Stand: 01.09.2020 13:39 Uhr

Familienroman aus den USA von Nell Zink

von Juliane Bergmann

Seit zwanzig Jahren lebt die 1964 in Kalifornien geborene Nell Zink in Deutschland, seit sieben Jahren in Bad Belzig. Aus der brandenburgischen Kleinstadt blickt sie immer wieder schreibend auf ihre alte Heimat, die USA. In ihrem neuen Roman "Das Hohe Lied" erlebt eine Familie die politischen Turbulenzen im Amerika der vergangenen Jahrzehnte.

Nein, Pam ist keine Frau der großen Umschweife: "Ich sage immer: Wenn schon scheiße, dann wenigstens laut."

Das Leben dreier Freunde in New York

Cover des Buchs "Das hohe Lied" von Nell Zink © Rowohlt
"Das Hohe Lied" ist ein epischer Familienroman und gleichzeitig ein Gesellschaftsporträt der USA heute.

Ihr zynischer Kommentar beim Schwadronieren übers Musikmachen - und in Nell Zinks neuem Roman ist dies der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Drei Gleichgesinnte - Joe, Daniel und eben Pam - versuchen, im New York der 90er-Jahre als Punk-Rock-Band groß rauszukommen. Zwischen Daniel und Pam beginnt es derweil zu knistern.

Pam öffnete ein neues Kapitel seines Lebens. Während die anderen, abgeschlossenen Affären aus der Kanalisation seines Verstandes zu kommen schienen wie aus der Toilette krabbelnde Kakerlaken, schwebte Pam von oben herab, mit allem, was ihm lieb und wichtig war: Schönheit, Kunst, Musik, Cyberpunk, die Lower East Side. Sie zu küssen war das Wichtigste. Von jetzt an waren die Bandproben interessant. Leseprobe

Drei schräge Charaktere, die einem sofort sympathisch sind. Als Band sind sie grottenschlecht. Das leuchtet zumindest Pam und Daniel schnell ein. Deshalb unterstützen sie schon bald Joe bei seiner Solo-Karriere - der ist nämlich musikalisch äußerst talentiert.

An Tagen, an denen er kein neues Lied hörte, das ihm gefiel, schrieb er ein eigenes. Leseprobe

Nell Zink spannt ihren Drei-Generationen-Roman über fünf Jahrzehnte

Detailliert und fernab von Klischees zeichnet die Autorin ihre Figuren: den geräuschempfindlichen Punk-Rocker, die rebellische Programmiererin, den überraschend loyalen Liebhaber.

Sie erlaubt sich seitenweise Anekdoten und Rückblicke, die deren Macken nachvollziehbar und liebenswert machen. Etliche Geschichten innerhalb der Geschichte sozusagen: ein bisschen Punk-Nostalgie - inklusive Kritik an der Musikbranchen-Maschinerie -, ein bisschen Familien-Drama, politische Chronik, am Ende auch noch etwas Sex.

Grundsätzlich erzählt Nell Zink mit Drive, nur wenige Passagen geraten etwas zäh, wenn sie zum Beispiel Pams Datenbanken bis ins Kleinste erklärt. Tatsächlich landet Joe einen Hit. Pam und Daniel bekommen ein gemeinsames Kind: Flora. Dann werden sie von den Ereignissen des 11. September 2001 überrumpelt. Ganz New York ist traumatisiert.

Der Anschlag auf das WTC markiert einen Wendepunkt

"Als Wrack fiel man in diesen Tagen nicht auf. Alle waren emotional angegriffen und kontaktbereit. Alle waren verletzlich und verletzt. Die Luft in New York war voller Rauch und Liebe." Leseprobe

Der Tag markiert er für sie alle einen Wendepunkt. Pam und Daniel werfen alte Überzeugungen über Bord: Spießertum statt Punk-Rock. Flora wächst bei den Großeltern auf. Joe, wenngleich kilometerweit weg von den einstürzenden Türmen, überlebt den Tag nicht.

Erfrischende Sprache mit leichten Längen

Nell Zinks Sprache ist erfrischend unaufgeregt und klar, dennoch feinsinnig. So ist der verstorbene Joe "unbegreiflich geworden", der Chef lädt ein zum "Vier-Uhr-Wodka" und in Zeiten, in denen Trump inzwischen US-amerikanischer Präsident ist, schlussfolgert ein Politik-Stratege der Demokraten: "Die Stadt steht bis zu den Knien in ungetrunkenem Champagner."

Am Beispiel einer Familie zeigt Nell Zink lebendig, wie äußere Umstände - Politik, Wirtschaft, Populär-Kultur - uns prägen. Wie wir die werden, die wir sind - und wieso es meistens doch nicht klappt mit dem Vorsatz: Nie so werden wollen wie die eigenen Eltern. "Das hohe Lied" ist ein kluges Buch, dem man seine kleinen Umwege und Langatmigkeiten gern verzeiht.

Das Hohe Lied

von
Seitenzahl:
512 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-07671-9
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 02.09.2020 | 12:40 Uhr

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