur

Oliver Sacks' erste Lieben und letzte Fälle

Alles an seinem Platz
von Oliver Sacks, aus dem Amerikanischen von Hainer Kober
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg

Oliver Sacks, der 1943 in London geborene Professor für Neurologie und Psychiatrie, wurde berühmt durch seine Bücher, in denen er Fallgeschichten beschrieb. "Zeit des Erwachens" wurde sehr erfolgreich mit Robert de Niro verfilmt. Sacks starb im August 2015.

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Dieses Buch ist geeignet, in Stunden gelesen zu werden, in denen es einem nicht so gut geht.

In seinem Nachlass fanden sich noch viele bisher unveröffentlichte Aufzeichnungen über sein eigenes Leben, seine Patienten, Gedanken und Erinnerungen. Seine engsten Mitarbeiter haben daraus nun ein kluges, lesenswertes Buch zusammengestellt.

Oliver Sacks auf Lesereise in Hamburg: Ein großer, schwerer Mann, dessen gedrückt wirkende Stimmung sich deutlich aufheiterte, nachdem er beschlossen hatte, sich einen heißen Kakao zu bestellen. Er war dann ein aufgeräumter, launiger Gesprächspartner, der geduldig sicherlich nicht immer ganz neue Fragen beantwortete. Seine Ansichten konnten revolutionär sein und ebenso sehr konservativ.

Der konservative Oliver Sacks lehnt Computer ab

In einem Text aus dem Nachlass schreibt er, dass bisher eben noch gar nicht erforscht sei, welche Wirkung die neuen Medien auf das Gehirn haben werden. Dieses oft stundenlange Starren auf ein kleines Gerät. Die Beschäftigung auch kleiner Kinder mit Videos auf kleinen Bildschirmen. Er selbst war erschrocken beim Anblick von Bibliotheken ohne Bücher. Das erschien ihm geradezu als Verbrechen.

Der Hinweis der Bibliothekarin, es sei alles digitalisiert, konnte ihn nicht beruhigen, denn er gestand: "Aber ich benutze keinen Computer, und ich bin tiefunglücklich über den Verlust der Bücher, weil ein physisches Buch etwas Unersetzliches ist: sein Aussehen, sein Geruch, sein Gewicht."

Erinnerungen und Erlebnisse

In diesem Band mit Texten aus dem Nachlass finden sich auch Erinnerungen. Oliver Sacks war immer ein begeisterter Langstreckenschwimmer. Als er 1960 nach New York zog, ging er am Orchard Beach schwimmen und umrundete gern eine kleine Insel:

Auf halbem Weg hatte ich haltgemacht, um mir einen entzückenden Pavillon am Ufer anzuschauen, war an Land gestiegen und die Straße entlang geschlendert, als ich ein kleines rotes Haus erblickte, das zum Verkauf stand, hatte mich (immer noch tropfnass) von den verdutzten Eigentümern herumführen lassen, hatte sie davon überzeugt, dass ich es ernst meinte, war auf der anderen Seite der Insel wieder ins Wasser gestiegen und zum Orchard Beach zurückgeschwommen. So hatte ich mir während des Schwimmens ein Haus gekauft. Leseprobe

In diesem Haus hat er dann zwanzig Jahre gelebt. In anderen Texten erzählt Oliver Sacks von Lektüre-Erlebnissen, Büchern, die ihn beeindruckt haben oder Fallgeschichten, die er bisher noch nicht erzählt hat. Immer offenbart er die Botschaft eines tiefen Glaubens an Humanität, Respekt, Mitgefühl und eines liebevollen Umgangs miteinander. Dazu gehört auch der Umgang mit der Natur.

Respekt vor anderen Menschen und vor der Natur

Trotz allem wage ich zu hoffen, dass der Mensch und die Vielfalt seiner Kulturen selbst auf einer verwüsteten Erde überleben werden. Während einige in der Kunst ein Bollwerk unserer Kultur, unser kollektives Gedächtnis sehen, halte ich die Wissenschaft, gute Wissenschaft mit der Tiefe ihres Denkens sowie ihren greifbaren Erfolgen und Möglichkeiten für genauso wichtig; und die Wissenschaft, gute Wissenschaft entfaltet sich wie nie zuvor, auch wenn sie vorsichtig und langsam vorankommt, weil sie ihre Erkenntnisse immer wieder selbst durch strenge Experimente prüft.

Sosehr ich gute Literatur, bildende Kunst und Musik zu schätzen weiß, scheint mir doch, dass nur die Wissenschaft, geleitet von menschlichem Anstand, gesundem Menschenverstand, Weitsicht und Mitgefühl für die Unglücklichen und Armen, irgendeine Hoffnung bietet, die Welt aus dem Sumpf zu befreien, in dem sie steckt. Da ich meinem unmittelbaren Abschied von dieser Welt entgegensehe, muss ich daran glauben - daran glauben, dass die Menschheit und unser Planet überleben werden, dass das Leben fortdauern wird und dass dies nicht unsere letzte Stunde sein wird.  Leseprobe

Mit diesem Text schließt das Buch, das geeignet ist, gelesen zu werden in Stunden, in denen es einem vielleicht nicht so gut geht, man verzagt und mutlos ist. Eine Tasse Kakao für den Geist - nahrhaft und tröstlich.

Alles an seinem Platz

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-06442-6
Preis:
24,00 €

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