Olga Tokarczuk: "Die grünen Kinder"  (Cover) © Kampa Verlag

Erzählungen von Olga Tokarczuk: "Die grünen Kinder"

Stand: 19.11.2020 11:52 Uhr

Der Nobelpreis für Literatur 2018 ging an Olga Tokarczuk. In ihrer Begründung betonte die Schwedische Akademie die kraftvolle Fantasie der Schriftstellerin.

von Lisa Kreißler

Gelobt wurde auch ihr weitverzweigtes Wissen und ihr Mut, "das Überschreiten von Grenzen als Lebensform" darzustellen.

In ihren bisher erschienenen Büchern macht Olga Tokarczuk vor nichts Halt. "Die Jakobsbücher" ist ein historischer Roman über den Reformator des jüdischen Glaubens Jakob Frank, in "Unrast" erzählt sie die moderne Gegenwart durch die Geschichten von Reisenden, und mit "Gesang der Fledermäuse" ist ihr ein visionärer Krimi gelungen. In ihrem gerade bei Kampa erschienenen Erzählungsband "Die grünen Kinder" hat sich Olga Tokarczuk ein ganz neues Genre überlegt: "Bizarre Geschichten".

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Kinder mit magischen Fähigkeiten

Viele von uns wissen es vielleicht nicht, aber was heute als Dreadlocks bekannt ist, reicht weit zurück in die Geschichte des Hairstylings. In der Erzählung "Die grünen Kinder" reist der schottische Medicus William Davisson Mitte des 17. Jahrhunderts nach Polen. Hauptsächlich soll er sich um die Gesundheit des polnischen Königs kümmern, nebenbei forscht er jedoch zum Phänomen des Weichselzopfes.

Ein seltsames Gebilde aus gekräuselten, verfilzten Haaren in mancherlei Form, hier in dicken Zotteln, dort in einem Knäuel, hier als Zopf, der einem Biberschwanz gleicht. Die Leute glauben, dass der Weichselzopf der Sitz guter und böser Mächte sei, und wer ihn trägt, wollte wohl lieber sterben als sich der filzigen Pracht zu entledigen. Leseprobe

Auf einer Reise durch das kriegsverwüstete Polen begegnet der Medicus im Zug des Königs zwei sensationellen Exemplaren des Weichselzopfträgers: wilde Kinder mit grünlicher Haut, die Tier und Pflanze näher zu stehen scheinen als dem Menschengeschlecht. Durch das Streicheln mit ihren grünen Dreadlocks heilt das Mädchen die kranken Füße des Königs. Ein Biss des grünen Jungen hat zur Folge, dass der Medicus sich das Bein bricht und mit den wilden Wesen vom König zurückgelassen wird. Die Natur tritt dicht heran an die zurückgebliebene Gruppe und holt aus zur Rache.

Der Mensch hat sich von der Natur entfernt

Die "Bizarren Geschichten" der Dreadlocks tragenden, Olga Tokarczuk erzählen allesamt von der Entfremdung. Indem der Mensch einen Graben gezogen hat zwischen sich und dem, was er als Natur bezeichnet, ist er zu einem verlorenen Wesen geworden. Fremd in der Welt, fremd in sich selbst.

Warum erscheinen uns die natürlichen Dinge als erschreckend oder peinlich? Woher wissen wir, dass etwas gut ist, etwas anderes schlecht? Woher kommt unsere Fähigkeit zu strengen Urteilen? Warum ist die Welt eine Welt des Mangels? Warum fehlt es an allem - an Essen, Geld, Glück? Leseprobe

Es ist die große religiöse Sinnfrage, die Oresta, die Tochter des Masseurs Ilon in der Erzählung "Der Kalender der menschlichen Feste" mit Bleistift in einer Broschüre zur "Philosophie einer sanften Revulotion" notiert. Die Geschichte spielt, wie die meisten in dem Band, in einer leicht futuristischen Wirklichkeit, nur einen Wimpernschlag entfernt von unserer gegenwärtigen.

Seltsame Phänomene und Riten

Ein plastikfressender Bakterienstamm, gezüchtet, um die Weltmeere zu säubern, ist auf die Kontinente übergeschwappt. Dort hat er geliebte Konsumartikel zerstört und ganze Krankenhäuser. Aber die fanatisch-religiöse Gesellschaft hat ein Zentrum der Hoffnung.

Der Heilige Monodikus wird seit 312 Jahren jährlich zu Tode gesteinigt und zu neuem Leben erweckt. Eine Kompanie aus Chirurgen und Masseuren arbeitet Tag und Nacht an der Erhaltung des Herzschlags dieses Körpers, der immer schwächer wird, immer deutlicher verschwinden möchte.

Tokarczuk führt uns unsere zerstörte Welt in düsteren Farben vor Augen

Flugzeugabgase verändern das Unterbewusstsein, vielbefahrene Straßen versperren dem Fußgänger den Weg, die Wissenschaft hat die Naturgesetze weit hinter sich zurückgelassen. In "Der Berg aller Heiligen" reist eine Psychologin in die Schweiz, um ihren berühmten Test zur Vorhersage von Charaktereigenschaften einem geheimen Forschungsprojekt mit Jugendlichen zur Verfügung zu stellen.

Mein Test unterscheidet sich von den anderen nicht dadurch, dass sich mit ihm untersuchen lässt, was wir im Zuge unserer Entwicklung gewinnen, sondern was wir verlieren. Leseprobe

Es ist ein schwer zu begreifendes Talent, mit dem Olga Tokarczuk voller Witz und Nächstenliebe gegen die eingeschränkte Perspektive auf alles Leben und seine Zusammenhänge anerzählt. Sie führt uns durch die warmen Adern des Waldes, durch kalte Korridore der Überheblichkeit, in Gesellschaft eingemachter Pilze und sonderbarer Sockennähte mitten hinein ins menschliche Herz, das genauso einmal zu Erde werden wird wie ein Wolf, ein Märtyrer oder grüne Dreadlocks.

Die grünen Kinder

von Olga Tokarczuk, aus dem Polnischen von Lothar Quinkenstein
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kampa
Bestellnummer:
978-3-311-10029 4
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 20.11.2020 | 12:40 Uhr

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