Tobias Reußwig hat den Literaturpreis Mecklenburg-Vorpommern gewonnen. © Caroline Barth Foto: Caroline Barth

Neubrandenburg: Tobias Reußwig gewinnt Literaturpreis MV

Stand: 24.10.2020 10:48 Uhr

Tobias Reußwig ist der Hauptgewinner des diesjährigen Literaturpreises Mecklenburg-Vorpommern. Der 31-Jährige setzte sich am Freitagabend in Neubrandenburg gegen fünf weitere Finalisten durch.

von Kathrin Matern

Reußwig überzeugte mit seinem Gedichtzyklus "Der Körper lügt". Jurymitglied und NDR-Literaturredakteurin Anke Jahns beschrieb das Werk als eine Art literarischen Breakdance - kreative Sprache gepaart mit inhaltlicher Tiefe. Auch nach dem zehnten Mal lesen würde sich noch Neues entdecken lassen. Reußwig gewann ein einmonatiges Stipendium im Künstlerhaus Lukas in Ahrenshoop und 3.000 Euro Preisgeld. Der Autor stammt aus Hagen in Nordrhein-Westfalen und arbeitet seit mehreren Jahren in Greifswald. Ein biografischer Bezug zu Mecklenburg-Vorpommern ist Grundvoraussetzung um am Wettbewerb teilnehmen zu können.

Preisverleihung unter strengen Hygieneauflagen

Latücht-Kino © dpa-Bildfunk Foto: Stefan Sauer
Der Literaturpreis MV wurde in der Neubrandenburger Kino-Kirche Latücht verliehen.

Seit 2016 wird der Literaturpreis Mecklenburg-Vorpommern verliehen. In diesem Jahr sind starke Manuskripte eingereicht worden, die den Jury-Mitgliedern die Auswahl nicht ganz leicht gemacht haben. Das Finale fand unter strengen Hygieneauflagen statt. 32 Menschen durften sich im Großen Saal des Neubrandenburger Kinos "Latücht" einfinden. Aufgebaut waren sechs Mikrofone, mehrere Kameras und eine große Leinwand - denn das Finale des Literaturpreises Mecklenburg-Vorpommern wurde online gestreamt.

Finale: Eine Stunde reine Lesezeit

Die Szenerie erinnert ein bisschen an den Bachmann-Preis. "Jeder Teilnehmer, jede Teilnehmerin hat zehn Minuten Lesezeit", erklärt Ulrika Rinke vom Literaturhaus Rostock. Das entspreche nicht ganz der Textlänge, weshalb die Autoren zum Teil hätten kürzen müssen. "Wir wollen, dass alle an diesem Tag lesen - insgesamt haben wir ungefähr eine Stunde Lesezeit." Wie beim Bachmann-Preis könne auch hier das Publikum eine Stimme für den Publikumspreis abgeben.

Kontroverse Diskussionen in der Jury

In diesem Jahr wurden mehr als einhundert Texte eingereicht. Vier Autorinnen und zwei Autoren hatten es ins Finale geschafft. NDR-Literaturredakteurin Anke Jahns hat als Jury-Mitglied alle Texte gelesen. "Wir haben uns so in die Haare gekriegt und extrem gestritten. Jeder von uns in der Jury hatte natürlich seine subjektive Sicht", schildert sie. "Diana Stübs als Lektorin hat natürlich auch auf die merkantile Seite geschaut: Kann man daraus ein Buch machen? Thomas Kunst als Schriftsteller und ich als Literaturredakteurin, wir haben einfach subjektiv entschieden, was uns gefällt."

Völlig verschiedene Biografien

Ins Rennen um den Hauptpreis und die drei Publikumspreise gingen neben Tobias Reußwig Louise Gold, Nina Pohl, Theresa Steigleder, Peter Thiers und Anke Bastrop. Alle Teilnehmenden haben einen biografischen Bezug zu Mecklenburg-Vorpommern. Entweder leben sie im Land oder sind dort aufgewachsen. Die Arbeits-Biografien der sechs Finalisten sind sehr verschieden. Anke Bastrop ist gelernte Buchhändlerin, Louise Gold Musikerin, Peter Thiers studierter Dramaturg.

Unkonventionelle Erzählweisen

Was die Jury am meisten überrascht hat: Dass viele Autorinnen konventionelle Erzählweisen verlassen haben. "Es sind Mischformen entstanden, wo man gar nicht mehr sagen kann, ob das lyrische Prosa ist oder nicht", sagt Anke Jahns. "Es entwickelt einen Sog und hat verschiedene Macharten zur Grundlage. Und ich glaube, das liegt auch an den Lebensentwürfen und auch daran, dass heute nicht mehr so ganz klar ist: Verwirkliche ich mich mit Schreiben oder mache ich einen Podcast, bin ich auf einer Bühne aktiv, bin ich Dramaturg? Es sind Mischformen entstanden, die das Leben widerspiegeln."

Mit dem Literaturpreis Mecklenburg-Vorpommern, der vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur sowie einem privaten Sponsor gestiftet wird, ist seit 2016 neben dem Johnson-, dem Fritz-Reuter-Literaturpreis sowie dem Annalise-Wagner-Preis eine weitere Auszeichnung im Land etabliert, die vor allem Schreibende unterstützen soll, die noch nicht bei größeren Verlagen auf der Agenda stehen.

Texte werden in einer Anthologie veröffentlicht

"Es gibt keine großen Verlagsstädte wie Hamburg, München, Berlin bei uns im näheren Umfeld, und trotzdem Menschen, die hier schreiben", sagt Ulrika Rinke vom Literaturhaus Rostock. "Sie haben es verdient, dass eine größere literarische Öffentlichkeit sie wahrnimmt." Die Texte der Finalistinnen und Finalisten werden in einer Anthologie im Rostocker Hinstorff-Verlag publiziert.   

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 24.10.2020 | 10:00 Uhr

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