Stand: 29.06.2020 12:40 Uhr  - NDR Kultur

Ida und die Schatten ihrer Vergangenheit

Der Morgen, an dem mein Vater aufstand und verschwand
von Nadia Terranova, aus dem Italienischen von Esther Hansen
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg

Im Aufbau Verlag ist in diesem Sommer eine italienische Autorin zu entdecken, die beeindruckend schreibt: Nadia Terranova. Geboren ist sie 1978 in Messina, der Hafenstadt im Nordosten von Sizilien. Dort spielt auch ihr erster, auf Deutsch erscheinender Roman: "Der Morgen, an dem mein Vater aufstand und verschwand."

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"Der Morgen, an dem mein Vater aufstand und verschwand": Der erste auf Deutsch erschienene Roman von Nadia Terranova.

Eine junge Frau wird nach Hause, nach Messina, beordert. Die Mutter will die Wohnung verkaufen und Ida soll entscheiden, welche Dinge sie behalten will und welche weggeworfen werden sollen. Sie übernachtet in ihrem alten Kinderzimmer:

"Ich bin eine erwachsene Frau, eingezwängt in der Finsternis zwischen den Puppen ihrer Kindheit. Andere Familien würden höchstens eine Puppe aufbewahren, in meinem Zuhause entschied man sich, alle zu behalten … Die Wohnungen meiner Schulkameraden waren so leicht, dass ich beim Eintreten das Gefühl hatte, sie höben gleich vom Boden ab; ihre Eigentümer waren frei, sie jederzeit zu verlassen, während meine Mutter und ich uns nur mühsam durch unser Zuhause schleppten, wie festgekettet an den Dingen, die wir nicht fortwarfen. Wie bewahren alles auf, nicht nur, um der Vergangenheit zu gedenken, sondern um die Zukunft gnädig zu stimmen." Leseprobe

Als Ida 13 Jahre alt war, stand ihr Vater, der vorher wochenlang mit einer schweren Depression zu Hause im Bett gelegen hatte, auf und ging für immer weg. Wer es nicht selbst erlebt hat, kann sich den seltsamen, tiefen Schmerz vermutlich kaum vorstellen: Was es für eine Familie bedeutet, wenn sie nicht weiß, ob der verschwundene, geliebte Mensch noch lebt oder ob man ihn beerdigen und von ihm Abschied nehmen kann? Ida jedenfalls wird nicht damit fertig, ihre Wunde heilt nicht. Auch das Verhältnis zur Mutter ist angespannt und kühl, weil man in dieser Familie einfach nie miteinander gesprochen hat und Ida nichts darüber weiß, ob ihre Mutter den Vater hätte retten können und warum sie ihre Tochter in den Wochen, als es ihm so schlecht ging, allein zu Hause gelassen hat, um zur Arbeit zu gehen.

Eine Geschichte, teils schwer und depressiv

In den Jahren nach seinem Verschwinden hat Ida mehr und mehr Fantasiebereiche im eigenen Kopf entwickelt, Gedankenräume, in denen sie den Vater trifft. Aber oft kann sie schlicht ihre eigenen Gedanken kaum aushalten. Manchmal, so fühlt es sich beim Lesen an, möchte diese Frau Ruhe von sich selbst. Sie geht hart mit sich zu Gericht, hat einen unerbittlichen Blick auch auf ihre inzwischen eigene Ehe, auf Menschen, denen sie begegnet und die Mutter, der sie nichts verzeihen kann. Sie empfindet sich genau umgekehrt als Opfer der Mutter:

"… ich war die Zielscheibe ihrer Wut, aber nicht die Ursache, weshalb meine Versuche, sie zu besänftigen, immer ins Leere laufen mussten … am Ende liefe jede Kriegslist ins Leere und wir stünden uns einsam gegenüber. An ihren Mauern zerschellten meine Versäumnisse." Leseprobe

Suche nach dem inneren Frieden

Nadia Terranova hat die Gabe, intimste Vorgänge mit einer absolut ungewöhnlichen Präzision zu beschreiben. Die Sprache, die sie dafür findet, hat Esther Hansen in ein wunderbar rhythmisches Deutsch übertragen. Der Text ist voller außergewöhnlicher, oft harter, mit heiserer Stimme gehauchter Beobachtungen und zarter Poesie zugleich. Auch an einigen Ungereimtheiten merkt man, wie trügerisch Erinnerungen sind, sie verändern sich ständig weiter. Dieser Roman ist wie eine resolut verfolgte Suche nach innerem Frieden, für den man jeden Winkel der Seele einmal umstülpen und ausschütteln muss.

Der Morgen, an dem mein Vater aufstand und verschwand

von
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Aufbau Verlag
Bestellnummer:
978-3-351-03484-9
Preis:
20,00 €

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