Stand: 14.02.2020 16:50 Uhr  - NDR 90,3

"Bildung - Eine Anleitung": Spaß an der Bildung

von Daniel Kaiser

Dieses Buch macht Lust auf Bildung. Jan Roß, Politikredakteur der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit", beschreibt anhand seiner eigenen Bildungsgeschichte die Freude und den Wert einer guten Bildung. Im flüssig und gut lesbaren Buch "Bildung - eine Anleitung" findet man ein starkes Plädoyer für die alten Griechen und Vorbehalte gegen das moderne Regietheater. NDR Redakteur Daniel Kaiser hat Jan Roß zum Interview getroffen.

Beim Buchtitel denkt man, da kommt ein Kanon, also eine Liste mit Büchern, die man gelesen haben muss. Und dann findet man etwas ganz anderes vor. Was wollen Sie mit diesem Buch denn 'anleiten'?

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Das Buch von Jan Roß ist am 28. Januar im Rowohlt Verlag erschienen und kostet 28,00 Euro (Hardcover).

Jan Roß: Das Buch soll schon einen gewissen praktischen Nutzen haben. Wenn man es gelesen hat, dann weiß man anschließend ein bisschen über ein paar wichtige Dinge: über die alten Griechen, die Bibel oder die neuere Literatur. Das Buch soll aber vor allem auch Freude auf die Sachen selbst machen. Es ist eben keine trockene Liste. Ich versuche auch, niemanden auf etwas zu verpflichten, sondern dem Leser etwas von meiner eigenen Freude an diesen Gegenständen mitzuteilen. Es hat mehr einen einladenden als einen Zeigefinger-Charakter.

Diese Leidenschaft spürt man sehr und man bekommt sofort Lust, Dinge und Bücher nachzulesen, besonders bei den alten Griechen. Können Sie noch den Anfang der "Odyssee" auf Griechisch auswendig?

Jan Roß: Ich glaube, ich könnte ihn noch auswendig. Ἄνδρα μοι ἔννεπε, Μοῦσα, πολύτροπον, ὃς μάλα πολλὰ πλάγχθη, ἐπεὶ Τροίης ἱερὸν πτολίεθρον ἔπερσε· ("Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung!") Das sind so Geräusche, die im Kopf bleiben wie das Meeresrauschen. Und das ist das Schöne an Bildung: Sie geht, wenn es gut funktioniert, ins Blut.

Aber muss man das wissen?

Jan Roß: Nein, man kann ganz andere Sachen wissen. Ich glaube, die Frage darf man nicht zu dogmatisch fassen. Ich habe fünf Jahre in Indien gelebt, da ist der kulturelle Kanon natürlich ein ganz anderer. Die haben auch ihre Epen, aber eben nicht Homer. Aber sie haben auch etwas, auf das sie sich beziehen, was sie begeistert, woran sie sich erinnern können und was für ihre gegenwärtige Kultur prägend ist. Es kommt mir nicht so sehr darauf an, dass es eine bestimmte Liste gibt, die man abarbeitet, sondern dass es überhaupt ein Bewusstsein von der Tiefe der Zeit gibt, davon, wo wir herkommen, dass da mehr ist als nur die Gegenwart. Das macht die Bildung.

Es gibt, salopp gesagt, eine Handvoll Geschichten, die sich seit der Antike immer wiederholen. Der Film "Apocalypse now" ist auch nur eine Variation von Joseph Conrads "Das Herz der Finsternis". Und auch "Der dritte Mann" spielt mit hinein. Was ist anders, wenn ich das beim Lesen und Fernsehgucken spüre?

Jan Roß: Ich würde sagen, es ist der Unterschied zwischen zwei- und dreidimensional. Oder vielleicht zwischen Schwarzweiß und Farbe. Die Geschichte ist dieselbe, aber wenn ich weiß, wo sie herkommt, wo der Regisseur seine Ideen hergenommen hat, kann ich anfangen zu vergleichen. Die Realität bekommt eine Dimension mehr. Es geht um unser Leben. Aber unser Leben bekommt etwas dazu.

Das Buchcover mit dem Titel "Bildung - eine Anleitung" von Jan Roß. © Rowohlt Verlag

Jan Roß: "Bildung - Eine Anleitung"

NDR 90,3 - Kulturjournal -

Von der Antike bis heute: In seinem neuen Buch macht Jan Roß - Politik-Redakteur der ZEIT - Lust, sich auf die großen Traditionen der Weltgeschichte einzulassen.

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Vor 100 Jahren begann nach der Revolution in Deutschland eine Bildungsoffensive - mit Einrichtungen wie der Volkshochschule oder der Volksbühne. Trotz dieser Bildungsoffensive endete die Weimarer Republik in Diktatur und Krieg. Auch gebildete Menschen können Faschisten sein und werden. Wie viel Kraft hat die Bildung da überhaupt?

Jan Roß: Natürlich kann Bildung einem kein moralisches Rückgrat verschaffen, wenn man keines hat. Ich schreibe in dem Buch auch, dass Bildung etwas Vorletztes ist. Es gibt Leute, die haben überhaupt nichts gelesen und sind wunderbare Menschen. Wobei Bildung vielleicht hilft, ist, den Horizont zu weiten. Ich glaube ja, dass die meisten schlechten Dinge, die Menschen begehen, nicht aus einer abgrundtiefen Schlechtigkeit geschehen, sondern aus einem Mangel an Fantasie und aus Unfähigkeit, sich in andere Lebensläufe hineinzuversetzen. Warum ist man Rassist? Doch nicht, weil man notwendigerweise ein schlechter Mensch ist, sondern weil man ein Brett vor dem Kopf hat. Bildung kann einem, wenn es gelingt, dieses Brett abnehmen. Das hat dann auch eine moralische und menschliche Qualität.

Wenn im Theater die Klassiker auf dem Spielplan stehen, erkennt man die manchmal nicht wieder, wenn es eine Regietheater-Inszenierung ist. Hilft Regietheater bei der Bildung?

Jan Roß: Natürlich habe ich Regietheater-Inszenierungen gesehen, die mich wahnsinnig beeindruckt haben. Als Prinzip finde ich es aber problematisch. Da ist so etwas Parasitäres im Spiel. Man setzt die Kenntnis des Klassikers voraus und macht dann seine Übungen daran. Das ist eigentlich eine ziemlich elitäre Geschichte. Denn das kann ja nur verstehen und goutieren, der den Urtext sehr gut kennt, also jemand, der seine ganze Bildung schon mitbringt. Wenn Theater und Film die Aufgabe haben, jemanden zum ersten Mal mit etwas in Verbindung zu bringen, geht das fehl und hat eher einen ausschließenden Charakter.

Es gibt keinen Kanon in Ihrem Buch, aber man bekommt durchaus Bücher ans Herz gelegt - wie "Sternstunden der Menschheit" von Stefan Zweig oder "Middelmarch" von George Eliot. Was wären für Sie zwei Bücher, die Sie mit auf diese berühmte einsame Insel nehmen würden?

Jan Roß: Ich muss hier eine konventionelle Antwort geben. Das eine wäre die Bibel und das andere wäre Homer, bei dem alles schon drinsteht: die Konflikte, die Humanität, der Krieg und die Liebe. Wenn Sie Homer und die Bibel nehmen, haben Sie die menschliche und die göttliche Welt - und beides zusammen ist dann so ziemlich alles.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 14.02.2020 | 19:00 Uhr

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