Stand: 10.10.2019 14:04 Uhr

Vom Klang der Bienen und der Bomber

Winterbienen
von Norbert Scheuer
Vorgestellt von Ulrich Kühn

Es gab viel Kritik an der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2019: zu gering die literarische Qualität, nicht die besten Romane des Jahres, zu viele Debüts junger Autorinnen und Autoren. Bei Norbert Scheuer, Jahrgang 1951, ist es anders. Der Senior im Feld hat eine veritable Schriftsteller-Vita. Mit seinem Roman "Überm Rauschen" schaffte er es vor zehn Jahren schon auf die Shortlist. Für seinen neuen Roman "Winterbienen" bekommt er den Wilhelm-Raabe-Preis - und ist erneut nominiert für den Deutschen Buchpreis.

Der Schriftsteller Norbert Scheuer.

Norbert Scheuers Roman "Winterbienen"

Bücherjournal -

Norbert Scheuers "Winterbienen" geht in die Tiefe und unter die Haut. Für seine Geschichte, die gegen Ende der Nazi-Zeit spielt, bekommt er den Wilhelm Raabe-Literaturpreis.

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Ein Mann führt Protokoll. Die ihn umgebende Welt geht unter und er, so scheint es, mit ihr. Egidius Arimond hat der Welt nichts angetan. Er züchtet Bienen und hat Epilepsie. In der Eifel lebt er in einem Bergarbeiterstädtchen. Unter der Erdoberfläche der Gegend tun sich verschachtelte Gänge auf, wie in seinem Inneren.

Das sind die Fluchtgänge, die er nutzt. In geheimen Stollen versteckt er Juden, denen er später über die Grenze hilft, in den eigenen Tiefen verliert er sich in der Unwirklichkeit, in die sein Ich sich davonmacht, wenn die Anfälle kommen. Die Welt um ihn herum ist die Welt der Nazis. Er war Lehrer, man hat ihn aus dem Schuldienst gejagt, er ist sterilisiert. Wäre nicht sein Bruder ein Fliegerheld, er lebte längst nicht mehr - weggesperrt, umgebracht.

Aus dem Tagebuch des Ich-Erzählers

Es ist Winter 1944, als das Tagebuch dieses Ich-Erzählers einsetzt. Ruhig, intensiv fließt es im breiten Sprachbett dahin, durchzogen von Unterströmen der Trauer und der Freude an der Natur. Arimond notiert seine Welt, weil ihn das im Leben hält. Nichts ist mehr gewiss. Es ist Krieg; ein Flugzeug ist abgestürzt:

Die Mitchell B-25 hatte sich mit der Spitze in den Boden gerammt. Im Gestänge der gläsernen Kanzel hing ein verschmorter Körper; Köpfe, Füße und Hände der anderen Besatzungsmitglieder lagen verstreut auf dem Acker, der Pilot saß mit verrenkten Gliedern neben seiner Maschine. Nur fünf Mitglieder der Mannschaft wurden gefunden. Leseprobe

Protagonist Arimond ist besonders sensibel für Geräusche

Einer hat überlebt und wird fortan von Feldjägern gesucht. Der Fremde als Feind, ein Motiv des Buchs. Ein anderes sind die Klänge der Luft. Arimond erkennt Flugzeuge am Motorengeräusch, er kann von ferne hören, ob sie angreifen werden. Und er lauscht seinen Bienen ab, wie es ihnen geht:

Ich gehe in der Nacht durch den Garten zum Bienenhaus, lege mein Ohr an einen Stock und höre das leise Singen der Winterbienen. Sie hängen alle dicht zusammen, sind gesund. Ihr Chor klingt wie eine gleichmäßig schwingende Melodie, die von ihren zarten Flügelchen erzeugt wird. Leseprobe

Manchmal gerät das Bienenleben in Parallele zum Menschenleben. Das ist literarisch riskant. Bienenvölker können "nicht einfach eine Republik ausrufen", und was nicht mehr gebraucht wird, stirbt. Es ist Scheuers Kunst, den kranken Mann das aufschreiben zu lassen, im Wissen um die Wahnhaftigkeit der Nazi-Idee vom "lebensunwerten Leben".

Scheuers Sprache ist zart und zupackend zugleich

Arimonds prekäres eigenes Leben ist in seiner leisen Fülle in diesem Tagebuch bewahrt, in Scheuers zart zupackender Sprache. Dieser Mann liebt mehrere Frauen. In der Bibliothek, wo er in Büchern Nachricht findet, wenn er Verfolgten helfen soll, forscht er einem Vorfahren nach.

In umgebauten Bienenstöcken fährt er Flüchtende an die Grenze. So verdient er Geld für die Medikamente, die es ihm erst möglich machen, diese Realität zu bestehen. Das geht lange ganz gut - und irgendwann immer schlechter. Die Fliegerangriffe nehmen zu, die Kriegsverheerung greift um sich. Die Tagebuch-Sprache nimmt das auf, wird härter und rasanter. Arimon fällt der Gestapo in die Hände, die Welt stürzt ins Bodenlose, er verliert sein Ich.

Der Romanheld überlebt den Krieg - vorerst

Zuletzt überlebt er doch den Krieg, hat frische Medikamente, seine Erinnerung kehrt zurück, er kann sogar die Bienen im Grenzgebiet wieder besuchen:

Mit weißem Anzug und Imkerhut sah er aus wie ein Sternenfahrer, der in ferner Zukunft auf einem unbekannten Planeten umhergewandert war. Als Egidius sah, wie sein Hund neugierig an einem metallenen Gegenstand schnüffelte, gewahrte er, dass er sich mitten in einem Minenfeld befand. Erstarrt blieb er stehen. Leseprobe

Dies Buch geht in die Tiefe und unter die Haut. Es geschähe nichts Schlechtes, bekäme Norbert Scheuer den Deutschen Buchpreis dafür.

Winterbienen

von
Seitenzahl:
319 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
mit 13 Zeichnungen
Verlag:
C.H. Beck
Bestellnummer:
978-3-406-73963-7
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 11.10.2019 | 12:40 Uhr

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