Stand: 15.05.2020 13:14 Uhr  - NDR Kultur

Die fantastische Insel eines Komponisten

Mondariz
von Yorck Kronenberg
Vorgestellt von Raliza Nikolov
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Auf Mondariz spürt ein junger Musikwissenschaftler seinen Erinnerungen nach.

"Mondariz" heißt der neue Roman des in Berlin lebenden Schriftstellers und Musikers Yorck Kronenberg. Auch im fünften Roman des Autors macht sich deutlich bemerkbar, dass Kronenberg in Lübeck Klavier und Komposition studiert hat. Alles, was man lebensvoll und sinnlich beschreibe, gebe es auch, hat er einmal sinngemäß gesagt. In seinem neuen Roman lässt Kronenberg die Vulkaninsel Mondariz im südlichen Atlantik Wirklichkeit werden.

"Mondariz": Eine Fantasiewelt wird wahr

Sein Ich-Erzähler ist ein recht träger junger Musikwissenschaftler, der auf dem Weg dorthin Reiseberichte von Melville und Bruce Chatwin liest und, auf Mondariz angekommen, eher umherschlendert und an seine verflossene große Liebe denkt, als zu arbeiten, wie er es sich ursprünglich vorgenommen hatte. José Diego Coimbra heißt sein Forschungsobjekt, der Komponist, der im 19. Jahrhundert eine neue Tonsprache entwickelte und Mondariz nie verließ.

Seine Heimat, so begrenzt sie scheinen mag, war für Coimbra der Ort einer Fülle von gleichzeitig sich ereignenden Lebensläufen, Geräuschen, Handlungen, die sich zwar in scheinbarer Beschaulichkeit vollzogen, in Wahrheit die Auffassungsgabe jedes Einzelnen aber bei Weitem überschritten. "Man kennt die Insel nie", schrieb er an einen Freund in Kolumbien, "und das, obwohl man jeden Winkel unzählige Male besucht hat. Jede Nacht schnarchen Menschen in ihren Betten, in ihren Träumen, in ihren Labyrinthen, während unter ihnen das Meer gurgelt und in Wellen über den Strand läuft, während die alten Häuser im Wind ächzen, und während nur ich am Schreibtisch sitze, verschwimmendes Notenpapier vor Augen, um wenigstens einen Teil meines Schwindels ins Reich des Hörbaren zu überführen." Leseprobe

Anfangs lässt man sich nur zu gern gefangen nehmen von dieser abgeschiedenen, geheimnisvoll, oft surreal anmutenden Welt, in der es nur scheinbar so beschaulich und friedvoll zugeht; wo jeder jeden kennt, wo alle sich auch an die verflossene große Liebe des Ich-Erzählers erinnern und nach ihr fragen, weil die beiden zehn Jahre zuvor gemeinsam dort gewesen waren - eine stille Welt, in der die Geräusche der Natur, der Wind, die Wellen, der Regen, und ein Klavier die tönende Kulisse bilden, die Fantasie anregen.

Unhörbare Musik begleitet die Traumbilder

Yorck Kronenberg hat sich für die Kompositionsweise Coimbras etwas Eigentümliches einfallen lassen:

José Diego Coimbra wurde von der Idee der "Geisterstimme", wie ich die zwar notierte, aber nicht zu spielende Melodie in der Mitte der Klaviervariationen genannt habe, in der Folgezeit nicht mehr losgelassen: Es gibt Stücke, in denen die unhörbare, nur gedachte "Schattenmusik" im Bild der Partitur mehr Platz einnimmt als tatsächlich zu spielende Noten. Leseprobe

Das Unhörbare als Sinnbild für das Märchenhafte, für die Traumbilder, die diesen Roman bestimmen? Als der Ich-Erzähler die Klaviervariationen im Konzert hört, singt er die "Geisterstimme" mit und erträgt diese Übertretung kaum, stürzt hinaus. Der Boden schwankt immer wieder unter seinen Füßen im Roman.

Er möchte sich vergebens seines Zeitgefühls versichern, ist hin- und hergeworfen zwischen den Begegnungen mit den Figuren auf der Insel der Gegenwart und dem Dialog mit "J.", der großen Liebe der Vergangenheit, von der er sich nicht befreien kann, die er immer wieder in Gedanken anspricht, zu der er nach wie vor Kontakt hat, die ihn nie loslässt, erst recht nicht, als eine neue Frau sich an ihn lehnen möchte, Maria.  

Zum ersten Mal kam mir auch der Gedanke, statt einer wissenschaftlichen Arbeit einen Reisebericht zu schreiben, den ich als Brief in einen Umschlag packen und Maria zuschicken würde. Vielleicht verstand ich dich nach all den Jahren jetzt zum ersten Mal ganz. Leseprobe

Kronenberg macht zu viele Andeutungen

Am Ende des Buches hat Yorck Kronenberg viele Fäden miteinander verwoben, viele Andeutungen gemacht. Auch er selbst taucht auf, namentlich als Yorck Kronenberg, ein deutscher Pianist, der dem Ich-Erzähler unbekannt ist, der aber trotzdem mit ihm ins Gespräch kommt und ihm sogar einen Talisman schenkt.. All das ist zu viel für einen geheimnisvoll abgeschieden daliegenden Ort. Es ist, als hätte jemand plötzlich einen grellen Scheinwerfer angeworfen und uns aus der Welt der Träume und Märchen herausgerissen. Aber wir wollen uns trotzdem einbilden, dass nichts Wesentliches verloren geht, ein Notenblatt schwer genug, ein Windstoß leicht genug ist.

Ich zog die Kopien der Variationen aus der Tasche, als müsse das veränderte Licht mir Einzelheiten der Partitur offenbaren, die mir bisher entgangen waren. Einmal begann das Papier in einem Windstoß zu flattern, ein Blatt glitt mir aus der Hand. Ein Mann an der Reling fing es im Flug. Leseprobe

Mondariz

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Dörlemann
Bestellnummer:
978-3-038200758
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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