Buchcover: Monika Maron - Was ist eigentlich los? © Hoffmann und Campe Verlag

Monika Maron: Ausgewählte Essays aus vier Jahrzehnten

Stand: 04.05.2021 15:19 Uhr

"Was ist eigentlich los?" - so lautet der Titel des neuen Essaybandes von Monika Maron. Was steckt Spannendes, Kritisches, Zu-Kritisierendes oder vielleicht ja auch einfach nur Literarisches in Marons Essays?

Buchcover: Monika Maron - Was ist eigentlich los? © Hoffmann und Campe Verlag
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von Marie Schoeß

Über Monika Maron ist in den letzten Monaten viel gestritten worden: Zum einen, weil die einst linke Intellektuelle aus der DDR plötzlich Essays veröffentlichte, die immerhin eine Nähe zur Neuen Rechten vermuten ließen - es ging dabei vor allem um ihre Einstellung zum Islam in Deutschland und die "unaufhaltsame Völkerwanderung in Richtung Europa". Zum anderen geriet Monika Maron in den Fokus, weil der Fischer Verlag die Zusammenarbeit mit ihr nicht fortsetzte. Viele wollten darin ein Beispiel der Cancel Culture erkennen, nur sprang sofort der nicht minder renommierte Hoffmann und Campe Verlag ein, nahm Maron ins Programm auf und bringt nun ausgewählte Essays aus den vergangenen vier Jahrzehnten heraus.

Große Glaubwürdigkeit

Es lohnt sich nicht, mit Marons Blick auf den Islam zu beginnen - es lohnt sich nicht, weil der Essayband dem Thema keinen neuen Aspekt hinzufügt und weil die Problematik von Marons Thesen schon so oft herausgestellt wurde. Was sich lohnt, ist ein Blick auf das, was all diese Essays belebt und in ihnen eine immer neue Gestalt annimmt: das Ich.

Es war die Erfahrung mit seinen beiden Teilen, die mir Deutschland zum Problem werden ließ. Leseprobe

Das schreibt Monika Maron 1989, und bereitwillig folgt man dem "Ich", weil in ihm eine große Glaubwürdigkeit steckt. Wenn Maron hier die "Selbstgerechtigkeit der Westdeutschen" und die "Ohnmacht der Ostdeutschen" feststellt, ist das Urteil keines aus abgeklärter Distanz. Das Ich kennt Ost und West aus eigener Erfahrung: Das eigene Leben konstituiert sich zwischen Ost und West, und dieses Leben wiederum bürgt für die Unbedingtheit des literarischen und essayistischen Schreibens.

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"Bin ich vielleicht verrückt geworden?"

Keine zehn Jahre, bevor dieser Essay erscheint - das erzählt Monika Maron in nüchternem Ton -, distanziert sich die Mutter Hella von ihr. 1981 ist das, Marons erster, kritischer Roman erscheint im westdeutschen Fischer Verlag, während er zu Hause, in der DDR, verboten ist:

1982 entschloss sich Hella, nachdem wir uns ein Jahr nicht gesehen hatten, den Kontakt zu mir wiederaufzunehmen und die Gebote ihrer Partei unserer Beziehung unterzuordnen. Der Anspruch, ihrer Idee treu zu bleiben, auch mit der Konsequenz, die eigene Tochter zu verlieren, hatte sie krank werden lassen. Leseprobe

Der Leser muss in diesem Essay nicht die Meinungen der Autorin teilen, aber er kann sich der Verbindlichkeit des Ichs kaum entziehen. Genau das fällt auf, wenn man zu einem Text vordringt, den Maron 2013 veröffentlicht und der im Untertitel fragt: "Bin ich vielleicht verrückt geworden?". Anlass für die Frage ist Marons Zeitungslektüre, bei der die Autorin immer häufiger das Gefühl überkommt, im Irrenhaus zu leben. Zeitungen lieferten aktuell schließlich - so Marons These - eher Glaubensbekenntnisse als kontroverse Diskussionen:

Aber wer wie ich, ehe er in diesen wichtigen Angelegenheiten ein Glaubensbekenntnis ablegt, darüber nachdenken oder sogar darüber diskutieren will, gerät in Verdacht, ein Leugner zu sein, und ein Leugner ist genauso schlimm wie ein Phobiker. Ich bin also verrückt, krank, leide an Transzendenzmangel und gehöre gelegentlich auch zu den Leugnern. Leseprobe

Das "Ich" wird in diesem Text zur Geste, zum rhetorischen Mittel: Es weiß längst, was die anderen - die Zeitungen, die Meinungsmacher, die sogenannten Linken - in ihm erkennen. Kurz macht es sich die fremde Diagnose zu eigen, aber nur, um sie damit umso entscheidender zurückzuweisen.

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Die einen Essays sind reizvoll - die anderen nicht

Für einen Leser aber läge das Aufregende nicht im zynischen Spiel mit der ersten Person, sondern im ernsthaften Fragen, warum die Fremdwahrnehmung und die Eigenwahrnehmung so auseinandergehen, im unbedingten Verstehen-Wollen, was beide - die Anderen, aber eben auch das Ich - damit zu tun haben.

Und genau das ist es, was die einen Essays von Maron reizvoll macht und die anderen nicht: Stellt das Ich bloß eine Frage oder gewinnt die Frage so ein Gewicht, dass es das Ich selbst verunsichert? Ein Beispiel: Warum fragt sich das Ich beim Anblick einer muslimischen Frau mit Kopftuch zwar:

"Was willst du mir damit sagen? Dass du anders bist als ich? Dass du besser bist als ich?" Leseprobe

Aber nicht: Warum glaube ich überhaupt, dass diese Frau mir irgendwas sagen will? Warum erspürt das Ich - anderes Beispiel - sehr genau, wie viel Verachtung in der Rede von "Abgehängten" steckt, lässt sich durch diese Erkenntnis aber nicht eine Spur verunsichern in der Haltung, dass es absurd sei, auf Gendergerechtigkeit zu achten oder auf Begriffe wie 'Zigeuner' zu verzichten, weil auch sie verletzend sind?

Was ist eigentlich los mit Monika Maron?

Dass Maron nicht immer die gleiche Konsequenz in ihren Essays an den Tag legt, muss den Leser aber nicht aufhalten - denn natürlich erwischt sich auch das lesende Ich immer wieder dabei, manche Kritik von Maron ernsthaft auf sich zu beziehen und andere aus Bequemlichkeit rhetorisch wegzuwischen. Das zu beobachten ist mindestens genauso aufschlussreich, wie sich - auf ein Neues, aber mit bereits bekannten Essays - zu fragen: Was ist eigentlich los mit Monika Maron?

Was ist eigentlich los?

von Monika Maron
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hoffmann und Campe
Veröffentlichungsdatum:
5. Mai 2021
Bestellnummer:
9783455011630
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 05.05.2021 | 12:40 Uhr

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