Von "Pippi" bis zum "Sams": Der Oetinger Verlag feiert Geburtstag

Stand: 12.06.2021 08:31 Uhr

Wahrscheinlich kennt jedes Kind und auch jeder Erwachsene in Deutschland mindestens ein Buch aus dem Oetinger Verlag: "Petterson und Findus", "Die Kinder aus dem Möwenweg" und "Das Sams" sind nur einige von ihnen. Nun feierte der Verlag 75. Geburtstag.

von Katja Eßbach

Es ist ein Schlüsselmoment in der Geschichte des Oetinger Verlags: 1949 holt Verlagsgründer Friedrich Oetinger "Pippi Langstrumpf" nach Deutschland.

Verlegerin Heidi Oetinger (r.) neben der Kinderbuchautorin Astrid Lindgren (l.). © picture-alliance / dpa | Fotoreport Oetinger Verlag
Die Verlegerin Heidi Oetinger (r.) ist die Frau, die "Pippi Langstrumpf" zu einem Erfolg in Deutschland gemacht hat. Mit Astrid Lindgren (l.), der Schöpferin der "Pippi", verbindet sie eine Lebensfreundschaft.

Jahre später erinnerte sich seine Frau, die Verlegerin Heidi Oetinger daran, wie Pippi den Weg in die deutschen Bücherregale fand: "Mein Mann war nach Schweden eingeladen worden und hatte dort die Gelegenheit, Astrid Lindgren kennenzulernen. Und er wurde durch einen Buchhändler auf das Pippi-Buch hingewiesen und hat Astrid Lindgren dann um eine Option gebeten. Astrid sagte, das Buch hätten schon fünf deutsche Verlage abgelehnt, sie glaube nicht, dass das was für Deutschland sei. Und dann kam mein Mann mit dem Buch zurück und wusste nicht, was er für einen Goldschatz im Koffer hatte."

Als das Buch noch 1949 erscheint, ist die Auflage gering: Gerade mal 3.000 Exemplare werden gedruckt, nach dem Krieg ist das Papier rationiert. Dennoch wird Pippi ein riesiger Erfolg. Gegründet hatte Friedrich Oetinger seinen Verlag schon drei Jahre vorher: Am 12. Juni 1946 bekam der gelernte Buchhändler im zerstörten Hamburg eine Lizenz der britischen Besatzer, wie seine Enkelin Julia Bielenberg erzählt: "Das war unglaublich wagemutig. Er war während der Kriegszeit schon in einem Jugendbuchverlag, im Ellerman Verlag, tätig und hat dort im Kinder- und Jugendbuchbereich gearbeitet. Er ist eigentlich seinen Wurzeln treugeblieben."

Eine Institution in Sachen Kinder- und Jugendliteratur

Julia Bielenberg (l), Verlegerin der Verlagsgruppe Oetinger, und ihre Mutter Silke Weitendorf, Verlegerin und ehemalige Leiterin der Verlagsgruppe Oetinger. © picture alliance/dpa Foto: Georg Wendt
Julia Bielenberg erlebte die Ikonen der Kinderliteratur aus nächster Nähe. Daneben ihre Mutter Silke Weitendorf, Verlegerin und ehemalige Leiterin der Verlagsgruppe Oetinger.

Erst mit der Veröffentlichung von "Pippi Langstrumpf" entschied Friedrich Oetinger, sich nur auf Kinder- und Jugendbücher zu konzentrieren. Julia Bielenberg ist seit vier Jahren Leiterin der Verlagsgruppe. Als Kind lernt sie Astrid Lindgren und andere Autorinnen und Autoren kennen, die bei ihren Großeltern ein und aus gingen. Vor allem ihre Großmutter Heidi Oetinger ist mit vielen eng befreundet. Bis ins hohe Alter liest sie jedes Manuskript, obwohl sie sich Ende der 1980er Jahre aus der Verlagsleitung zurückgezogen hatte, um Platz für die nächste Generation zu machen: "Man muss doch jungen Menschen die Möglichkeit geben, sich zu entwickeln und wenn sie Verleger werden wollen, müssen sie kräftig Hand anlegen und Manuskripte, vor allem aber Menschen kennenlernen."

Der Oetinger Verlag ist eine Institution in Sachen Kinder- und Jugendliteratur. Hier erscheinen die Bücher von James Krüss, Suzanne Collins, Cornelia Funke und natürlich Kirsten Boie. Die ist seit ihrem ersten Buch bei Oetinger: "Es ist ganz wunderbar zu diesem Verlag zu gehören, der als einer der ganz wenigen in Deutschland noch in Familienhand ist, was man am Klima und der Verlagspolitik auch immer merkt. Ich glaube, wir alle, die wir da arbeiten, sind glücklich darüber."

Im vergangenen Jahr dann der Verlagsumzug von Hamburg-Duvenstedt in helle, moderne Räume eines ehemaligen Speichers in Altona. Dort, verteilt auf vier Etagen, sind erstmals alle Mitarbeiter unter einem Dach vereint, die vorher auf mehrere Häuser verteilt waren. Durch die Corona-Krise ist der Verlag, so Julia Bielenberg, bisher sehr gut gekommen. Nicht nur deshalb ist sie überzeugt, dass es Oetinger auch in vielen Jahren noch geben wird: "Wir werden die Geschichten vielleicht in anderen Gefäßen haben. Ich glaube, die technische Entwicklung wird so weit voranschreiten, dass wir das vielleicht noch gar nicht absehen können, was das für Gefäße sind, aber wir werden auf jeden Fall immer mit Geschichten vor Ort sein."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 12.06.2021 | 14:20 Uhr

Die Verlegerin Silke Weitendorf, im Profil im Vordergrund unscharf zu sehen ihre Tochter.
3 Min

"Pippi Langstrumpf"-Verlegerin Silke Weitendorf wird 80

Als Tochter von Friedrich Oetinger war sie die erste Testleserin des Kinderbuchs. Heute leitet sie den Verlag mit ihrer Tochter. 3 Min

Während der Verleihung des Astrid Lindgren Preises © picture alliance / TT NYHETSBYR?N | Christine Olsson Foto: Christine Olsson

Astrid Lindgren Preis in Stockholm verliehen

In Stockholm ist der Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Award verliehen worden. Und zwar für die Jahre 2020 und 2021. mehr

Mehr Kultur

Die Musikerin Feist mit ihrer Perfomance "Multitudes" ist beim Sommerfestival Kampnagel © Leslie Crisp Foto: Leslie Crisp

Leslie Feists Lieder vom Verlust eröffnen Sommerfestival Kampnagel

Mit einem Weltstar aus Kanada und Regenschauern hat das Sommerfestival in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel begonnen. mehr