Stand: 26.06.2019 18:19 Uhr

Mutter-Töchter-Buch schreibt Migrationsgeschichte

Mama Superstar
von Manik Chander und Melisa Manrique
Vorgestellt von Eva Steinlein

Frauen mit einer Einwanderungsgeschichte sind von ihren Familien abhängig, dürfen das Haus nicht verlassen und lernen nur schwer Deutsch? Von wegen. Manik Chander und Melisa Manrique, deren Mütter aus Indien und Peru stammen, zeigen in ihrem Buch "Mama Superstar" das Gegenteil. Sie erzählen elf Biografien von Frauen und ihren Müttern, die sich in Deutschland nicht unterkriegen ließen.

Die 15 Minuten zur Schule in Rom erschienen Melisa wie eine Ewigkeit. Sie war neun Jahre alt, als sie begann, allein zur Schule zu gehen und ihre Mama Niceta versuchte, Melisa Mut zu machen: "Als ich in deinem Alter war, brachte ich die Schafe aus dem Dorf Cayak alleine zum Grasen in die peruanischen Berge. Es ging immer alles gut, mach dir keine Sorgen." Als Melisa diese Geschichte zum ersten Mal hörte, war sie neun Jahre alt und ihr blieb der Mund offen stehen. "Meine Mama ist eine Superheldin", dachte sie.

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Melisa Manrique (l.) und Manik Chander sind die Initiatorinnen des Buches "Mama Superstar".

Es ist ihre eigene Geschichte, die Melisa Manrique da vorliest - aufgeschrieben für das Buch "Mama Superstar", das sie gemeinsam mit Co-Autorin Manik Chander verfasst hat. In elf Kapiteln erzählen sie die Biografien von elf Frauen, die nach Deutschland eingewandert sind - aus der Sicht ihrer Töchter und voller Bewunderung für die Lebensleistung ihrer Mütter. Kennengelernt haben die beiden Autorinnen sich im Auslandssemester in Indien. Was sie verband, war die Migrationsgeschichte ihrer Mütter, erzählt Manrique: "Wir haben auf Englisch miteinander gesprochen, deswegen fiel der Satz: 'My migrant mama is much cooler than yours!'. Und wir haben verschiedene Beispiele genannt, so wie: 'Meine Mama hat zehn Stunden pro Tag gearbeitet - Naja, meine hat auf jeden Fall zwölf Stunden pro Tag gearbeitet! Meine ist viel cooler als deine!' So haben wir angefangen."

Ein Buch voller Heldinnen

"Mama Superstar" ist voll solcher Höchstleistungen. Da ist Mama Mini, die eine Imbissbude betreibt, obwohl sie gerade erst gelernt hat, wie Deutsche zu kochen, Manik Chanders Mama Dally aus Indien, die vier Kinder erzieht und später als Altenpflegerin arbeitet. Und da ist Melisa Manriques Mama Niceta aus Peru, die vor dem Terror der kommunistischen Guerilla nach Italien flieht und nie wieder als Philosophielehrerin arbeiten kann.

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Mit der #MigrantMama Community wollen Melisa Manrique und Manik Chander den Mut weiblicher Immigrantinnen feiern.

Die Anerkennung dafür blieb ihnen, wie den meisten Immigrantinnen, versagt - auch 2019 sind Frauen mit Migrationsgeschichte in der öffentlichen Debatte meist "die ihrem Mann Hörige", "die mit den vielen Kindern", "die ohne Deutschkenntnisse". Mit den Geschichten, die ihre "Migrant Mamas" mitten im Leben zeigen, wollen die Töchter nun ihre Mütter feiern. Oft genug scheint dabei durch, dass auch sie es nicht leichter hatten: "Weil unsere Mamas Migrationsgeschichte haben, konnten sie uns zum Beispiel nicht bei den Hausaufgaben helfen. Sie konnten nicht - im Fall meiner Mama - meinen Freunden Pasta Carbonara anbieten. Sie konnten offizielle Dokumente nicht richtig verstehen, und ich musste das übersetzen. Wenn man ein Kind oder ein Teenager ist, ist das manchmal peinlich, man ist nicht immer geduldig und wünscht sich normale Eltern, die die Sprache gut kennen, die solche Hilfe nicht brauchen", erzählt Melisa Manrique.

