Nick Hornby: "Just like you" © Kiepenheuer & Witsch

Nick Hornby über Liebe in Zeiten des Brexit: "Just like you"

Stand: 04.11.2020 15:09 Uhr

Der Londoner Autor Nick Hornby gilt seit seinen ersten beiden Romanen als Kultautor - ein Begriff, der gern inflationär und voreilig benutzt wird, im Falle von Hornby aber zutrifft.

von Stefan Maelck

Sein erstes Buch "Fever Pitch" war ein Buch über Fußball, sein zweites, "High Fidelity", handelte vor allem von der Besessenheit durch Pop-und Rockmusik. Um Besessenheit geht es irgendwie immer in Hornbys Romanen. Der Autor ist gut darin, die Gegenwart aus der Perspektive von Popkultur abzubilden. Seine Kernkompetenz, auf den Punkt gebracht: Popmusik und Paarprobleme. Auch im neuesten Hornby-Roman geht es um ein Paar - und um den Brexit: "Just like you" heißt das Buch.

Kein schmalziger Liebesroman über ein ungleiches Paar

Man muss schon Hardcore-Nick-Hornby-Fan sein, wenn man seinen neuen Roman "Just Like you" nach der Klappentextlektüre noch ganz lesen möchte. Mal ehrlich: ungleiches Paar, sie 42, Lehrerin, weiß, Mittelklasse, verliebt sich in ihn, 22, Aushilfsmetzger, schwarz, Arbeiterklasse. Das klingt nach typischem "Nackenbeißer", diesem herrlich fiesen Begriff aus dem Buchhandel, der sich auf kitschige Liebesromane mit entsprechendem Buchcover bezieht.

Hornbys neuer Roman spielt 2016 in Nordlondon, der Brexit ist das bestimmende Konversationsthema - wie schon im Paar-Therapie-Vorgänger "Keiner hat gesagt, dass du gehen sollst". Im Fall von Lucy ist es für jede Therapie jedoch zu spät.

Alle schienen zu glauben, die Vergebung sei zum Greifen nah, gleich dort am Nebentisch, und sie müsse einfach nur aufstehen und den Hahn aufdrehen, aber Verderbtheit und Bitterkeit würden sie daran hindern. Sie war wütend, ja, aber es gab keinen Hahn zum Aufdrehen. Paul hatte ihr gesamtes Geld verschleudert. Paul hatte zu viele Geburtstage ruiniert. Paul hatte sie zu oft Schlampe und Miststück genannt. Paul hatte einen Deliveroo-Fahrer geschlagen und Kokain und Dealer in das Haus geholt, in dem seine Kinder lebten.

Ein Aushilfsmetzger als Babysitter

Lucy ist nicht verzweifelt, steht als Englisch-Lehrerin mitten im Leben, hat ein gutes Verhältnis zu ihre Söhnen Dylan und Al. Was Beziehungen angeht, lässt Lucy es ruhig angehen. Verabredet sich ab und an zu Blind Dates, die meistens katastrophal enden oder mit dem Schriftsteller Michael, der ihr alles bieten könnte, nur keine Liebe.

Für die wenigen Abende, an denen sie ausgeht, engagiert sie Joseph, den jungen Aushilfsmetzger als Babysitter. Die Jungs lieben ihn, weil er ihre Interessen - Fußball und Videospiele - teilt. Joseph hat das Studium abgebrochen, arbeitet in verschiedenen Jobs und träumt vom Durchbruch als DJ. So weit, so Hornby.

Dann verlieben sich Lucy und Joseph und Welten stoßen aufeinander. Beide haben unterschiedliche Hobbys und Freundeskreise. Um den anderen nicht zu überfordern schotten sie sich ab, verbringen die gemeinsame Zeit in Lucys Haus, erzählen niemandem von ihrer Beziehung. Lucys Söhne aber wissen schnell Bescheid, Josephs Mutter, die in Lucys Alter ist, auch.

 Zwei Welten treffen aufeinander

"Aber wohin soll das führen?", fragte seine Mutter. "Wohin soll denn irgendwas führen?", fragte Joseph. "Willst du denn keine dauerhaftere Beziehung?"
"Nein. Ich bin zweiundzwanzig. Ich will nicht heiraten. Ich will keine Kinder."
"Irgendwann bestimmt schon."
"Vielleicht. In zehn Jahren."
"Dann bin ich tot."
"Warum solltest du mit zweiundfünfzig tot sein?" Leseprobe

Genau darum liest man das, auch wenn Nick Hornby jetzt der Beziehungsonkel der altgewordenen Rock’n’Roller ist: Weil er großartig erzählen kann, weil man sich kaputtlacht über die mitunter absurden Dialoge, weil der Autor seine Figuren liebt, sie auch in ihren Defiziten und Schwächen beinah zärtlich und immer voller Verständnis beschreibt, etwa wenn Joseph zum ersten Mal im Leben ins Theater geht. 

In der Toilettenschlange betrachtete Lucy die Frauen vor ihr. Sie hatte das Gefühl, Joseph irgendwie mitgeteilt zu haben, dies hier sei ihre Bezugsgruppe, auch wenn er die Tickets gekauft hatte, und nun kamen ihr Zweifel, ob sie mit diesen Leuten tatsächlich etwas gemein hatte. Shakespeare natürlich - aber wie viele von ihnen liebten Shakespeare wirklich? Oder auch nur das Theater? Leseprobe

Der Roman überrascht mit einem unerwarteten Ende

Shakespeare als Rechtfertigung oder als Überlegenheit des Landes? Solche Gedanken hat Lucy wenn sie an den Brexit denkt und wenn sie versucht, aus Josephs Perspektive zu denken. Auch Joseph versucht den Perspektivwechsel, und genau darin liegt die Qualität dieser Beziehung. Beide schauen über den Horizont ihres Alters hinaus - und treffen doch auf die Grenzen des Altersunterschieds.

Lucy lag im Dunkeln und fragte sich, wie viele ihrer Freunde sie überhaupt mochte und wie viele sie noch immer mögen würde, wenn das mit dem Brexit und mit Joseph vorbei wäre. Leseprobe

Doch ist das Ende dieses Romans ganz anders als erwartet, denn Nick Hornby gibt der Sache nochmal einen ganz neuen Twist. Gut, gegen das Brexit-Ergebnis ist auch der Autor machtlos. Aber das ist nichts gegen das, was mit den Herzen seiner Figuren passiert.

Just like you

von Nick Hornby, aus dem Englischen von Stephan Kleiner
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-00039-9
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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