Stand: 15.09.2017 06:20 Uhr

Nicolas-Born-Preise für Julia Wolf und Franzobel

von Katharina Sieckmann

Wer bitte ist denn Nikolas Born, mag sich mancher fragen? Er war ein niedersächsischer Schriftsteller, der von 1937 bis 1979 lebte und dem zu Ehren die beiden bedeutendsten Literaturpreise Niedersachsens vergeben werden.

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Julia Wolf ist mit dem Nicolas-Born-Debütpreis und Franzobel mit dem Nicolas-Born-Preis ausgezeichnet worden.

Das Land Niedersachsen vergibt den Nicolas-Born-Preis und den Nicolas-Born-Debütpreis seit dem Jahr 2000. Ursprünglich sollten damit niedersächsische Schriftsteller geehrt werden, doch vor drei Jahren entschied sich die Ministerin Gabriele Heinen-Kljajić, die Preise für alle deutschsprachigen Autorinnen und Autoren auszuschreiben: "Wir ehren mit diesem Preis Schriftsteller, die ähnlich wie Nicolas Born verschiedene Gattungen und Genres bedienen, die auch zeitkritisch schreiben und die ein Feingefühl für Sprache haben. Und beide Preisträger in diesem Jahr bringen das ohne Zweifel mit."

Franzobels Opus magnum

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Franzobel Roman "Das Floß der Medusa" sei eine treffende Parabel auf unsere Zeit, findet Jurorin Ulrike Sárkány.

Der mit 20.000 Euro dotierte Preis ging an den österreichischen Schriftsteller Franzobel, der mit bürgerlichem Namen Franz Stefan Griebl heißt. Sein Buch "Das Floß der Medusa" ist die Geschichte der Schiffbrüchigen der Fregatte Medusa, die im Jahr 1816 auf einem Floß ausgesetzt wurden und vor der afrikanischen Küste im Meer treiben. Eine geradezu groteske Umkehrung der heutigen Situation also.

Irgendwann habe Franzobel jemand die Geschichte erzählt und ihm sei sofort klar gewesen, dass er darüber schreiben müsse, so der Autor. Ein Theaterstück? Nein, das kann man dem Publikum nicht zumuten. Ein Film? Wahnsinnig teuer! Also musste er eben einen Roman schreiben: "Ich habe mich dann sehr in die Materie eingearbeitet und das Gefühl gehabt, dass ich drei Jahre lang mit auf diesem Floß gelebt und gelitten habe. Man ist ja schon irgendwie die ganze Zeit auf diesem Floß. Ich bin ja jemand, der auf dem Bett schreibt - ein Doppelbett - und man könnte sich schon vorstellen, dass das Bett durch die Welt treibt. Sachbücher, Zettel, Computer, das war dann schon vergleichbar mit der realen Floßsituation."

Eine treffende Parabel auf unsere Zeit

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Er als Binnenländler aus Österreich musste sich das Wissen über das Meer Stück für Stück aneignen. Das Leben habe ihm zum Glück immer Menschen angespült, die ihm vom Segeln erzählen, von der Schifffahrt und den Gesetzen des Wassers. Ulrike Sárkány, die Leiterin der NDR Kultur Literaturredaktion gehört der Jury an. In ihrer Laudatio auf den Preisträger beschrieb sie "Das Floß der Medusa" als sein Opus magnum. Der Roman sei eine treffende Parabel auf unsere Zeit. Sie hob besonders hervor, dass Franzobel in seinem Werk eine engagierte sozialpolitische Aussage habe.

"Das ist schon eine Parallelwelt in der man da lebt. Ich habe im Wasser gestanden und habe beim Speck essen an Menschenfleisch gedacht", berichtet Franzobel. Inzwischen steht "Das Floß der Medusa" auch auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

Debütpreis für Julia Wolfs Männerporträt

Der Nicolas-Born-Debütpreis 2017 ging an Julia Wolf für ihren Roman "Walter Nowak bleibt liegen". Die Geschichte dreht sich um einen älteren Mann aus der hessischen Provinz, der von sich und seiner Weltsicht vollkommen überzeugt ist. Ein Unsympath, der in einer sehr misslichen Situation auf dem Badezimmerfußboden vor sich hindenkt und sein Leben Revue passieren lässt.

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Der Roman "Walter Nowak bleibt liegen" von der in Berlin lebenden Autorin Julia Wolf stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.

Die Jury lobte besonders ihre Rhetorik des Halbbewussten, mit der Julia Wolf dem Durchschnittsdeutschen Nowak eine Stimme gebe und die Fallhöhe eines ganzen Lebens schildere. Die Autorin sagt: "Die Figur ist aus meinem ersten Roman entstanden, da gibt es zwei sehr unzugängliche Männerfiguren. Es war besonders das Unzugängliche, das mich gereizt hat. Es ist eine Art, sich selber die Welt zu erklären, und dann geht man in immer weiteren Kreisen nach außen."

Gute Bücher tun Not

Julia Wolf hat eine sehr enge Verbindung zu Nicolas Born: In ihrem Bücherschrank befindet sich ein Exemplar von Borns Buch "Die Fälschung", das ihre Mutter 1979 ihrem Vater schenkte. Als sie hörte, dass sie mit dem Nicolas-Born-Debütpreis ausgezeichnet wird, legte sie sich mit ihrem fünf Tage alten Sohn aufs Sofa, um es endlich zu lesen.

Literatur sei in der Pflicht, gesellschaftspolitische Entwicklungen zu hinterfragen ohne sich vereinnahmen zu lassen, darin waren sich auch am gestrigen Abend alle einig. Gerade in heutigen Zeiten, wo immer mehr Gewissheiten bröckeln oder ganz verschwinden, tun gute Bücher Not. Wie gut, dass die Nicolas-Born-Preise erneut auf zwei herausragende Exemplare aufmerksam machen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 15.09.2017 | 06:20 Uhr

08:07

Der Nicolas-Born-Preis 2017

NDR Kultur

Ein Gespräch mit Ulrike Sárkány, Leiterin der Literaturredaktion von NDR Kultur. Audio (08:07 min)

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Die diesjährigen Nicolas-Born-Preise gehen an die deutsche Schriftstellerin Julia Wolf und den Österreicher Franzobel. NDR Kultur Literaturchefin Ukrike Sárkány war Teil der Jury. mehr

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