Stand: 17.07.2020 06:00 Uhr

NDR Buch des Monats: "Das Meer in meinem Zimmer"

von Peter Helling

Nordsee, Watt, Möwen und ringsum nur Horizont: Für viele ist das Watt das Sehnsuchtsziel überhaupt. Aber es kann auch unheimlich werden, das beweist Jana Scheerer in ihrem neuen Roman "Das Meer in meinem Zimmer" - das NDR Buch des Monats Juli.

Pax Jellerich ist tot, mit gerade mal 53 Jahren, Leukämie. Jolanda, seine 18-jährige Tochter, kann es nicht fassen. Ihrer Mutter verspricht sie, noch einmal ins Krankenhaus zu fahren.

VIDEO: Jana Scheerer: "Das Meer in meinem Zimmer" (6 Min)

Guten Tag, Jolanda Jellerich mein Name, ist mein Vater heute Morgen hier gestorben? Nein, so kann ich es nicht sagen. Den Wagen anlassen, vorsichtig von der Fähre abfahren, über diese holprige Schwelle zwischen Meer und Land, und noch mal nachdenken. Leseprobe

Die Familie lebt auf einer Nordseeinsel: Vater Pax, Mutter Constanze, Tochter Jolanda und ihre zehn Jahre jüngere Schwester Lilli. Den Tod von Pax will keine wahrhaben: Aber, das wird bald klar, es ist nicht nur Liebe.

Dass er uns ein Leben lang terrorisiert hat mit seinen Verrücktheiten, seiner Lethargie und seinen Wutanfällen. Dass wir zum Schluss nicht mehr wussten, wie wir seine Pflege bewältigen sollten. Dass wir jetzt frei sind. Leseprobe

"Das Meer in meinem Zimmer": Abschied und Erwachen

Jana Scheerers Roman ist die Geschichte eines Abschieds und eines Erwachens: Jolanda ist die Ich-Erzählerin des spannenden und gar nicht idyllischen Watt-Romans. Sie steckt mitten im Abitur, die "Nulltagfeier" steht an, eine Abi-Feier, bei der sich alle verkleiden und Mist bauen und über die Stränge schlagen. Jolanda geht als einer der sieben Zwerge mit angepapptem Bart.

In der gläsernen Krankenhausdrehtür begrüßt mich meine Reflexion: ein transparenter Gartenzwerg mit einem Zeichenblock unterm Arm, ein lebensgroßes buntes Fensterbild, das kein Lächeln zustande bringt. Eine Fehlproduktion. Leseprobe

Der Tod ihres Vaters bringt ihre ganze Welt ins Wanken. Eigentlich hatte sie ihm versprochen, ihn zu zeichnen, sogar noch als Verstorbenen, die Zeichnungen sollten, das war Pax‘ Plan, ihr sicheres Ticket auf eine Kunsthochschule sein.

Vater Pax zwischen Jähzorn und Selbstmitleid

Der arbeitslose Kunstlehrer Pax hatte eine Obsession. Er kaufte sich auf der Insel eine aufgelassene Pension, malte täuschend echte Meereswellen auf den Fußboden, im Watt suchte er nach einem vor 100 Jahren untergegangen Wrack, nach dem er seine Tochter genannt hat: Jolande.

Er suchte sie, weil der Schlickmergel in ihr wohnte. Pax suchte den Sturm. Leseprobe

Der Schlickmergel, ein Wattgeist, der dem psychisch kranken Pax keine Ruhe lässt. Pax hatte keinen Frieden. Ein jähzorniger, gewaltbereiter Mensch, der eine Sekunde nach einem Ausbruch wie ein Schlosshund heulen konnte. Die Familie musste spuren.

Kein Nordsee-Idyll

Jana Scheerer zeichnet in "Das Meer in meinem Zimmer" kein Nordsee-Idyll: Sie lässt Jolanda immer wieder in ihre eigene Kindheit zurückgehen, lässt sie Erinnerungen ausgraben wie alte Fundstücke im Schlick. Das Watt scheint wie eine bedrohliche und wüstenhafte Grenze. Der gleißende Himmel über den Wattwiesen wirkt wie eine Glaskuppel. Jolanda will endlich raus.

Kurze Szenen, knappe Sätze: Mit trockenem Humor zeichnet Jana Scheerer eine Familie am Scheidepunkt.

Wo habe ich Pax’ Brille? Ich muss sie Constanze zeigen, sie ist der Beweis, wenn sie die Brille sieht, wird sie mir glauben, wenn ich nur die Brille ... Leseprobe

Es sind poetische Momente wie diese, in denen "Das Meer in meinem Zimmer" zu glänzen beginnt: Wenn die kleine Jolanda in der Rückschau etwa der russischen Prostituierten hinterherradelt, mit der Pax eine Affäre hatte. Ihre Strass-Steinchen im Fingernagellack glitzern verheißungsvoll.

Der Roman liest sich wie ein unsicherer Gang durch den Schlick: einsinken jederzeit möglich. Jolanda sucht ihr eigenes Bild und kann es nicht finden. Man hört sie denken, sprechen, fühlen: Diese beim Lesen entstehende Nähe ist der Kompass, der einen durch dieses Buch führt. Wie durchs Watt, bevor die Flut kommt.

Vielleicht ist es besser, wie eine Hallig zu leben: Einen Bereich festzulegen, der überschwemmt werden kann von Zeit zu Zeit. Solange man eine Warft hat, auf die man sich zurückziehen kann, geht das. Man sieht das Meer. Und man braucht keine Angst zu haben vor dem Deichbruch.

Das Meer in meinem Zimmer

von Jana Scheerer
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Schöffling
Bestellnummer:
978-3-89561-352-4
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 17.07.2020 | 06:40 Uhr

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