Stand: 17.04.2019 12:40 Uhr

"Virginia": schwarz, mittellos und auf der Flucht

Virginia
von Nell Zink
Vorgestellt von Stefan Maelck
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Die US-Amerikanerin Nell Zink veröffentlichte 2014 im Alter von 50 Jahren ihren ersten Roman. "Virginia" ist bereits das dritte Buch, das ins Deutsche übersetzt wurde.

Nell Zinks Debütroman "Der Mauerläufer" schaffte es 2014 auf die Liste der 100 bemerkenswertesten Bücher der New York Times. Die deutsche Übersetzung fand auch in Deutschland seine Leser. Dennoch wurde ihr zweiter Roman "Mislaid", der 2015 in den USA erschien und sogar auf der Longlist für den National Book Award stand, zunächst nicht ins Deutsche übersetzt. Jetzt erscheint im Rowohlt Verlag endlich eine deutsche Übersetzung.

Stillwater ist ein Mädchencollege in der Nähe von Petersburg und ein Mekka für Lesben. Peggy Vallaincourt ist lesbisch. Sie wurde 1948 in der Nähe von Richmond, Virginia, geboren und wollte schon immer in Stillwater studieren. Der Star in Stillwater ist Lee Fleming ein schwuler Dichter, der aus gutem Hause stammt und dessen Familie glaubt, er ziehe deren Ruf in den Schmutz.

Lee meinte es ernst mit der Dichtung. Er glaubte, dass alle für sie wichtigen Dinge in den Sechzigern in Amerika stattfanden. Er war davon überzeugt und konnte es erklären. John Ashbery, Howard Nemerov und sein Favorit: Robert Penn Warren. Dann die Beats. Er hatte sie alle in New York kennengelernt, und sie alle hatten eine Schwäche für attraktive Südstaatler, die Ländereien besaßen. Leseprobe

Liebesromanze zwischen lesbischer Studentin und schwulem Professor

Peggy verliebt sich in ihren Poetry-Professor Lee Fleming. Im Original heißt der Roman "Mislaid", was auf Deutsch verlegt bedeutet. Aber wenn man es auf to get laid bezieht, also mit jemandem Sex haben, dann wäre Mislaid der Sex, der fälschlicherweise passiert.

Sie war androgyn wie die Jungen, die er mochte, aber nun fing er an zu überlegen, ob er wirklich Jungs mochte oder nur die falschen Mädchen kennengelernt hatte. Peggy fühlte sich von Gottes Hand gehalten. Nicht, weil er ein berühmter Dichter war und der angesehenste Lehrer am College, sondern weil er ein Mann war, und dazu ein körperlich kräftiger. In all ihren Phantasien war sie der Mann gewesen, der irgendeine flehende Liebhaberin beglücken musste. Aber jetzt war jemand freiwillig bereit, ihre Wünsche zu bedienen. Das hatte sie nicht erwartet, niemals. Leseprobe

Starke Charaktere, unbändiger Humor

Wer die großen College-Romane von Tom Wolfe, Jeffrey Eugenides oder Donna Tartt liebt, fühlt sich in diesem Text gleich zu Hause, und doch geht Nell Zink einen Schritt weiter. Mit unbändigem Humor und analytischer Fähigkeit durchleuchtet sie die Figuren sofort bis auf die Knochen. Zink schreibt ökonomisch, kommt schnell zum Punkt. Peggy und Lee heiraten und bekommen Sohn Byrdie und Tochter Mickie und die Beziehung stellt sich als Irrtum heraus.

Er hatte nicht damit gerechnet, jemals zu heiraten, aber er fühlte sich der Aufgabe gewachsen. Der Gedanke an eine Vaterschaft überraschte ihn angenehm. Und als Mann ging er nicht davon aus, dass unangenehme Pflichten auf ihn zukämen. Er würde dafür zuständig sein, das Kind in der Kunst des Gesprächs zu unterrichten, wenn es erst einmal im Teenageralter war. Leseprobe

Peggy und Mickie fliehen nach Virginia

Lee betrügt Peggy, wo er kann und Peggy hat keine Lust, die betrogene Professoren-Gattin zu spielen. Sie flieht mit Tochter Mickie nach Virginia, weil das Leben mit Lee so trostlos ist. Sie verwischt ihre Spuren, denn Lee lässt sie mit Haftbefehl suchen. Tochter Mickie bekommt sogar durch die Geburtsurkunde des gestorbenen schwarzen Mädchens Karen Brown eine neue Identität. Sohn Byrdie verweigert jedoch die Flucht, bleibt bei Lee und wird von babysittenden Studentinnen wie ein Staffelstab weitergegeben.

Im nächsten Jahr war Karen blond, vier Jahre alt und ging auf die fünf zu. Trotzdem war es kinderleicht, sie als schwarze Sechsjährige für die erste Klasse anzumelden. Vielleicht muss man aus dem Süden stammen, um zu begreifen, was blonde Schwarze sind. Virginia war besiedelt, bevor die Sklaverei begann, und es war bunt. Leseprobe

So lernen Peggy und Mickie, schwarz und mittellos, ein neues Leben kennen, das mit Stillwater und Dichtung nichts mehr zu tun hat. Nell Zink diskutiert Rasse, Klasse und Geschlecht mit einem ganz eigenen, provokativen, polarisierenden und manchmal polternden Ton. Man hält den Atem an bei dieser Lektüre, lacht sich schlapp und ist manchmal gerührt und den Tränen nahe. Das Ende ist absolut überraschend.

Virginia

von
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Englischen von Michael Kellner
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-07672-6
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 18.04.2019 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Nell-Zink-Virginia,virginia170.html

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