Nico Bleutge: "Drei Fliegen" (Cover) © C.H. Beck Verlag

Nico Bleutge schreibt in "Drei Fliegen" über Gedichte

Stand: 05.10.2020 14:26 Uhr

Vier Gedichtbände hat Nico Bleutge bisher geschrieben und ist damit als feinsinniger, behutsamer Autor aufgefallen. Seine literarischen Essays geben kluge Anregungen.

von Guido Pauling

Er ist ein Lyriker, der sehr individuell über Natur, über Stimmungen und Erinnerungen schreiben kann. Seine Verse vermischen Eigenes mit Anklängen an fremde Autoren, lassen historische Erfahrungen aufscheinen, Dinge hinter den Dingen.

Statt nun einen neuen Gedichtband zu veröffentlichen, ist Bleutge einen Schritt zurückgetreten, hat auf seine bisherige Arbeit geblickt, aber auch auf die Arbeit eines Lyrikers überhaupt. Nun hat er eine umfangreiche Sammlung von Essays vorgelegt, in denen er sich und uns Lesern Fragen stellt: Was kann ein Gedicht, wie entsteht ein Gedicht, wie lässt sich mit Sprache arbeiten?

Nachdenken über Sprache

Wenn ein sensibler, belesener Lyriker auf dreimal einhundert Seiten intensiv über Sprache nachdenkt, springen für seine Leser im besten Fall viele neue Einsichten heraus. So geschieht es hier bei Nico Bleutges Sprach-Reflexionen, seinen Gedanken über eigene und fremde Texte, über offene und verstellte Wahrnehmung.

Für einen Lyriker wie Nico Bleutge ist Sprache ein wertvolles Material, das sich auf vielfache Weise formen lässt: "... indem man sich nicht auf die Inhaltsebene allein begibt, sondern mit Anklängen und Rhythmen arbeitet, so dass die Sprache insgesamt viel reichhaltiger und intensiver, umfassender spürbar wird als im alltäglichen Gebrauch, wo sie auf Inhalte, auf Meinungen, auf reinen Informationsaustausch zurechtgestutzt und damit also verkürzt ist."

Einblicke in Bleutges Arbeitsweise

In seinen Essays gewährt Bleutge Einblicke in seine ganz eigene Arbeitsweise - von aufgeschnappten Worten zum ersten noch vagen lyrischen Einfall.

Indem ich die gefundenen Wörter und Begriffe sagte oder vor mich hin murmelte, meinte ich Echos zu vernehmen, Echos, die mich in neue Luftschichten führten oder durch die Hintertür wieder zu meinen ersten Wörtern zurück. Ich entdeckte Widersprüche zwischen Formulierungen, zugleich fielen mir Zeilen von anderen Dichtern ein, die sich mit meinen Wortfunden  kurzschließen wollten. Das Geflecht verlagerte sich. Irgendwann war es ganz in meinem Kopf. Verwandelt nun in eine besondere Art von Aufmerksamkeit für Atmosphären, eine Sensibilität, ein geistig-körperliches Gespür für die Durchlässigkeit der Dinge und der Sprache. Leseprobe

Als Leser mit Sinn für Gedichte folgt man bereitwillig den Gedankengängen eines Dichters, der für sich herausfinden will, was er spürt, während er an einzelnen Zeilen oder gar Zyklen arbeitet.

Die Wörter, die ich gesammelt, gefunden, erfunden habe, die sich abgesprengt haben aus der gewöhnlichen Wahrnehmung - und denen ich nachlauschen muss, deren Möglichkeiten für Klang und Rhythmus, deren semantische Schichtungen ich geradezu erforschen will. Das stundenlange Horchen auf einen halben Satz, der auf dem Papier steht, das unermüdliche Lesen und Vorsprechen, um dann, endlich, nach ein paar Stunden oder auch erst nach ein paar Tagen, vielleicht zwei, drei neue Wörter hinzuschreiben. Leseprobe

Lyrik kann die Wahrnehmung vertiefen

Allein dieser Abschnitt macht klar, warum Lyrik-Produktion mühsam sein kann, Aufwand und Ertrag sich nicht mit modernen Effizienz-Kriterien messen lassen. Aber auch, welche Kraft ein gutes Gedicht am Ende haben kann und welches Glück es bedeutet, Worte zu verdichten, der Sprache neue Ebenen, vertiefte Wahrnehmung abgerungen zu haben.

Der Autor glaubt: "Was ein Gedicht zeigen kann, ist, wie Sprache unseren Blick, unsere gesamte Wahrnehmung leitet. Ein gutes Gedicht lässt mich die Sprache mit ihrem Bedeutungsfächer und ihrem Rhythmus und ihrem Klang spüren und lässt mich zugleich die Wahrnehmung mit all ihren Perspektiven erleben."

Der Autor liefert indirekt eine Anleitung, wie Lyrik zu lesen ist

Bleutge nennt Namen wie Ernst Jandl, Elke Erb, Inger Christensen oder Barbara Köhler, deren Schreiben er intensiv erforscht, ja geradezu erfühlt. Marcel Beyer, Gunnar Ekelöf, Zsuzsanna Gahse; die Liste ihm wichtiger Namen ist lang.

Er grübelt über tote Fliegen auf dem heimischen Fensterbrett wie über Fliegen-Zeichnungen des niederländischen Malers Jacques de Gheyn - und liefert mit der Beschreibung dieser Kunstwerke indirekt eine Anleitung, wie Lyrik zu lesen ist.

Zeichnungen oder eben Gedichte verlangen den genauen Blick, sie verlangen Nähe und die Geduld des Betrachters, er muss bereit sein, dicht an jedes einzelne Blatt heranzutreten und den oft zarten Strichen zu folgen, Szenerien erst nach mehrmaligem Eintauchen in die Welt des Bildes erfassen, beschreiben und deuten zu können. Leseprobe

Drei Fliegen. Über Gedichte

von
Seitenzahl:
372 Seiten
Genre:
Lyrik
Verlag:
C.H. Beck
Bestellnummer:
978-3-406-75533-0
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

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