Stand: 07.01.2019 00:05 Uhr

Mit Spannung erwartet: Der neue Houellebecq

Serotonin
von Michel Houellebecq
Vorgestellt von Heide Soltau

Der neue Roman des Franzosen Michel Houellebecq, Autor des Bestsellers "Unterwerfung", hat schon vor Erscheinen für Schlagzeilen gesorgt. Bis kurz vor Weihnachten kannte man noch nicht einmal den Titel, der Verlag hielt alle Informationen zurück. Das erhöhte erwartungsgemäß die Spannung und führte zu wilden Spekulationen. Vom "Vorausdenker" Houellebecq war die Rede und vom "Propheten der Gelbwesten". "Serotonin" heißt der Roman, der jetzt in Deutschland auf den Markt kommt.

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Der französische Autor Michel Houellebecq schreibt über einen Mann in der Midlife-Crisis.

Größer hätte die Überraschung nicht sein können. Michel Houellebecq, der notorische Provokateur, präsentiert einen Liebesroman und eine Eloge auf die traditionelle Zweisamkeit. Nach seinem Bestseller "Unterwerfung" über den Werteverlust der westlichen Welt und den Aufstieg des Islam, hätte damit wohl niemand gerechnet. Das Politische spielt im neuen Roman "Serotonin" erst im zweiten Teil eine Rolle. Dann erzählt Houellebecq vom Überlebenskampf der Milchbauern in der Normandie und ihrer Rebellion gegen die mangelnde Unterstützung durch die französische Regierung und die Europäische Union. Es gibt sogar Tote.

Ein Houellebecq-Held in der Midlife-Crisis

Im Mittelpunkt des Romans steht Florent-Claude, ein Agraringenieur mit den handfesten Symptomen einer Midlife-Crisis. Auslöser ist der Anblick von zwei sommerlich leicht bekleideten jungen Mädchen.

Ich weiß nicht, warum so eng anliegende Shorts überhaupt hergestellt werden, es war unmöglich, nicht von ihrem Arsch hypnotisiert zu werden. Es war unmöglich, ich schaffte es nicht...   

Plötzlich wird ihm sein Alter bewusst und wie leer und unglücklich sein Leben ist. Das will er ändern und macht Tabula rasa, indem er seinen gut bezahlten Job beim Landwirtschaftsministerium kündigt, seine japanische Lebensgefährtin verlässt, ohne ihr eine Nachricht zu hinterlassen, und sich in einem Pariser Hotel einmietet. Aber der Neuanfang mündet in Depressionen.

... ich war nichts anderes, war tatsächlich nichts anderes, war nie irgendetwas anderes gewesen als ein substanzloses Weichei, und nun bin ich schon sechsundvierzig Jahre alt....

Überraschend unpolitisch

Der von Selbsthass getriebene Florent-Claude erträgt sich und die Welt nur noch mit dem Antidepressivum Captorix, das die Produktion des Glückshormons Serotonin anregen soll. Captorix ist ein neues, "erstaunlich" hilfreiches Mittel, das jedoch zu "unerwünschten Nebenwirkungen" führt: zu "Libidoverlust und Impotenz".

Thematisch ein Novum im Houellebecqschen Universum, denn für die Männerfiguren gab es bisher Sex im Überfluss, bilder- und wortreich beschrieben in allen Varianten, aufdringlich bis zur Schmerzgrenze. Auch Florent-Claude hat so gelebt, kann aber erst im Zustand der Impotenz sein Leben, die Liebe, die Frauen und Arbeit überdenken. Die Bilanz fällt in jeder Hinsicht niederschmetternd aus.

Ich hätte eine Frau glücklich machen können. Oder vielmehr zwei ... Es war von Beginn an alles klar, ausgesprochen klar, aber wir haben es nicht begriffen. Sind wir Illusionen von individueller Freiheit, von einem offenen Leben, von unbegrenzten Möglichkeiten erlegen? Das mag sein, diese Gedanken entsprachen dem Zeitgeist; (...) Wir haben uns damit zufrieden gegeben, uns ihnen anzupassen, uns von ihnen zerstören zu lassen und dann sehr lange darunter zu leiden.

Michel Houellebecq zeichnet ein düsteres Bild. Politisch endet der Aufstand der Milchbauern in einem Blutbad und privat gibt es auch keine Hoffnungen. Was bleibt, ist Einsamkeit. Am Ende bereitet sich Florent-Claude auf den Tod vor. Der Roman "Serotonin" ist ein Abgesang auf die Verheißungen des Neoliberalismus, ein Abgesang auf das Leben unter diesen Bedingungen und ein Abgesang auf die Potenz des weißen Mannes. Virtuos komponiert, mit bitterbösen, ironischen, aber auch geschmacklosen Szenen, diesmal Gruppensex mit Tieren und dem Auftritt eines deutschen Kinderschänders. Man kennt das von Houellebecq, er provoziert gern, das ist Teil seines Erfolgs und hat auch "Unterwerfung" mit in die Bestsellerlisten katapultiert. Aber an diesen hochpolitischen Roman reicht "Serotonin" nicht heran.

Serotonin

von
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Dumont
Veröffentlichungsdatum:
07.01.2019
Bestellnummer:
978-3-8321-8388-2
Preis:
24 Euro €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Buchtipp | 07.01.2019 | 06:56 Uhr

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