Stand: 25.06.2019 10:00 Uhr

Spekulationen über Elena Ferrantes Identität

Elena Ferrante - meine geniale Autorin
von Nicola Bardola
Vorgestellt von Ulrike Sárkány

Elena Ferrante hat ihre Anonymität erfolgreich gewahrt. Mit der "Neapolitanischen Saga" über die genialen Freundinnen Lila und Lenú ist die Autorin international berühmt geworden. Der Wirtschaftsreporter Claudio Gatti vermutet die Übersetzerin und Lektorin Anita Raja hinter dem Pseudonym - aber endgültige Klarheit gibt es nicht. Der Schweizer Journalist Nicola Bardola hat ein 300 Seiten starkes Buch über das Phänomen geschrieben hat. Es heißt "Elena Ferrante - meine geniale Autorin".

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Schon mehrfach wollte man der wahren Identität von Elena Ferrante auf die Spur kommen. Der Schweizer Journalist Bardola nimmt einen neuen Anlauf.

Nicola Bardola hat sich wie ein Detektiv über das Gesamtwerk gebeugt und schließt auf etwa ein halbes Dutzend denkbarer Varianten: "Meistens am Ende der einzelnen Kapitel kombiniere ich, welche Indizien dafürsprechen, dass Elena Ferrante diese oder jene sein könnte. Es gibt da ja verschiedene Möglichkeiten, und eine, die mir sehr gut gefällt, ist, dass ein Kollektiv die Tetralogie geschrieben hat", erzählt Bardola.

Elena Ferrante - die wichtigsten Erscheinungen

Autorin Ferrante versteckt sich in der Anonymität

Bardola geht davon aus, dass bis 2008 die international bekannte Schriftstellerin Fabrizia Ramondino hinter dem Pseudonym steckte. "Die Literaturwelt in Italien war überzeugt, es war praktisch ein offenes Geheimnis, dass sie ist es", sagt Bardola. "Aber dann starb sie, dann war vier Jahre Pause, und dann ging es erst los mit der Tetralogie. Das würde auch gewisse stilistische Brüche sehr gut erklären: Die Tetralogie ist ja stilistisch ganz anders als die ersten drei Einzelromane."

Die frühere Elena Ferrante hatte noch von sich gesagt, sie könne nur kürzere Romane schreiben. Nach der ominösen Funkstille brachte dann ihr Verlag, der vom Ehepaar Sandro Ferri und Sandra Ozola geleitet wird, das vierbändige Werk "L'amica geniale" und neue Fortsetzungen der "Frantumaglia" heraus.

Ist Ferrantes Pseudonym mehr als Marketing-Instrument?

Eigentlich fragt man sich, wie überhaupt ein so großes Interesse an einer Autorin entstehen kann, die unerkannt bleiben will. Aber Nicola Bardola zeigt sehr deutlich, dass Ferrante die Neugierde durch viele Selbstauskünfte in den schriftlichen Interviews anheizt. Die Anonymität sei zweifellos auch ein Marketing-Instrument, aber nicht nur.

"Man kann über Dinge schreiben, die so privat sind, so intim sind, dass man nicht damit konfrontiert werden möchte als bürgerliche Identität, als Privatperson. Elena Ferrante vergleicht ja auch oft ihre Romane mit Tagebüchern, wo sie vollkommen unabhängig vom Leser schreibt, und das macht ja auch eine Qualität ihrer Bücher aus", findet Bardola.

Eine Spur führt zur Verlagsmitarbeiterin Raja und ihrer Familie

Eine linguistische Methode, mit der schon andere Pseudonyme erfolgreich gelüftet wurden, besteht darin, Texte per Computer auf Übereinstimmungen in der Wortwahl und dem Satzbau zu überprüfen. Bardola weiß: "Diese Big-Data-Analyse findet auch weiterhin noch statt, und man kommt jedes Mal sehr deutlich zum Ergebnis, dass die größten stilistischen Übereinstimmungen zu Domenico Starnone sind. Das ist insofern brisant, als er der Ehemann von Anita Raja ist."

Also jener Verlagsmitarbeiterin, die plötzlich sehr viel Geld verdiente. Seit Claudio Gattis Enthüllungen hat sich Anita Raja komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Aber Elena Ferrante hat wöchentliche Kolumnen für die Wochenendausgabe des englischen "Guardian" geliefert, die demnächst auch als Buch erscheinen. Sie schreibt also immer weiter.

Ein spannendes Identitäts-Puzzle

In Neapel gibt es ein Schuhgeschäft "Ferrante". Aber der Name könnte auch aus Elsa Morante und dem Namen des Verlegers Ferri zusammengesetzt worden sein. Warum also nicht er, seine Frau und seine Tochter als die echten Verfasser?

"Dass sie die Zeit haben bei ihrem doch sehr aufreibenden Job als eigenständiger und unabhängiger Verlag in Rom - und jetzt auch noch mit dieser Weltbestsellerautorin", bezweifelt Bardola, "aber sie haben vielleicht auch ihren Beitrag dazu geleistet."

Mit jeder Information, die Bardola uns an die Hand gibt, steigt die Spannung in diesem Identitäts-Krimi. Ein beachtliches und sehr vergnüglich zu lesendes Buch!

Elena Ferrante - meine geniale Autorin

von
Seitenzahl:
311 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Gebunden mit Schutzumschlag, Lesebändchen. Format 15 x 21,5 cm, 59 Farbabbildungen
Verlag:
Reclam
Bestellnummer:
978-3-15-011189-5
Preis:
24,00 €

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