Das Buch, das beide im Selbstverlag herausgegeben haben, kommt zur rechten Zeit: Schnell waren die 5.000 Bücher der ersten Auflage ausverkauft - zum größten Teil an deutsche Familien ohne Migrationsgeschichte, erzählt Manrique. Wie groß die Wissbegier ist, zeigt auch die Nominierung für den deutschen Integrationspreis der Hertie-Stiftung. "Mama Superstar" nimmt viele Fragestellungen auf, die die Gesellschaft der Bundesrepublik jetzt mit sich verhandelt: den Umgang mit Migrationsbiografien, Klischees über Frauen - ob mit oder ohne Kopftuch - und die Erkenntnis, dass auch Kinder und Enkel aus Einwandererfamilien ihr Deutschsein noch immer beweisen müssen. "Das habe ich mein ganzes Leben erlebt", erzählt Melisa Manrique. "In Italien haben mich die Leute angeguckt und gedacht: 'Nee, sie ist auf keinen Fall Italienerin.' Ich habe mich italienisch gefühlt, weil ich da aufgewachsen bin. Aber man sieht nur, wie jemand aussieht und sagt: 'Du bist nicht italienisch, du bist nicht deutsch.' Aber das muss nicht sein."

Rassismus als Alltagsphänomen

Für ein Buch, das so viel vermitteln will, ist der Ton leichtherzig und optimistisch: Auf jede Heldinnengeschichte folgt ein Kochrezept, eine Danksagung der Tochter - und ein Ratschlag an ihr früheres Ich.

An all die kleinen Maniks da draußen: Versuche zu verstehen, was es bedeutet, ganz neu in einem fremden Land zu sein. Deine Eltern sind wie Fische, die fliegen - und ist das nicht wunderbar? Sie schenken dir zwei Welten, wenn du es ihnen erlaubst. […] Es tut mir Leid, wenn dich andere Kinder deswegen ärgern. Versuch, einfach trotzdem stolz zu sein. Du wirst irgendwann merken, dass du nicht alleine bist. Buchzitat

Jede "Migrant Mama" hat auch Erfahrungen mit Rassismus und Xenophobie gemacht. Überlesen kann sie nur, wer das selbst nicht kennt. Die Töchter erzählen davon in einer ruhigen Knappheit, die verrät, dass solche Angriffe zu ihrem Alltag gehören. In der medialen Darstellung von Migrantinnen sind Katastrophen meist der Endpunkt. Hier sind sie nur ein Ereignis von vielen - wie der Brand in Mama Minis Imbissbude, erzählt im nüchternen Ton der Überlebenden.

Die Kraft steckt im Schreibprozess

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In "Mama Superstar" werden elf Biografien vorgestellt, die auf biografischen Interviews zwischen Mutter und Tochter basieren.

Das Buch "Mama Superstar" ist ein Zeitzeugnis, das deutsche Einwanderungsgeschichte festschreibt. Die Autorinnen haben dafür ganz bewusst das Sprachniveau C1 gewählt und jedes Kapitel auf 400 Wörter begrenzt. Die Kraft, die das Buch hat, steckt in seinem Schreibprozess: Denn jede Heldinnengeschichte basiert auf einem biografischen Interview zwischen Mutter und Tochter. Geschichte, tradiert von Frauen, die Frauen verbindet. Schade findet Melisa Manrique nur, dass ihre Mutter Niceta das Buch auf Deutsch nicht lesen kann. Aber die nächste Edition ist schon in Arbeit.

Mama Superstar

von
Seitenzahl:
150 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Mentor Verlag
Preis:
29,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 26.06.2019 | 19:00 Uhr

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