Olaf Otto Becker: "Siberian Summer" - Cover © Hatje Cantz Verlag Foto: Olaf Otto Becker

Olaf Otto Becker fotografiert den "Siberian Summer"

Stand: 16.04.2021 14:40 Uhr  | Archiv

Der Fotograf Olaf Otto Becker möchte mehr tun, als nur die Naturschönheit zu zeigen. Er will die Veränderungen der Natur darstellen: Verlust, Zerfall und Verschwinden.

von Guido Pauling

Doch es heißt auch zu zeigen, was dafür Neues nachrückt. "Ich besuche in der Regel die Grenzlandschaften, wo noch unberührte Natur auf den Menschen trifft", erklärt Becker seine Arbeitsweise. "Meine Bilder sehe ich als ein Fenster zu dem, was ich gesehen habe." So hat er bereits Gletscher-Schmelzflüsse in Grönland dokumentiert wie auch unberührten Regenwald und kahle Brachflächen in Indonesien.

Im Mündungsdelta der Lena, dem sibirischen Strom, hat Olaf Otto Becker Aufnahmen gemacht, dass einem der Atem stockt. Schlamm und Eis. Dunkelbraun und schmutzig-grau. Abweisend, gigantisch, feucht-kalter Nebel am Ufer des arktischen Ozeans. So sieht es also aus, das Ende der Welt.

Sind wir noch auf unserem Planeten? Wir sind es mit diesen Bildern, aber wir befinden uns am äußersten Rand der Landmasse, im Nordosten Sibiriens. Im Mündungsdelta der Lena, dem gewaltigen sibirischen Strom, liegen zahllose Inseln mit fremdartigen Namen: Muostach, Sobo-Sise, Samojlow.

Grenzlandschaften mit weitgehend unberührter Natur

Die Sphinx kommt einem in den Sinn - ein erhobener Kopf an einem ruhenden Körper aus Schlamm, Gestein, Eisbrocken und Holzresten. Bodenerosion und Eisschmelze haben hier Skulpturen von faszinierender, unheimlicher Schönheit geschaffen. Mit seinen Fotografien aus dem sibirischen Sommer schafft Becker gleichermaßen Kunstwerke wie Dokumentar-Aufnahmen des sterbenden, weil tauenden Permafrost-Bodens.

"Ich besuche in der Regel die Grenzlandschaften, wo noch unberührte Natur auf den Menschen trifft", erklärt Becker seine seit Jahrzehnten erprobte Arbeitsmethode. "Ich verstehe mich als Augenzeuge unserer Zeit und staune sowohl über die Schönheit der sich selbst formenden Natur, wie auch über die rasanten durch den Menschen verursachten Veränderungen, die in der Landschaft sichtbar werden."

Das einzigartige Ökosystem ist bedroht

Klimawandel in Deutschland bedeutet, dass Wälder austrocknen und Flüsse bei Niedrigwasser für Binnenschiffe nicht mehr befahrbar sind. In Sibirien haben die warmen Temperaturen zur Folge, dass aus Permafrost allmählich Matsch wird und dass zarte Sommer-Blumen in der scheinbar endlos flach daliegenden grünlich-braunen Tundra immer weiter nördlich zu finden sind.

Wie winzige umgestülpte Fallschirmchen oder Röckchen streben die blassgelben Blüten des arktischen Mohns dem Licht entgegen, vom Wind zur Seite gebeugt. Gleich daneben streckt Rainfarn die kleinen, weiß bekränzten Gelb-Köpfchen in die Höhe. Geradezu liebevoll bildet Olaf Otto Becker die zarten Pflanzen in einigen Makro-Aufnahmen ab - in elfenartigem Gegensatz zu den monströsen Schlamm-Gebilden an der Küste.

Die ernsten Mienen der Mikrobiologen Svetlana und Aleksandr verraten, dass sie wissen, was die lieblichen Blüten zeigen: "Eine letzte Entfaltung von Pracht, ehe das Ökosystem völlig dem Untergang geweiht ist."

Wie lebt es sich im Angesicht des Untergangs?

Tiksi ist eine verfallende 5.000-Einwohner-Stadt an der sibirischen Nordküste. In der Industrialisierungs-Ära unter Stalin gegründet, zerfallen Gebäude und Infrastruktur wie Hafen, Silos und Schiffe rasant. Beckers Fotos im hinteren Teil des Bildbands zeigen einen einzigen Schrottplatz; voller Rost, LKW-Wracks, Schuhkarton-Sowjetbauten, und voller Kinder. Artjom, Lew und Sasha, Angelina und Narja, Bogdan und Anastasia sind zwischen 7 und 12 Jahre alt, blicken jedoch meist mit dem Ernst arbeitsloser Hafenarbeiter in Beckers Linse - und doch spielen, hüpfen und schmunzeln sie auch mal.

Надежда умирает последней - die Hoffnung stirbt zuletzt, sagen sie auch in Tiksi. Denn der Klimawandel macht die Nordostpassage für die Seefahrt frei. Tiksi könnte neuer Wohlstand bevorstehen.

Siberian Summer

von Olaf Otto Becker
Seitenzahl:
176 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Hrsg. Nadine Barth, englisch, 100 Abb., Leinen, 34,00 x 27,00 cm
Verlag:
Hatje Cantz
Bestellnummer:
978-3-7757-4790-5
Preis:
68,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 18.04.2021 | 17:40 Uhr

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