Buchcover: Steffen Kopetzky "Monschau" © Rowohlt

Steffen Kopetzkys packender Pockenepidemie-Roman "Monschau"

Stand: 13.04.2021 10:37 Uhr

Steffen Kopetzkys Roman "Monschau" behandelt ein historisches und hochaktuelles Thema: Es geht um die letzte Pockenepidemie im Deutschland der 1960er-Jahre.

von Krischan Koch

Auf das Thema kam Steffen Kopetzky im Februar 2020: Er fuhr gerade nach einer Lesung in der Eifel an dem Straßenschild "Monschau" vorbei und erinnerte sich, dass er mal was über den Pocken-Ausbruch dort gelesen hat - und gleichzeitig kam im Autoradio die Nachricht vom ersten Corona-Toten in Europa.

Bereits mit seinem Roman "Risiko", einer Geschichte aus dem Ersten Weltkrieg, stand der bayrische Autor Steffen Kopetzky monatelang auf der "Spiegel"-Bestsellerliste und war außerdem für den Deutschen Buchpreis nominiert. In "Monschau" verwebt der Autor nun authentischen Vorkommnisse eines kaum bekannten Kapitels deutscher Geschichte mit einer Liebesgeschichte zu einem sehr stimmigen Zeitporträt der Bundesrepublik in den Sechzigern.

1962: Monschau wird von WHO zum Seuchengebiet erklärt

Monschau im Jahr 1962: In dem verschneiten kleinen Örtchen in der Eifel brechen zum letzten Mal in Deutschland die Pocken aus. Um das Virus zu kontrollieren, wird der Ort von der WHO zum Seuchengebiet erklärt. Die Geschichte seines Romans ist authentisch, erklärt der Schriftsteller: "Es geht um Ereignisse, wie wir sie auch aus heutigen Corona-Zeiten kennen. Der Karneval wurde abgesagt, es wurden Schulkinder in Quarantäne geschickt. Es wurde eine Fabrik observiert und mit äußersten Mitteln am Laufen gehalten."

Kopetzky lässt seinen Helden, den jungen griechischen Arzt Nikos Spyridakis mit seinem VW Käfer in die Provinz reisen. Er soll die Lage in den Rither-Werken, wo ein aus Indien zurückgekehrter Mitarbeiter die Pocken eingeschleppt hat, kontrollieren. In einem rüstungsähnlichen Schutzanzug begutachtet er die Verdachtsfälle und verhängt Quarantänemaßnahmen. Die Proteste des Firmenleiters der florierenden Schmelzofenfabrik klingen beängstigend vertraut.

Wir können ja nun nicht die Rither-Werke schließen oder? Genauso gut könnte man den Karneval absagen, das geht ja auch nicht. Ein Mädchen ist krank, das ist bedauerlich. Vielleicht haben sich einige andere angesteckt. Aber es gibt Grenzen, was man den Leuten zumuten kann.“ Zitat aus "Monschau"

"Monschau": Kampf gegen Pocken in den Adenauer-Ära

Detailliert schildert Kopetzky den Kampf gegen das hochinfektiöse Virus. Außerdem beschreibt er die Stimmung der Wirtschaftswunderjahre am Ende der Adenauer-Ära. In der Werkskantine riecht es nach Braten mit Klößen und Rotkohl. Nachts geht man auf die Jagd. Und der Firmenchef pflegt bedenkenlos alte Naziseilschaften. Gleichzeitig erzählt der Roman von der Aufbruchstimmung in den Sechzigern. Die junge Firmenerbin Vera, die in Paris Journalismus studiert und Simone de Beauvoir zitiert, kommt nach Monschau. Vera und der Arzt Nicos sind sich sofort nahe.

Vera und er, solche wie sie, die während der Schrecken des Zweiten Weltkrieges mit Murmeln gespielt, als Kinder in Luftschutzbunkern geschlafen hatten, sie wollten ein neues Europa und sie wollten guten amerikanischen Jazz. Zitat aus "Monschau"

Steffen Kopetzkys Roman nimmt Atmosphäre der 60er-Jahre auf

Die glasklare Trompete von Miles Davis liegt als Soundtrack unter dem ganzen Buch. Vera und Nikos rauchen dabei und debattieren über das Verdrängen der Nazivergangenheit, deutsche Kriegsverbrechen in Griechenland und natürlich über das Virus. Das wirkt alles andere als akademisch. Kopetzky zeichnet pralle Charaktere, malt Szenen in satten Farben und mit dem passenden Sound. Er sagt: "Man kann diesen Roman als zeitgeschichtlichen Roman lesen über ein historisches Ereignis in der Nachkriegszeit 1962. Man kann es aber auch lesen als einen Abenteuerroman, in dem ein junger Held in eine gefährliche Gegend kommt, wo er den Drachen bekämpfen muss und sich natürlich in die Prinzessin verliebt. "

So souverän wie selbstverständlich verwebt Kopetzky die authentischen Vorkommnisse mit einer wunderhübschen Lovestory und auch mit ein paar Momenten aus Arzt- und Abenteuerromanen. Doch vor allem ist es eine hochaktuelle exemplarische Geschichte über ein Virus und seine Konsequenzen für die Gesellschaft und ein sehr stimmiges Zeitporträt der Bundesrepublik in den Sechzigern. Atmosphärisch, treffend und höchst unterhaltsam. Und in Corona-Zeiten macht "Monschau" am Ende auch ein bisschen Hoffnung.

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Monschau

von Steffen Kopetzky
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Das Hörbuch "Monschau", gesprochen von Johann von Bülow, gibt es bei Argon für 18,94 €.
Verlag:
Rowohlt Berlin
Bestellnummer:
978-3-608-50482-8
Preis:
22 €

Dieses Thema im Programm:

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