Anthony Horowitz: "Mord in Highgate" © Insel bei Suhrkamp

"Mord in Highgate": Krimi von Anthony Horowitz

Stand: 27.10.2020 10:49 Uhr

Der Brite Anthony Horowitz schreibt seit mehr als 40 Jahren Bücher und Drehbücher, längst gilt er als einer der produktivsten Autoren im englischsprachigen Raum.

von Andrea Heußinger

Allein seine preisgekrönte Agenten-Reihe um den 14 Jahre alten Alex Rider umfasst (bislang) 13 Bände, inzwischen wird sie auch verfilmt, die erste Staffel ist Anfang August beim Streamingdienst Amazon Prime erschienen, die zweite bereits in Arbeit.

Fortsetzungen für James Bond- und Sherlock Holmes-Romane

Neben den von ihm erfundenen Charakteren schreckt Horowitz aber auch nicht davor zurück, den bekanntesten und heiß geliebten Ikonen der englischen Literatur eine Zukunft zu verschaffen: Er hat bislang zwei James Bond- und drei Sherlock Holmes-Fortsetzungen geschrieben.

Kriminalfälle, Detektive und Agenten sind das Feld, auf dem Horowitz sich offenbar zuhause fühlt. Fast alle von ihm ersonnenen Figuren sind in dem Metier tätig. Auch der Privatdetektiv Daniel Hawthorne, der soeben seinen zweiten Fall gelöst hat - im Übrigen mit dem Autor höchstselbst im Schlepptau.

Anthony Horowitz ist schwer beschäftigt. Gerade starten die Dreharbeiten für die siebte Staffel der von ihm erdachten Serie "Foyle‘s War" über einen Kriminalkommissar im Zweiten Weltkrieg. Eine der wenigen aufwendigen Außeneinstellungen steht an - und mitten in die Aufnahme platzt Daniel Hawthorne, der Privatdetektiv, mit dem Horowitz seit kurzem zusammenarbeitet - oder besser zusammenarbeiten muss.

"Was machen Sie denn hier draußen?", fragte ich. "Es hat einen Mord gegeben", sagte er. "Ich dachte, Sie würden gern darüber schreiben." Wenn Sie zufällig "Ein perfider Plan" gelesen haben, dann wissen Sie, dass ich Detective Inspector Daniel Hawthorne als Berater bei einer Fernsehserie kennengelernt habe. Er hatte früher für Scotland Yard gearbeitet, aber seine Karriere hatte ein jähes Ende genommen, als ein Verdächtiger, der beschuldigt wurde, Kinderpornografie hergestellt und verbreitet zu haben, eine steile Treppe hinunterfiel.
Seither musste Hawthorne seinen Lebensunterhalt in der freien Wirtschaft verdienen. Wie ich bald feststellen sollte, war aber auch Scotland Yard an seinem Talent nach wie vor interessiert. Er wurde gerufen, wenn die Polizei auf einen dieser zähen Fälle stieß, denen man schon von weitem ansah, dass sie schwer oder gar nicht zu lösen sein würden. Leseprobe

Komplizierte Ermittlungen in einem neuen Fall

Diesmal wurde ein stinkreicher Promi-Anwalt umgebracht: Richard Pryce liegt tot im Arbeitszimmer seines edlen Anwesens, erschlagen mit einer Flasche Wein im Wert von 2.000 Pfund. Die erste Verdächtige ist schnell ausgemacht: die Ex-Ehefrau eines schwerreichen Mandanten, den Pryce bei der Scheidung vertreten hatte. Sie hatte dem Anwalt erst wenige Tage vor der Tat mitten in einem gutbesuchten Restaurant ein Glas Rotwein über den Kopf geschüttet - und dann gedroht, ihm eine Flasche über den Kopf zu hauen.

So richtig Lust auf den Fall hat Autor Horowitz ja zunächst nicht. Da er aber mit seinem Verlag einen Vertrag über insgesamt drei Bücher mit Hawthorne als Hauptfigur ausgehandelt hat, begleitet er den Detektiv bei dessen Ermittlungen. Die stellen sich schnell als deutlich umfangreicher und komplizierter heraus als zunächst angenommen.

Wie ein moderner Watson tappt der Autor hinter dem Detektiv her, immer wieder überrascht von den Entwicklungen, die der andere längst vorhergesehen zu haben scheint. All die Parallelen zu Sherlock Holmes sind natürlich gewollt. Der Chronist und sein Protagonist: arrogant, von oben herab, exzentrisch und sehr geheimnisvoll.

Detective Hawthornes Privatleben bleibt rätselhaft

Wenn ich drei Bücher über ihn schreiben sollte (und womöglich noch mehr, wenn er mit weiteren Fällen kam), dann musste ich besser über den Mann Bescheid wissen. Ich war mir inzwischen schon ziemlich sicher, dass ihm in seiner Kindheit und Jugend etwas passiert sein musste, dass er auf diese oder jene Weise beschädigt war, und wollte herausfinden, was das gewesen war, schon um sein oft so extremes Verhalten erklären zu können.
In gewisser Weise wollte ich ihm helfen. Er hatte mich zu seinem Biografen erwählt, und ich betrachtete es als meine Aufgabe, ihn so sympathisch wie möglich darzustellen. Das Problem bestand darin, dass er alle persönlichen oder privaten Dinge geradezu fanatisch vor mir zu verstecken versuchte. Leseprobe

Spuren, die in die Vergangenheit führen, immer neue unvorhersehbare Wendungen: Der Fall ist spannend. Aber noch interessanter und raffinierter ist die Konstruktion drumherum, dieser Mix aus Realität und Fiktion, der dadurch entsteht, dass der Autor selbst Teil des Buches ist. Seine Ehefrau Jill, das von ihm im Sherlock Holmes-Stil geschriebene Buch "Das Geheimnis des weißen Bandes", der James Bond-Roman von William Boyd - all das gibt es wirklich.

Im Roman wird Horowitz dann auch noch gefragt, ob er nicht den Bond-Nachfolger schreiben möchte. Im "wirklichen Leben" hat er inzwischen zwei Bond-Romane veröffentlicht. Dieses Spiel mit Fakten und Fiktion ist raffiniert, amüsant, gewitzt - und macht "Mord in Highgate" zu einem besonderen Krimi-Erlebnis.

Mord in Highgate

von Anthony Horowitz, aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff
Seitenzahl:
347 Seiten
Genre:
Krimi
Verlag:
Insel bei Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-458-17872-9
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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